#mehrwissen: Die Wissenschaft des Heavy Metal (Teil II)

Im zweiten Teil des Artikels über die Wissenschaft des Heavy Metals geht es um Mosh Pits, Circle Pits und die Signale, die Festivalbesucher aussenden. Die Musikrichtung Heavy Metal wird immer mehr zum vielfältigen Forschungsgebiet für die Wissenschaft, die dabei interessante Erkenntnisse sammelt. Forscher befassen sich nämlich nicht nur – wie in Teil I beschrieben – mit physiologischen Aspekten wie der Stimme von Metal-Sängern auf der Bühne und dem Blutdruck der einzelnen Zuhörer, sondern, auf einer anderen Größenordnung, auch mit dem kollektiven Verhalten der Fans vor der und um die Bühne.

Konzertbesucher verhalten sich wie Partikel in Gasen

Wer schon mal auf einem Metal-Konzert war, weiß: Man muss sich entscheiden. Will man vorne mit in der Masse toben, oder macht man es sich weiter außen bequem, wippt mit dem Fuß und freut sich, dass das Bier im Becher bleibt.

Das Verhalten einer Menschenmasse hängt vom sozialen Kontext ab. Und Metal-Konzerte bieten ein hervorragendes Testfeld für ein „extremes soziales Aufeinandertreffen großer Menschengruppen“, wie Physiker von der Cornell University in Ithaca, New York in einer Studie schreiben.

Auf Metal-Konzerten kommt es vor der Bühne häufig zur Bildung sogenannter Mosh Pits. In diesen Menschentrauben geht es wild und ausgelassen zu, während ein Kessel aus zurückhaltenderen Konzertbesuchern sie umgibt. „Die Stimmung wird durch die laute, schnelle Musik (130 dB, 350 bpm) in Kombination mit hellem Blitzlicht und dem weitverbreiteten Gebrauch von Rauschmitteln beeinflusst und mündet häufig in Verletzungen“, schreiben die Autoren der Studie. Auch bilden sich sogenannte Circle Pits aus, Wirbel von bis zu hunderten Menschen, die alle in derselben Richtung im Kreis laufen und tanzen.

 

Die Forscher von der Cornell University analysierten eine Reihe von YouTube-Videos mit einer Methode namens „Particle image velocimetry“, die gewöhnlich dazu dient, anhand einzelner Partikel die Geschwindigkeit und Richtung von Strömungen zu bestimmen. Sie stellten fest, dass die Bewegungen der Mosher dem Verhalten von Partikeln in Gasen ähnelten. Deshalb verwendeten sie physikalische Modelle aus der Gas-Theorie, um genauer zu verstehen, wie die Phänomene Mosh und Circle Pit entstehen.

In ihren Simulationen stellten sie fest, dass die Modelle der Realität am nächsten kamen, wenn die Forscher die Mosher mittels zweier Klassen einfacher, weicher Partikel beschrieben. Die „aktive“ Klasse unter den Moshern bewegte sich eigenständig fort, konnte Schwarmverhalten zeigen und war zufälligen Schwankungen in den von außen auf sie wirkenden Kräften unterworfen – wie die wilden Horden im Zentrum des Mosh Pit. Die „passive“ Klasse erfuhr weder Schwarmverhalten noch äußere Kräfte – wie der Konzertbesucher, der am Rand mit dem Fuß wippt, während er aus seinem Bierbecher schlürft.

Es bildete sich in den Modellen der Forscher nach kurzer Zeit tatsächlich eine Art Mosh Pit aus, eine dichte Ansammlung sich ungeordnet bewegender aktiver Partikel, die von einer Menge passiver Partikel umgeben war. Vergrößerten die Forscher den Einfluss des Schwarmverhaltens auf die aktiven Partikel, so bildete sich ein hoch-geordneter, wirbelartiger Zustand aus, sehr ähnlich einem Circle Pit. Die Forscher erhoffen sich aus ihren Modellen weitere Erkenntnisse zur Planung von Großveranstaltungen und der Vermeidung von Massenpaniken.

Wie bewegen sich Menschenmassen auf einem Musikfestival?

Auch zwischen den Bühnen von Großveranstaltungen wie Musikfestivals entstehen für Forscher interessante Menschenströme mit unerwartetem Verhalten aus. Ein Team von Wissenschaftlern aus Dänemark untersuchte die Bewegungsmuster von Besuchern des Roskilde-Festivals, mit mehr als 130.000 Besuchern eines der größten Musikfestivals der Welt.

Ihre 33 Bluetooth-Scanner verteilten die Forscher auf dem Areal strategisch sinnvoll zwischen den sechs Bühnen und diversen Fress-, Bier und Merchandiseständen sowie WCs. Sie erfassten in den acht Tagen des Festivals mehr als eine Million Datenpunkte von 8.500 verschiedenen Geräten.

Die Analyse der Daten fand auf zwei Ebenen statt. Erstens interessierten die Forscher sich auf der Mikroebene für Menschen, deren Smartphones häufiger innerhalb von zehn Minuten an derselben Messstation detektiert wurden. Sie fanden heraus, dass sich diese oft gleichzeitig anwesenden Smartphones in zwei Kategorien unterscheiden ließen. Die eine bestand aus kleinen Grüppchen von zwei bis drei Leuten, vermutlich Freunde, die gemeinsam auf dem Festival waren. Die andere besaß eine sternförmige Struktur, in der sich viele Teilnehmer um einen Fixpunkt ansiedelten. Dieser Fixpunkt ließe sich vermutlich als Verkäufer an Bier-, Essens- oder Souvenirständen identifizieren, mutmaßten die Forscher.

Zweitens betrachteten die Forscher Wanderbewegungen der Besucher zwischen den Bühnen und setzen diese in Zusammenhang mit Musikstil und Herkunft der Bands. Es zeigte sich, dass viele Besucher eher dazu tendierten vor ein und derselbe Bühnen zu bleiben, unabhängig davon, ob dort nun Metal, Hip Hop oder elektronische Musik dargeboten wurde. Bei jenen aber, die häufig von Bühne zu Bühne umzogen, war das Herkunftsland entscheidender für die Wanderung als das Musikgenre der Band, was die Forscher überraschte.

Solche Informationen könnten Veranstaltern bei der Planung der Abläufe und Auftrittsorte von Bands auf Musikfestivals helfen. Es gibt auch Ideen für weiterführende Anwendungen wie „Audience Feedback“ mit interessanten sozialen Interaktionen. Wie wäre es beispielsweise, wenn eine App Festival-Besucher zusammenführte, die häufig den gleichen Bands lauschten? Den kürzesten Weg zum Zeltplatz zu finden – vielleicht mit Unterstützung einer Taschenlampen-Funktion mittels dieser App – wäre technisch gesehen dann nur noch Formsache.


Image (adapted) „400m Gallows circle-pit“ by Pete (CC BY 2.0)


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