Medienkonsum: Relevant ist, was interessiert

Im Interview mit dem digitalen Journalisten und Medienschaffenden Matthias Bannert geht es um die Zukunft des Medienkonsums, den Hunger auf Neues, aktuelle Trends im Journalismus und den Medien und News für Teenager. Matthias Bannert war Gründungschefredakteur der Samsung-Springer-News-App “Upday” und ist zurzeit Redaktionsleiter des Springer-Jugendmagazins “Celepedia”. Seine Ausbildung hat er 2012 bis 2013 an der Axel Springer Akademie absolviert. Zwischenzeitlich war er für digitale Projekte von “Bild” in Berlin und Los Angeles tätig. Ich habe ihn in Berlin zum Interview getroffen und mich mit ihm vor allem über den Medienkonsum der Gegenwart und Zukunft unterhalten.

Hendrik Geisler: Woher bekommst Du täglich Deine Informationen?

Matthias Bannert: Das meiste über Social Media, vor allem Twitter, wenn ich die Zeit habe. Bei Twitter habe ich drei Accounts, die ich eigentlich alle gerne lese. Um die wichtigsten Informationen nicht zu verpassen, habe ich meine Lieblingsaccounts in einer Liste angelegt. Wenn ich wenig Zeit habe, gehe ich halt nur die durch. Ansonsten informiere ich mich querbeet, vor allem aber in sozialen Medien und teilweise Aggregatoren. Ich habe den perfekten Aggregator aber noch nicht gefunden. Wenn ich ein bisschen länger Zeit habe und mich umfassend informieren möchte, surfe ich besonders “Spiegel Online” und “bild.de” einfach von oben nach unten ab.

HG: Wie wird Dein Medienkonsum wohl in zehn Jahren aussehen?

MB: In zehn Jahren werde ich meine News nicht mehr suchen, sondern meine News werden mich finden. Ich werde sie da konsumieren, wo ich mich gerade aufhalte, bei dem, was ich in dem Moment tue. Vielleicht auf meinem Smartphone, wenn es sowas noch gibt, oder integriert in ein Kleidungsstück, eine Uhr, ein TV-Gerät, eine Waschmaschine. Auf jeden Fall werden die News da sein, wo ich gerade bin, und sie werden personalisiert sein. Ich werde keine Tageszeitung haben, keine Webseite aufrufen, keine App installiert haben, sondern die News bei dem, was ich täglich tue, quasi im Vorbeigehen konsumieren. Vielleicht beim Blick auf einen Kalender, vielleicht in der Dusche.

HG: Und was wird Dein eigener Beitrag dazu sein?

MB: Hoffentlich ein Teil der Technologie, die alles bereitstellt. Oder ich bin Teil des Content-Teams, das die News bereitstellt und auf verschiedene Plattformen anpasst. Das könnte ich mir gut vorstellen. Hoffentlich in einer Position, in der ich gut Geld damit verdienen kann, meine News in andere Produkte zu implementieren.

HG: Du hast früh ein Wissenschaftsmagazin gegründet, mit 18 hattest Du einen eigenen Verlag, Du hast ein lokales Sportnachrichtenjournal ins Leben gerufen, bist Absolvent der Axel Springer Akademie, hast mit Zoom Berlin hyperlokalen Journalismus gemacht, warst Chefredakteur von Upday Deutschland und bist jetzt Redaktionsleiter bei Celepedia. Woher kommt der Hunger auf das Neue im Journalismus?

MB: Der Hunger kommt aus einem ganz natürlichen Verhalten bei Journalisten. Journalisten suchen immer nach Neuigkeiten, nach Veränderungen. Auch auf mich trifft es zu, dass ich mich einfach dafür begeistere, Trends hinterherzujagen. Ich habe das, was ich gemacht habe, meist aus dem entwickelt, was mich selbst interessiert hat. Als ich mich extrem für Wissenschaftsjournalismus interessiert habe, habe ich das Magazin gegründet, das ich selber gerne lesen möchte. Danach habe ich mich als Leser und als Autor mit Lokaljournalismus beschäftigt und habe angefangen, meine Ideen, die ich bei der Arbeit für eine Regionalzeitung entwickelt habe, in die Tat umzusetzen. Bei der Axel Springer Akademie wurde ich dann in dem ausgebildet, was ich auch wirklich machen wollte, nämlich Journalist sein. Alles andere hat sich ergeben. Zoom Berlin war ein Projekt von Axel Springer, da kam die Initiative nicht von mir selbst, aber es war für mich spannend, mich mit Hyperlokaljournalismus zu beschäftigen. Das war damals eine Zeitlang groß im Trend. Zumindest werde ich nicht müde, mich neuen Wegen anzuschließen. Und ich hoffe, dass noch einige kommen werden, sonst werde ich mich irgendwann langweilen.

HG: Was ist denn der aktuelle Trend, an dem Du jetzt gerade arbeitest?

MB: Ich beschäftige mich, wie bei Upday auch, weiter mit der Personalisierung von News. Ich glaube, dass der nächste große Trend ist, zielgruppenspezifischen Journalismus zu machen. Wenn man sich viele Jugendportale anguckt, beispielsweise Celepedia, versuchen viele Medienhäuser nun, Leute zu erreichen, die klassische Medien – und dazu gehören für mich auch Internetseiten – nicht mehr erreichen. Das sind ganz junge Menschen unter 18, teilweise erst zwölf Jahre alt, die Medien ganz anders konsumieren als wir und unsere Eltern es je getan haben. Das finde ich total spannend, für diese Gruppe Journalismus zu machen, bzw. eine Form zu finden, diese Menschen mit News zu erreichen.

HG: Wie erreicht man die denn?

MB: Man muss dahin gehen, wo sich die Zielgruppe aufhält. Und im Fall von Teenagern sind das soziale Medien, teilweise Messenger wie WhatsApp. Das sind auch Misch-Apps wie Snapchat, die teilweise Content-Plattform, zum Teil soziales Netzwerk oder Messenger sind. Man muss die Nachrichten auf den Plattformen verteilen, auf denen sich beispielsweise Teenager aufhalten. Ich glaube, dass sich die Jugendlichen von heute gar nicht dafür interessieren, wo sie die News herbekommen. Die surfen durch ihren Tumblr-Feed und wollen dann dort einen Teil ihrer Medien konsumieren. Und zwar in einer Form, die nativ ist. Bei Tumblr können das etwa Videos oder längere Texte sein, bei Snapchat muss das Video im Hochformat und höchstens zehn Sekunden lang sein. Auch bei Instagram oder Vine müssen Videos kurz sein. Teenager wollen sich nicht darum kümmern, ob etwas Journalismus ist und gelesen werden muss. Sie wollen in ihrem normalen Alltag Informationen in sozialen Medien so, wie diese dort natürlich zu finden sind, konsumieren.

HG: Ist das eine gute oder schlechte Entwicklung?

MB: Ich glaube, dass Entwicklungen nie gut oder schlecht sind, sondern dass sie sind, wie sie eben sind. Wir als Medienschaffende müssen uns diesen Entwicklungen anpassen. Das haben wir schon immer getan. Als der Farbdruck kam, haben die Zeitungen auf Farbdruck umgestellt. Da hat sich niemand gefragt, ob die Farbbilder in der Zeitung jetzt gut oder schlecht sind. Und als das Fernsehen aufkam, haben alle Videos produziert und als das Radio aufkam, haben alle Radio gemacht. Die Frage nach Anpassung hat sich nie gestellt. Ich frage mich immer, warum wir Medienhäuser uns in den letzten zehn Jahren so schwer damit getan haben, die Entwicklungen aufzunehmen und teilweise an alten, blöden Dingen festhalten, die völlig out of date sind.

HG: Geht es bei den Nachrichten, die Teenager lesen wollen, nur um YouTuber, Beauty und Trends? Was sind überhaupt relevante Nachrichten?

MB: Nein, ich denke, dass Teenager genauso auch an, sagen wir mal, ernsteren Themen interessiert sind. Sie gehen ja nicht mit Scheuklappen durch die Welt. Die Herausforderung ist es, einen teenagergerechten Zugang zu ihnen zu finden. Das kann beispielsweise über eine altersgerechte Sprache geschehen. Außerdem funktioniert es immer gut, wenn man einen persönlichen Zugang schafft, indem man die Flüchtlingskrise beispielsweise anhand eines geflohenen Gleichaltrigen beschreibt. Das gilt im Übrigen auch für Erwachsene. Relevant ist, was interessiert – und das gilt für alle Zielgruppen.

HG: Du hast mit Deinen 28 Jahren schon ein paar Sachen gegründet und warst an vielem beteiligt. Was braucht man Deiner Meinung nach, um erfolgreich zu sein?

MB: Viel Geld als Startkapital (lacht). Nein. Also, was ich in den letzten Jahren festgestellt habe ist, dass man vor allem ein gutes Team braucht. Du brauchst Menschen in der Zusammenarbeit, die Dinge ausgleichen können, die man selber nicht schafft. Wenn das Team an sich harmoniert, ist die Idee, die man verfolgt, zweitrangig. Oft ist nicht die Idee das Entscheidende, sondern das Team und wie es miteinander zusammenspielen kann. Ohne ein Beispiel zu nennen: Man sieht immer wieder Firmen nicht daran scheitern, dass sie eine schlechte Idee haben, sondern sich im Team falsch aufgestellt haben und das falsche Management haben oder vielleicht auch den falschen Investor. Meine Gründungen waren alle nicht so erfolgreich, dass ich mich zur Ruhe setzen könnte, und das scheiterte wirklich an den richtigen Projektpartnern. Ich habe zwar journalistische Portale gemacht, die auch halbwegs publizistisch funktioniert haben, die aber an der Vermarktung gescheitert sind. Wenn ich heute nochmal etwas Neues gründen würde, würde ich mich genau um diese Faktoren kümmern: Dass im Team Leute sind, die sich um diese Aufgabe kümmern. Die das übernehmen können, was ich selber nicht erfüllen kann.

HG: Gibt es ein Medienprojekt, auf das Du Dich momentan besonders freust oder spannend findest?

MB: Es gibt kein einzelnes Projekt, das ich spannend finde. Insgesamt aber die Bewegung der sozialen Netzwerke zu Content-Anbietern. Wohin bewegt sich Facebook in den nächsten Jahren, auch als Konzern im Konglomerat mit WhatsApp und Instagram? Was passiert aus einer erst belächelten App wie Snapchat, die immer mehr Content anbietet? Was macht das mit Medienunternehmen? Geben wir da etwas aus der Hand, was bisher unser Monopol war? Auch Twitter ist interessant, wurde jahrelang gehyped und steht jetzt am Scheideweg und es entscheidet sich, ob Twitter so bleibt, wie es ist oder ob es sich total verändert. Es gibt kein einzelnes Projekt, das ich spannend finde. In sozialen Medien wird momentan aber vieles ausgetestet, was uns demnächst noch sehr beschäftigen wird.


Teaser & Image by Christian Kahler


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Hendrik Geisler

Hendrik Geisler

hat Anglistik, Amerikanistik und Geographie studiert. Er volontiert beim Kölner Stadt-Anzeiger und schreibt für die Netzpiloten die Kolumne "Zurückgeblättert" und Texte über die Entwicklung der Medien.

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