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Mit dem URL-Shortener geht alles zu Ende

Sie sind Fluch und Segen zugleich. Sie sorgen für kurze Links mit wenig Zeichen. URL-Shortener sind ein wichtiges Werkzeug geworden – ihr übermäßiger Einsatz bringt jedoch die Zukunft des Internets in Gefahr. // von Florian Ertel

 sh_650Seit knapp 15 Jahren gibt es die Möglichkeit, eine lange Internetadresse in eine kurze URL umzuwandeln. Mehr als 1.000 unterschiedliche Dienste gab es bereits und einige von ihnen sind aus unserem täglichen Online-Leben nicht mehr wegzudenken.  Eine gefährliche Entwicklung, wenn man Sicherheit und Nachhaltigkeit seiner Webinhalte und des Internets in die Wagschale legt.


Warum ist das wichtig? Das Internet ist ein Netzwerk aus Informationen. Jede Information hat einen Ursprung. Webseiten verlinken und verweisen uns auf neue und alte Datensätze. Wir schätzen diese Möglichkeit und das Wissen das dahinter steckt, dass wir jedoch unbeabsichtigt in Gefahr bringen. Was wäre, wenn Weiterleitungen nicht mehr funktionieren? Was wird aus dem Internet?

  • Das Internet lebt von Verlinkungen und Weiterleitungen. Tote Links haben keinen Nutzen und gefährden die funktioninsfähigkeit des Netzes.
  • URL-Shortener haben einen wichten Platz in unserem Online-Werkzeugkasten übernommen. Ohne t.co, bit.ly oder goo.gl kommen viele nicht mehr aus.
  • Wer Online publiziert, möchte auch eine gewisse Nachhaltigkeit seiner Inhalte erzeugen. Doch wie sicher sind die Informationen wenn Sie von nur einem Dienst abhängig sind?

Eine Nachricht so zu formulieren, dass sie in einhundertvierzig Zeichen passt, dabei möglichst alle wichtigen Informationen übermittelt, trotz Hashtag-kennzeichnungen gut aussieht, vielleicht sogar noch mehrere Personen per @-Markierung direkt anspricht, für die größere Aufmerksamkeit ein Bild beinhaltet und dann noch einen Link auf den eigentlichen Artikel enthält, ist mindestens genauso kompliziert, wie diesen Schachtelsatz zu lesen.

Twitters Textbegrenzung auf 140 Zeichen ist Fluch und Segen zugleich. Zum einen können mit Hilfe der Tweets schnell Informationen kommuniziert und konsumiert werden, zum anderen lässt die Zeichenbegrenzung nicht viel Spielraum für ausführliche Erklärungen.

Aus diesem Grund ist der URL-Shortener zu einem der wichtigsten Tools des Twitter-Nutzers geworden. Die Möglichkeit, Internetadressen auf wenige zeichen herunterzukürzen, ist Gold wert. Der erste populäre Dienst dieser Art erschien bereits vier jahre vor dem ersten Tweet. Anfang 2002 erschien TinyURL auf den Monitoren dieser Welt. Dessen Erfolg war Grundstein für bis dato mehr als 1.000 unterschiedliche Dienste dieser Art. Egal ob bekannte Anbieter wie bit.ly und goo.gl oder weniger oft genutzte wie hurl.me oder ow.ly. Der URL-Shortener ist ein aus dem täglichen Onlineleben nicht mehr wegzudenkendes Werkzeug.

Von Datenerhebungen und knapp zwei Dollar

Jeder dieser Dienste besitzt die Hauptfunktion der URL-Kürzung. Einige beschränken sich darauf – andere bieten zusätzliche Funktionen an. Eine der wichtigsten dabei ist die Möglichkeit zur an- und abschließenden Erfolgsmessung des Links. So hat man zum Beispiel die Möglichkeit auf den ersten Blick zu sehen ob der Link geteilt wird oder wieviele Nutzer ihn geklickt haben.

Eine andere Funktion ist die vermeintliche Antwort auf eine Frage, die sich viele Blogger und Online-Aktive im Netz stellen: „Wie kann ich mit meinen Inhalten Geld verdienen?“. Anbieter wie adfoc.us, adtu.be, coinurl.com oder adf.ly meinen die passende Antwort gefunden zu haben. Ihre URL-Shortener leiten den Nutzer erst auf eine Werbeanzeige weiter, bevor dieser zum eigentlichen Ziel gelangt. Je häufiger der Link aufgerufen wird, desto höher ist am Ende ausgezahlte Betrag. Wobei sich über die Begrifflichkeit „Höhe“ durchaus streiten lässt. Adf.ly zahlt Nutzern aus Deutschland im Schnitt 1,74 US-Dollar pro 1.000 Aufrufe aus. Ein Ertrag der am Ende vielleicht teuer erkauft ist.

Das große Problem und ein Ansatz zur Lösung

Hier liegt nämlich eines der größten Probleme der URL-Kürzungsdienste: Die Intransparenz des Links. Wie soll ein Internet-Nutzer erkennen, auf welche Seite der Linkweiterleitet. Durch die Kürzung und Umwandlung in eine kryptische ID wird das eigentliche Ziel nicht mehr ersichtlich. Die Gefahr ist groß, auf unsichere Webseiten geführt zu werden.

Um diese Furcht zu minimieren und seinen Namen oder Marke trotzdem darstellen zu können, gibt es die Möglichkeit einen eigenen URL-Shortener einzurichten. Netzpiloten-Autor Tobias Gillen hat sich bei einem Selbstversuch bereits ausgiebig damit beschäftigt und kam zu dem Schluss: Mission gescheitert. Fehlende Usability, falsche Statistiken und keine Möglichkeit die Viralität der Links zu prüfen. Trotzdem: Eine eigene Kurz-URL stärkt das Vertrauen in den Link und dessen Inhalt. Der Nutzer kann sich sicher sein, dass er hier auf der sicheren Seite klickt.

Links kürzen ist nicht nachhaltig

Damit wäre doch eigentlich alles gesagt – oder? Ein URL-Shortener ist ein wichtiges Tool um lange Adressen auf eine angemessene und merkbare Größe zu schrumpfen. Er liefert Zahlen zur detailierten Auswertung von Interaktionen und er kann, trotz Kürzung, bei Personalisierung der URL, Vertrauen beim Nutzer erzeugen und einen Teil zur Markenbildung beitragen.

Doch wie verhält es sich eigentlich, wenn der genutzte Dienst mal nicht mehr zur Verfügung steht? Das Internet, so die landläufige Meinung, erinnert sich an alles. Manchmal ist das schlecht – manchmal ist es aber gut. Als ich für meine Bachelor-Thesis recherchiert habe, landete ich des öfteren auf älteren Webseiten. Trotz des auf Frames basiertem Designs, lieferten sie sehr gute Inhalte, die von der Thematik her kein bzw. nur ein geringes Verfallsdatum aufwiesen. Nimmt man nun an, dass innerhalb dieser Artikel die Verweise und Links per URL-Shortener hinterlegt wären, die Dienste jedoch nicht mehr verfügbar ständen, dann wären alle weiterführenden Informationen verloren.

Glaubt man nicht? Ist aber so: Bis 2010 gab es einen Shortener-Dienst namens UNU. Dieser Dienst war einer der ersten URL-Shortener mit nur drei Zeichen. Dadurch war er nicht nur zwei Zeichen kürzer als das Angebot von bit.ly, sondern sogar fünf Zeichen kürzer als tinyurl.com – ein für die damalige Zeit, echtes Wettbewerbsargument. Trotzdem hatte der Dienst keinen Erfolg. Zum einen lag es daran, dass er vermehrt von Link-Spammern genutzt und seine Links auf kinderpornografische Inhalte geleitet haben und zum anderen an der geringen Wirtschaftlichkeit – worauf hin er abgeschaltet wurde. Wer jetzt die Adresse von UNU öffnet, landet auf dem Angebot einer amerikanischen Wellnes Community und alle per UNU generierten Weiterleitungen funktionieren nicht mehr.

Wie wir das Netz kaputt kürzen

UNU ist nur ein Beispiel für nicht mehr nutzbare URL-Shortener. Die gängigen Dienste versprechen zwar vollmundig eine fortwährende Weiterleitung, doch sollte man diese Aussagen mit Vorsicht genießen. Wer seine Webinhalte mit viel Sorgfalt zusammenstellt, der sollte in erster Linie an seine Leser denken! Das betrifft sowohl die Nachhaltigkeit der Inhalte als auch das Nutzerempfinden und Usability. Wer hat schon Lust auf einen Link zu klicken und länger als 1-2 Sekunden auf die Anzeige der Zielseite zu warten?

Durch die vermehrte Verwendung von dienstspezifischen URL-Shortenern, steigt auch die Gefahr einer undurchsichtigen Verschachtelung von Weiterleitungen. Ein Twitterlink verweist auf einen Bufferlink, verweist auf einen Bitlylink, verweist auf die eigentliche Zielseite. Auf der Webseite von Scott Hanselmann findet man einen idealen Link der dies sehr eindrucksvoll verdeutlicht: http://slate.me/1h0svt8. Es handelt sich dabei um einen Link via Twitter, der vomSlate-Magazin getweeted wurde.
Erst nach gefühlten 5 Sekunden öffnet sich die Zielseite – vorher durchläuft er noch die unterschiedlichsten Redirects. Nutzerfreundlich ist das nicht.  

Man beachte also: Jede Verschachtelung von Redirects erhöht gleichzeit die Gefahr einer nicht mehr funktionierenden Weiterleitung. Nur einer der zwischengeschalteten Dienste, muss versagen – und der komplette Link ist tot. Wer sich im Netz bewegt und darauf achtet wie oft ihm eine gekürzte URL begegnet, der kann sich vorstellen wie es wäre, wenn einer der Dienste den Betrieb und die Weiterleitung aufgeben sollte.

Wir haben es also selbst in der Hand. Noch können wir sie selbst gestalten: die Zukunft dieses Internets, das wir alle so lieben.


Teaser & Image by jronaldlee (CC BY-SA 2.0)


 

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Florian Ertel

Florian Ertel

/ Jahrgang 83, absolvierte eine kaufm. Ausbildung im IT-Bereich und arbeitete als Campaign-Manager in einer erfolgreichen deutschen Online-Marketing Agentur. Studierte praxisnah Multimedia Production in Kiel und half nebenbei in der Online-Redaktion von NDR1 Welle Nord aus. Ehemaliger Praktikant bei den Netzpiloten und Blogger über nachhaltige Dinge mit Charakter.

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