Martin GieslerMedienmacher im Gespräch: “Was kommt nach dem Volo?”

Der Medienwandel bietet ungeahnte Perspektiven für angehende Journalisten. Martin Giesler fragte Medienmacher, was sie heute tun würden nach ihrem Volontariat.

Medienmacher im Gespräch: “Was kommt nach dem Volo?”

Alle sprechen von diesem neuen Journalismus. Kuratieren, twittern, Daten visualisieren, bei Google+ und Facebook öffentliche Profile haben, bei WordPress oder Tumblr bloggen – all das gehört zum neuen Werkzeugkasten eines frisch gebackenen Redakteurs und seines künftigen Berufes. Doch ist das wirklich so? Verwundert stellen Coaches oder Redakteure in Ausbildungsseminaren fest, dass die meisten Volontäre weder twittern, noch einen Facebook-Account nutzen – zumindest lässt sich das immer wieder bei Twitter lesen. Warum auch? Geht es nicht einfach auch in erster Linie um die Inhalte? Sind die ganzen Apps, Netzwerke und Blog-Tools nicht einfach nur Mittel zum Zweck, manchmal gar Selbstzweck?

Medienmacher im Gespräch: “Was kommt nach dem Volo?”(Image by Sean MacEnteeSome rights reserved)

Ich absolvierte 2011 ein Volontariat bei einem großen deutschen Fernsehsender. Die Ausbildung war intensiv und facettenreich. Ich beschäftigte mich inhaltlich in erster Linie mit Politik, Wirtschaft sowie Internetthemen (auch wenn alle Themen mit dem Internet zu tun haben, Ihr wisst schon, was ich meine) und lernte wie man diese für Fernsehen und für Online aufbereitet. Nicht zuletzt verfolgte ich intensiv die Debatten über den Medienwandel.

Damals fragte ich mich, was aber sollte mit Blick auf diesen Medienwandel folgen, wenn ich die Ausbildung absolviert habe? Wie soll ich als frisch gebackener Redakteur die ganzen Dienste sinnvoll nutzen? Was ist der Mehrwert für den Zuschauer, für den Leser, für mich?

Da dies auch heute, zwei Jahre nach meinem Abschluss, eine ziemlich spannende Diskussion ist, habe ich mir gedacht, ich krame einmal im Archiv auf meinem Blog 120sekunden.com nach einem Beitrag, der heutige Absolventen vielleicht erneut eine Aussicht liefern kann. Ich fragte damals einfach mal bei verschiedenen Chefredakteuren und Medienmachern nach, was sie machen würden, wenn sie jetzt ihr Volo beenden würden.



Christian Jakubetz: “Kein Redaktionsbeamtendasein!”

Christian Jakubetz ist seit Jahren im Internet zuhause. Er schreibt auf Jakblog.de seine digitalen Anmerkungen auf und merkte 2011 an, warum die Wahl der Journalisten des Jahres vom Medium Magazin ein starkes Signal sei: „Gäbe es diese Kategorie, dann hieße es in diesem Jahr “Online” sei der “Journalismus des Jahres”. Auf tribuenenblog.abendzeitung.de bloggt Jakubetz über die Fussballwelt. Natürlich ist er auch auf Twitter unter @cjakubetz und bei Google+ zu erreichen. Als Autor hatte er die Federführung beim spannenden Buchprojekt Universalcode. Nebenbei ist Christian Jakubetz auch noch Journalist und Dozent.

Medienmacher im Gespräch: Was kommt nach dem Volo? - Christian JakubetzMein Bauchgefühl sagt mir: Das ist jetzt gerade die beste und ideale Zeit, um sein eigenes Ding zu machen. Bevor Sie mich fragen: Nein, ich weiß nicht, wie es aussehen soll. Und ich denke, dass das von Fall zu Fall verschieden sein wird. Ich bin mir aber sicher, dass es in einem Zeitalter, in dem plötzlich wir als Journalisten auch die Produktionsmittel in die Hand bekommen, Potentiale da sind, von denen wir noch gar nicht wissen, wie groß sie sind. Bücher machen, eigene Webseiten rausbringen, Videos, Audios produzieren, alles das können wir plötzlich. Ich würde mich auf gar keinen Fall darauf fixieren, irgendwo unter dem Dach eines Senders oder eines Verlags unterzukommen. Klar, die Frage ist: Welches Geschäftsmodell? Wie finanziere ich das? Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sich diese Fragen beantworten lassen. Das wird sich zeigen. Probieren, machen, Spaß haben – wenn ich jetzt am Ende eines Volontariats stünde, wäre das meine Maxime für die nächsten Jahre. Redaktionsbeamter kann ich danach immer noch werden.



Stefan Plöchinger: “Newsblogger werden!”

Stefan Plöchinger ist Chefredakteur bei Süddeutsche[Zeitung Digitale Medien GmbH|.de, Gf.Red. SZ/Online – Er ist bei Google+ und Twitter (@ploechinger) unterwegs und bloggt auf Tumblr. Bei den Kollegen von “Vocer – Voice of the critical media” gibt es einen ziemlich interessanten Artikel von ihm, der sich mit den Lehren aus der Medienrevolution auseinandersetzt. Stefan Plöchinger ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule.

Medienmacher im Gespräch: Was kommt nach dem Volo? - Stefan Plöchinger“Mögest Du in interessanten Zeiten leben” – angeblich ist das ein chinesischer Fluch, aber wir Journalisten leben in der Regel gut von solchen Zeiten. Zumindest solange der Journalismus noch lebt, denn auch für ihn sind die Zeiten gerade interessant. Wenn ich heute ein Volontariat abschließen würde, gäbe es für mich nichts Interessanteres, als im Epizentrum der Medienrevolution zu arbeiten. Natürlich würde ich bei einem der großen Nachrichtenportale anheuern wollen. Das war schon so, als ich vor zehn Jahren meine Ausbildung abgeschlossen habe, und seitdem ist das Internet ein noch interessanterer Ort geworden.

Wir erfinden gerade die interaktive, vernetzte Publizistik in einem einzigartigen Multi-Medium namens Internet. Zumindest, wenn uns die Verlage die Ressourcen dafür geben. Wir recherchieren und schreiben natürlich auch noch – aber eigentlich entdecken wir den Journalismus neu, weil uns die neueste unserer journalistischen Plattformen ungekannte und ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Alle paar Jahre, manchmal auch über Nacht muss unsere Handwerkszunft ein neues Werkzeug bedienen lernen; vor ein paar Jahren etwa gab es kein Facebook als Plattform, kein Twitter, schon gar kein Google Plus. Was für interessante Zeiten für Neugierige! (Wie Volontäre Sie hoffentlich sind, denn Sie haben noch ein paar Jahrzehnte in einer digital geprägten Journalistenwelt vor sich.)

Ich würde Newsblogger werden wollen, wenn ich jetzt mit meiner Ausbildung fertig wäre und die Chance dazu bekäme. Aus ein paar Agenturmeldungen den üblichen 5000 Zeichen-Text zu machen, das fände ich wahrscheinlich langfristig langweilig. Im Netz nach “hot stuff” zu suchen, nach Themen, die gerade hochkommen, die noch kein Anderer hat und über die die Welt redet, und zwar zuerst die digitale Welt – das ist ein Traumjob, wie ihn in Deutschland noch keiner hat. Kurz und knackig kuratieren, sich wie ein Fisch im Wasser verlinken mit dem Kommunikations- und Informationsraum Internet: Das ist Nachrichtenjournalismus der neuen Art, und ich möchte ihn miterfinden. Ich möchte in interessanten Zeiten leben.



Thomas Knüwer: “Massive Digital-Kompetenz!”

Thomas Knüwer gehört zu den alten Bekannten der deutschen Blogosphäre. Knüwer hat BWL in Münster und Berkeley studiert, bevor er von 1995 bis 2009 als Redakteur, Reporter und Ressortleiter beim Handelsblatt gearbeitet hat. Im November 2009 hat er die Unternehmensberatung kpunktnull gegründet. Thomas Knüwer bloggt regelmäßig auf Indiskretion Ehrensache streitbare Artikel über alles, was ihn in seinem Medienalltag so auf- und einfällt. Knüwer ist leidenschaftlicher Fan von Preußen Münster & hat 21.000+ Twitter-Follower.

Medienmacher im Gespräch: Was kommt nach dem Volo? - Thomas Knüwer“It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness…”

So beginnt Charles Dickens seinen Roman “A tale of two cities”. Nichts trifft die aktuelle Situation von Volontären besser. Deutschland hat großen Bedarf an onlinekundigen Journalisten. Wer das Web begreift, wer digital und vor Ort recherchieren kann, für wen das Social Web ein Alltagsinstrument darstellt – der hat alle Chancen. Und das nicht nur in klassischen Medienhäusern: Die aufkeimenden digitalen Marketing-Abteilungen großer Unternehmen suchen ebenso journalistisch gebildete Kräfte mit Digital-Kompetenz. Schließlich entstehen neue Online-Dienste wie die deutsche Huffington Post oder WSJ.de. Und vergessen wir nicht: Wer für ein Thema wirklich brennt, der kann es auch als freier Journalist schaffen.

Allein: Es gibt viel zu wenig digitalwillige Journalisten in Deutschland. Auch in den Ausbildungsgängen stellt das Netz oft nur einen Randaspekt dar. Menschlich ist das verständlich: Onliner verdienen meist weniger, als Kollegen aus klassischen Bereichen – und haben außerdem innerhalb der Redaktion den Ruf der billigen Schreibknechte.

Doch letztlich wird das Internet nicht irgendwann vollgeschrieben sein und abgeschaltet. Der Medienwandel deutet eindeutig Richtung Web. Wer im Jahr 2013 sein Volontariat beendet und glaubt, es ohne massive Digital-Kompetenz bis zur Rente zu schaffen, dem ist viel Glück zu wünschen: Er wird es bitter nötig haben.


Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf 120sekunden.com

Titelbild: Image by @boetter (Some rights reserved)



Über den Autor / die Autorin
arbeitet als Redakteur beim ZDF und mache dort was mit Nachrichten & Internet. Er bloggt auf 120sekunden.com über Webvideo, Social Media und digitalen Journalismus, nutzt Tumblr für Links und Grafiken, die es nicht ins Blog schaffen und schreibt über Dubstep, DJing und Kultur auf blog.rebellen.info. Martin ist bei Facebook, Google+ und Twitter.

 

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