#mehrwissen: Cyborgs – Ich Roboter, du Roboter?

Cyborgs sind Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine, aber auch Vereinsmitglieder und ein Forschungsgegenstand mit vielen Gesichtern. Am vergangenen Samstag hat sich in Berlin der Verein „Cyborgs – Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik“ gegründet. Cyborgs, also kybernetische Organismen, stellen die materielle Verschmelzung von biologischem Leben und Technik dar. Die Gründungsmitglieder des ersten deutschen Cyborg-Vereins in Berlin tragen Implantate im Kopf oder Magnete im Finger. Von der Wiederherstellung körperlicher Funktionen nach Unfällen oder bei angeborenen Behinderungen durch Implantate bis hin zum technisch optimierten Supermenschen mit erweiterten Sinnen scheint alles denkbar. Die Cyborg-Forschung hat mindestens zwei Gesichter.

Was genau unter den Begriff Cyborg fällt, ist nicht eindeutig klar. Gilt bereits der Einsatz eines Krückstocks als technische Erweiterung des Menschen oder sollte man das „Unter-die-Haut“-Kriterium anlegen, muss die Technik also direkt an den Körper und seine Funktion gekoppelt sein? Klar ist, dass die Fortschritte in der Informationstechnologie und der Mikroelektronik die Phantasie vieler Forscher ankurbeln.

In der Medizin können Cochlea-Implantate bereits das Hörvermögen mancher Menschen wieder herstellen, in dem sie Schallwellen in elektrische Signale wandeln und an den intakten Hörnerv leiten. Retina-Implantate versuchen auf ähnliche Weise den Sehnerv zu stimulieren und Blinde sehend zu machen. Herzschrittmacher gibt es seit mehr als 55 Jahren, Prothesen für verlorene Körperteile noch viel länger.

Um in die Zukunft der Cyborg-Wissenschaft zu blicken, lohnt ein Blick zu den Tierversuchen. Forscher können Mäuse genetisch so verändern, dass ihre Hirnzellen auf Lichtsignale reagieren. Mithilfe dieser Optogenetik genannten Methode lassen sich die Nager mittels Lichtpulsen steuern, sie laufen links oder rechts herum im Kreis, wenn der Forscher Karl Deisseroth in Stanford den Schalter der in den Kopf implantierten Lichtquelle betätigt.

Auch die Militärforschung zeigt starkes Interesse an Cyborgs. 2006 hat die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) eine Ausschreibung gestartet, um die Enwicklung von „Cyborg-Insekten“ zu fördern Die Behörde gehört zum US-Verteidigungsministerium und treibt Forschungsprojekte für die amerikanischen Streitkräfte voran.

Cyborg Beetle (Bild: UC Berkeley)

Hinter dem Projektnamen „Hybrid Insect MEMS“ (HI-MEMS) verbirgt sich das Ziel, Mikro-Elektro-Mechanische Systeme (MEMS) bereits im Larvenstadium in Insekten einzubauen. Diese sollen dann mit dem Nervensystem und der Muskulatur der Tiere verwachsen. Sind sie erst ausgeschlüpft, wollen die Militärs durch Zugriff auf die Elektronik die Cyborg-Insekten fernsteuern. Mit Mikrofonen und Kameras ausgestattet könnten sie dazu dienen als Mini-Drohnen unauffällig Freund oder Feind auszuspähen oder mittels Peilsender Lenkraketen unauffällig ihr Ziel weisen. Sie könnten aber auch bei Katastrophen durch Temperatursensoren mögliche Opfer über deren Körperwärme lokalisieren. Bei Geiselnahmen könnten Sensoren auf Insekten Sprengstoffe detektieren oder ein Lagebild aus geschlossenen Räumen erstellen. Die Möglichkeiten ihres Einsatzes sind so vielfältig wie umstritten. Auch der Aspekt des Tierschutzes bietet Konfliktpotential.

2009 veröffentlichten Wissenschaftler um den Elektroingenieur Michel Maharbiz von der University of California in Berkeley einen Aufsatz mit dem Titel „Remote radio control of insect flight“. Sie stellten darin Experimente mit drei Käferarten von bis zu 20 Zentimeter Größe dar, in denen sie die Tiere mittels Stimulation des Hirns und bestimmter Muskeln auf eine gewünschte Flugbahn zwangen. Auch Start und Landung konnten sie kontrollieren.

Eine Armee von Cyborg-Insekten will uns also alle ausspionieren und dahinter steckt das US-Militär. Die Geschichte klingt, als stamme sie aus einem schlechten Film, ist jedoch näher an der Realität als manche von uns glauben wollen. Tatsächlich haben sich Berichte von politischen Veranstaltungen in den USA gehäuft, auf denen sich merkwürdig verhaltende Fluginsekten beobachtet wurden. Wer sich also zukünftig vor Ausspähung schützen will, muss vielleicht neben verschlüsselten E-Mails auch an ein Insektenspray und ein Gitternetz vorm Fenster denken.


Image „Robot“ by Rog01 (CC BY-SA 2.0)


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Philipp Hummel

Philipp Hummel

beobachtet für das virtuelle Journalistenbüro Die Fachwerkstatt von Berlin aus die Entwicklungen in Forschung und Technik und ihre Auswirkungen auf unser Leben. Er hat in Berlin Physik und das Großstadtleben studiert, mit Exkursen in Philosophie, Soziologie, Wissenschafts- und Technikgeschichte und Bionik. Anschließend war er Mentee der Initiative Wissenschaftsjournalismus. Er arbeitet seit 2009 als freier Journalist.

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