Alain Genevaux über Microsoft: „Wir sind eine Plattform-Firma“

Seit Anfang September 2016 leitet Alain Genevaux die Office Business Group bei Microsoft. Damit ist der seit 24 Jahren bei Microsoft tätige Vertriebsexperte der Nachfolger von Dr. Thorsten Hübschen, der in den letzten zehn Jahren das Office-Geschäft von Microsoft Deutschland geleitet hat. In den neuen Verantwortungsbereich von Genevaux fallen der Auf- und Weiterbau der sogenannten Produktivitätslösungen rund um Office 365. Dazu zählen Office 365, Skype for Business, SharePoint und Yammer. Darüber hinaus wird er die Einführung der „Microsoft Cloud Deutschland“ begleiten. Im Interview mit unserem Autor Tobias Schwarz reden die beiden über vernetztes Arbeiten und den Wandel bei Microsoft unter Satya Nadella.

Tobias Schwarz: Vernetztes Arbeiten und vernetztes Kommunizieren ist in kleinen Teams und Startups einfach, angenehm und fast schon üblich. Microsoft aber ist ein großes Unternehmen. Wie organisiert man unter diesen Bedingungen ein vernetztes Arbeitsumfeld?

Alain Genevaux: Dafür haben wir interne Tools, die das erlauben und unterstützen. Zum Beispiel Yammer, ein Tool, das uns dabei hilft, produktiv in Gruppen zu arbeiten. Das ist viel effizienter als per Mail. Über Yammer kann man Diskussionen nachvollziehen, Gespräche entwickeln und sich mit Kollegen auf der ganzen Welt austauschen. So werden Leute unternehmensweit vernetzt.

Menschen reagieren unterschiedlich auf neue Technologien. Wie macht Microsoft das? Nimmt man intern Mitarbeiter an die Hand und ist die Nutzung der Tools verpflichtend für die Mitarbeiter?

Die Nutzung der Tools ist nicht verpflichtend, das sind Optionen. Man kann natürlich weiterhin per E-Mail kommunizieren, wenn das für die eigene Arbeit am besten ist. Allerdings denke ich, dass wir alle so viele E-Mails bekommen, dass häufig die Konversationen nicht mehr nachzuvollziehen sind. Da sind Yammer oder das kürzlich gelaunchte Microsoft Teams weitaus effizienter. Hier wird der Themenfokus je nach Gruppe eingeschränkt und der Austausch ist fokussierter. Eine Pflicht ist das aber nicht.

Hat Microsoft sich auch in der Struktur seiner Abteilungen geändert, also an die Möglichkeiten neuer Kommunikationswege angepasst?

Wir sind in unseren Strukturen flexibler geworden. Grundsätzlich versuchen wir, statt kleinen Teams aus zwei bis drei Leuten eher Teams aus acht bis zwölf Personen zu schaffen. Früher haben wir häufig nach Seniorität Leute auf Management-Positionen befördert, sodass teilweise sehr kleine Teams entstehen konnten. Das ist so nicht mehr möglich. Wir legen großen Wert auf flache Hierarchien und agile Strukturen, die Entscheidungsfreiheit wird den Teams überlassen. Man muss nicht unbedingt über Satya Nadella gehen, um ein Ja oder Nein zu bekommen. Vertrauen wird nach unten delegiert und ein Team mit fünf, zehn oder zwanzig Leuten darf eine Entscheidung treffen und dafür die volle Verantwortung übernehmen. Es gibt die Möglichkeit, Fehler zu machen und aus den Fehlern zu lernen, um neue Ideen zu entwickeln.

Nicht jeder kann mit Verantwortung und Freiheit umgehen. Sie können aber trotzdem wertvolle Mitarbeiter sein. Wie integriert man ganz verschiedene Menschen in ein Microsoft-Team?

Ich glaube, wir entwickeln heutzutage unsere Manager eher als Coaches. Früher haben wir Mitarbeiter nach ganz genauen Zielen bewertet: Du hast etwas erreicht, also bekommst du einen Bonus. Jetzt achten wir bei Microsoft eher darauf, wie die Ziele erreicht wurden, das heißt, ob ich mit anderen Leuten zusammengearbeitet habe, ob ich Ideen aus anderen Gruppen eingebunden habe, um meine eigene Arbeit zu beschleunigen und zu verbessern. Das hat mehr Gewicht als die reine Zahl, die man erreicht hat. Damit sind die Manager eher Coaches geworden – so lassen sich alle Mitarbeiter besser integrieren, weil alle mit ihren individuellen Eigenschaften diese Ziele erreichen können.

Mit dieser Erkenntnis ist Microsoft seinen eigenen Kunden meist einen Schritt voraus. Nützt dies bei der Vermittlung, warum man Yammer oder Microsoft Teams nutzen sollte?

Sicherlich erleichtert unsere Unternehmenskultur den Umgang damit. Aber wir bieten den Mitarbeitern auch Schulungen an, in München gibt es zum Beispiel jeden Monat eine neue Liste von Trainingsangeboten. Das wird den IT- oder Marketing-Leuten angeboten, man hat also regelmäßig die Möglichkeit, etwas Neues auszuprobieren. Natürlich wird von Microsoft-Mitarbeitern eher erwartet, dass sie sich von selbst mit den Tools beschäftigen, aber es gibt auch eine Learning-Plattform, die man gut nutzen kann, um neue Produkte kennenzulernen.

Was war in Ihrem bisherigen Lebenslauf die wichtigste Erfahrung für Ihren heutigen Job?

Ich habe drei Jahre für Microsoft in Amerika verbracht und war für eine weltweite Gruppe zuständig, ungefähr 500 Leute, die über die ganze Welt verstreut waren. Mein Chef hat mir zum Thema Kommunikation gesagt: „Du musst deine E-Mails so schreiben, also ob du jemanden anschreiben würdest, der oder die gerade erst vor zwei Tagen bei Microsoft reingekommen ist, kaum Englisch spricht und das Business noch nicht versteht. Und so präzise muss deine Kommunikation sein.“ Das heißt: keine Abkürzungen, keine langen Sätze, sondern einfache Kommunikation. Das hat eine viel größere Wirkung als ein langer Text, der einfach zu kompliziert ist.

Tools wie Microsoft Teams werden zwar über IT-Abteilungen in Unternehmen integriert, nutzen müssen es aber die Mitarbeiter. Wie überzeugt man diese davon, ein neues Tool zu nutzen?

Wir merken bei Cloud-Lösungen, dass die IT-Abteilung nicht mehr sonderlich involviert ist. Die Entscheidung, solch eine Cloud-Lösung einzusetzen, kommt von den Fachbereichen. Das Marketing würde entscheiden, dass es näher am Kunden sein muss und die Lösung dafür braucht. Der Vertrieb würde sagen, dass er mehr Umsatz generieren muss – dafür braucht er beispielsweise ein CHM-Tool, das so etwas erlaubt. Da die Finanz- und Entscheidungskraft für Einkäufe von Tools heutzutage in den Fachbereichen sitzt, nicht mehr nur beim Einkauf, sammelt und konsolidiert die IT diese ganzen Produkte erst einmal, ist bei den Entscheidungen aber nicht mehr der erste Ansprechpartner.

Wie vernetzt man so unterschiedlichen Tools wie Yammer, Skype und das neue Microsoft Teams?

Wir schauen, nach welchem Bedürfnis unsere Kunden fragen, das ist erstmal wichtig. Wie kommunizieren Business-Kunden? Wie kommunizieren unsere Konsumenten? Was ist am effizientesten? So werden die neuen Entwicklungen definiert. Ob Yammer oder Teams so integriert werden, hat damit zu tun, wie unsere Kunden arbeiten – ob sie effizienter arbeiten, um erfolgreicher zu werden. Darum geht es letztendlich. Der Kunde steht immer im Mittelpunkt der Entwicklung. Das ist wichtig.

Wie viel Einfluss hat der Kunde auf die Produktentwicklung?

Die Welt ist nicht mehr einheitlich, man arbeitet nicht mehr nur mit Microsoft oder nur Google. Nochmal zum Thema: wir arbeiten mit Kunden. Der Kunde möchte eine Plattform haben, um damit Applikationen laufen lassen zu können und wir bei Microsoft wollen versuchen, dass unsere Produkte auf allen Plattformen genutzt werden und verfügbar sind. Wenn Sie sich heute ein iPhone anschauen, heißen die Top-Applikationen Word, Excel, PowerPoint, Skype, Wunderlist und so weiter. Das sind alles Microsoft-Applikationen, die genauso für iOS oder Android laufen. Und hier kommen diese Welten zusammen. Es gibt Bereiche, innerhalb derer wir in einem harten Wettbewerb sind und es gibt Bereiche, bei denen wir zusammenarbeiten, weil die Kunden so vernetzt arbeiten. Das ist die neue Cloud-Welt.

Ein paar der Microsoft-Apps, beispielsweise Microsoft Outlook für Android, sind hervorragende Android-Apps. Ich finde, dass Microsoft das schafft, ist sehr überraschend.

Wieso überraschend?

Weil Microsoft sich sehr lange Open-Source-Plattformen verweigert hat. Zuletzt merkte man aber in verschiedenen Bereichen, dass Microsoft sich zu öffnen scheint.

Das ist tatsächlich die Philosophie, die unser CEO Satya Nadella geprägt hat, seit er der Chef ist. Wir sind tatsächlich eine Productivity- und Plattform-Firma. Productivity bedeutet, Office soll zum Beispiel überall so laufen, dass alle Kunden produktiv sein können – egal, was sie nutzen. Es geht in erster Linie um Produktivität durch Office-Produkte. Excel, PowerPoint, Skype – on the road und mobil – das hat mit Produktivität zu tun. Und zur Plattform: wir sind grundsätzlich eine Plattform-Firma. Das war auch vorhin das Beispiel. Wir haben drei wesentliche Plattformen: Office, Azure und Windows, auf denen entwickelt wird. Es sollte keine Verwirrung geben. Das ist auch die Philosophie von Microsoft.


Image: Alain Geneveaux by Microsoft


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