Medien werden zunehmend als korrupt wahrgenommen

Laut einer aktuellen Umfrage von Transparency International wird die Presse in Deutschland zunehmend als bestechlich wahrgenommen. Noch korrupter werden hierzulande lediglich Unternehmen und die Politik empfunden.

In einer Demokratie wie der Bundesrepublik Deutschland gilt die Presse als vierte Staatsgewalt. Ihre Aufgabe bestand stets darin, die drei Gewalten der Gesetzgebung, Vollziehung und Rechtsprechung im öffentlichen Interesse effektiv zu kontrollieren. Heutzutage funktioniert diese Kontrollfunktion aus verschiedenen Gründen immer schlechter. So manches Nachrichtenmagazin hat in den letzten 30 Jahren viel von seinem Biss verloren. Kein Wunder, wenn auch der Leser etwas davon bemerkt und die Presse bei den korruptesten Organisationen Deutschlands recht weit vorne anstellt.

 

Für das Korruptionsbarometer von Transparency International wurden weltweit 114.000 Personen in 107 verschiedenen Staaten befragt. Hierzulande landete die Presse auf dem dritten Platz der korruptesten Organisationen. Lediglich privatwirtschaftliche Unternehmen und die Politiker erschienen den Befragten noch korrupter als private wie öffentlich-rechtliche Medienhäuser. Vor allem in den letzten drei Jahren ist in Deutschland das Ansehen der Journalisten stark gesunken.

Wer nach den Ursachen sucht, muss sich in dieser Branche nur kurz umsehen. Viele Unternehmen sind bei ihrem Übergang von einem Printmedium zum Internet noch immer auf der Suche nach einem passenden und somit lukrativem Geschäftsmodell. Zahlreiche Verlage mussten hohe Verluste bei der Zahl der Abonnenten ihrer Publikationen hinnehmen. In diesem Zusammenhang muss auch die Abhängigkeit von den Auftraggebern von Werbeanzeigen ganz neu beleuchtet werden. Kein Wunder, wenn bei derart klammen Verhältnissen der eine oder andere Artikel wegfällt, weil man sich mit einer kritischen Berichterstattung keinen Großkunden vergraulen will.

Doch auch die Journalisten selbst werden immer schlechter bezahlt. Der Trend geht vom Festangestellten zum Freiberufler oder im Extremfall hin zum permanenten Praktikanten. Einerseits sorgte dies in den letzten Jahren zu einer wahren Abwanderungswelle in Richtung der wesentlich besser bezahlten Werbebranche. Andererseits sind finanziell schlecht abgesicherte Mitarbeiter stets am ehesten gefährdet, sich kaufen zu lassen. Natürlich leidet unter der finanziellen Notlage auch die Qualität der Recherche. Niemand kann auf Dauer ernsthaft von einem Journalisten wochenlange Nachforschungen erwarten, wenn dies von seinem Auftraggeber nicht entsprechend entlohnt wird. Eine kritische Berichterstattung hilft natürlich auch bei der Korruptionsbekämpfung und Aufdeckung von privatwirtschaftlichen oder politischen Skandalen. Leider fehlt immer häufiger das Geld für aufwendige Erkundigungen, die derartige Skandale ans Tageslicht bringen würden.

Daneben kritisieren viele Befragte, dass die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten zu intransparent seien. Transparency Deutschland stellt deswegen die Forderung auf, die Rundfunkanstalten sollen künftig jedes Jahr einen detaillierten Bericht über die Verwendung ihrer Einnahmen aus der Haushaltspauschale erstellen und der Öffentlichkeit frei zur Verfügung stellen. Ohne jeden Zwang wird das aber kein Sender tun.

Der Bundesvorsitzende des DJV, Michael Konken, forderte die Medienunternehmen auf, sie sollen die wirtschaftliche Basis ihrer journalistisch tätigen Mitarbeiter stärken. Insbesondere Freiberufler müssten in die Lage versetzt werden, auch in Zukunft von ihren Aufträgen leben zu können. Da die Glaubwürdigkeit von Online-Portalen, Zeitungen, Zeitschriften und dem Rundfunk so sehr gelitten hätte, sei es nun höchste Zeit gegenzusteuern. Doch Konkens Warnungen gehen darüber hinaus. Sollten die Konsumenten den Eindruck gewinnen, man hebe die Trennung zwischen sachlichen Inhalten und Werbebotschaften komplett auf, würde es fatal.

Im Web ist diese Vorgehensweise bei manchen Anbietern leider schon Gang und Gäbe. Sogenannte Advertorials, teils als Artikel getarnte Berichte, die man gerne ungekürzt von PR-Agenturen übernimmt, werden immer häufiger von Online-Portalen benutzt, um zusätzliche Inhalte und Einnahmen zu generieren. Wie die Öffentlichkeit die zunehmend verschwommenen Grenzen beurteilen wird, dürfte schon jetzt klar sein. Dafür muss man eigentlich nicht das nächste Korruptionsbarometer von Transparency International abwarten. Die Unabhängigkeit und Qualität der Medien müsse langfristig gewährt werden, wird allerorts gefordert. Wie dies anzustellen sei, darüber schweigt man sich leider aus.

Wer sich mit dem Thema tiefergehend auseinandersetzen möchte, den englischsprachigen Bericht kann man sich von hier herunterladen.


Image (adapted) „Apollo 11 Video Restoration Press Conference/Newseum“ by NASA Goddard Space Flight Center (CC BY 2.0)


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Lars Sobiraj

Lars Sobiraj

schrieb von 2000 bis zum Jahr 2002 für mehrere Computerzeitschriften rund 100 Artikel. Von April 2008 bis Oktober 2012 leitete er beim IT-Portal gulli.com die Redaktion als Chefredakteur. Thematische Schwerpunkte der über 1.000 Beiträge sind Datenschutz, Urheberrecht, Netzpolitik, Internet und Technik. Seit Frühjahr 2012 läuft die Video-Interviewreihe DigitalKultur.TV, die er mit dem Kölner Buchautor und Journalisten Moritz Sauer betreut. Seit mehreren Monaten arbeitet Lars Sobiraj auf freiberuflicher Basis bei heute.de, ZDF Hyperland, iRights.info, torial, Dr. Web und vielen weiteren Internet-Portalen und Blogs. Zudem gibt er Datenschutzunterricht für Eltern, Lehrer und Schüler. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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