McLuhan reloaded – Das Medium ist die Botschaft

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Warum der Computer in der Arbeitswelt und die Gewaltdebatte über die Medien ein gemeinsames Erfolgsmoment haben, das bisher selten diskutiert wird: Die Freiheit der Wahl.


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Marshall McLuhan war und ist eine Symbolfigur der Diskussion rund um die Medien. Seit dem Siegeszug des Internets gilt er als Vater und Mentor der Medientheorien des 21. Jahrhunderts. Dabei hat er der schriftgelehrten, modernen Religion namens Wissenschaft schwer zugesetzt. Gelten die modernen Bibliotheken als Hort des Wissen, sind Schrift und ihre papiergebundenen Ableitungen für McLuhan ein Medium unter vielen. Die Schrift – und damit auch die Bücher – sind also gleichberechtigt eingeordnet in eine Reihe wie Radio, Kinofilme und Fernsehen. Das ist für das europäische Bildungsbürgertum mit Wurzeln im 19. Jahrhundert ein ähnlicher Affront wie das Bekenntnis zu Luzifer. Es ist sozusagen der Lackmustest der scheinbar objektiven und neutralen Bildung, die uns so ehrenwert erscheint, dass wir ihre Motive und Ursachen selten hinterfragen. Die „heilige Schrift“ ist zwar von der monotheistischen Religion emanzipiert, aber an die Stelle des heiligen Stuhls trat die Autorität der Professoren und Lehrer.
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McLuhans meist zitierter Satz „Das Medium ist die Botschaft“ muss in einen breiteren Kontext gesetzt werden, um ihn zu verstehen, denn er erklärt uns selbst, was er damit eigentlich meint:
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„Alle Medien sind Ausdehnung menschlicher Fähigkeiten – seien sie psychisch oder physisch. – Das Rad ist eine Ausdehnung des Fußes. Das Buch ist eine Ausdehnung des Auges, Kleider sind eine Ausdehnung der Haut, die Medien unserer Zeit sind eine Ausdehnung des Zentralnervensystems. Indem Medien die Umwelt verändern, schaffen sie in uns eine ganz bestimmte Konstellation sinnlicher Wahrnehmung. Die Ausdehnung nur eines Sinnes verändert die Art, wie wir denken und handeln, die Art, wie wir unsere Körper wahrnehmen. Wenn diese Verhältnisse sich wandeln, wandelt sich der Mensch.“
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Die relativierenden Diskussion rund um das Netz, das einfach nur als weiterer Kanal neben TV und Radio zu uns kommt, ist also nur die halbe Wahrheit. Zumal man streng unterscheiden muss, wie Menschen und Medien Realität erzeugen durch Unterscheidungen und Bezeichnungen der Welt. Soziologische Theorien gehen noch einen Schritt weiter und behaupten Medien als eigene soziale Institutionen mit genuin gesellschaftlichen Aufgaben und Eigenschaften. Das überschreitet zwar McLuhans Ideen in den sozialen Raum, aber es entkräftet seine Thesen kaum. Im Sinn von Emile Durkheim kann man Mensch und Medium als Vertragspartner verstehen, bei dem der Mensch jederzeit den Kontrakt aufkündigen kann.
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Ein Ausgeliefertsein des Einzelnen an das Medium ist daher schwer zu begründen. Vor allem, weil die Kategorien, in denen Reales und Fiktives getrennt werden sollen, bisher unzureichend begründet sind. Man kommt sehr schnell in einen Bereich, in dem Gesellschaft an sich verhandelt werden müsste und Medienwirkung kaum getrennt analysiert werden kann. Das hat Folgen für die Diskussionen von Killerspielen und Gewaltfilmen. Da helfen die bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaftler gar nichts, da abstrahierende Tätigkeiten nicht verortet oder analysiert werden, sondern nur Wirkungen von Reizen. Und dass die Reiz-Reaktionsschemata deutlich komplexer zu betrachten sind als der Volksmund und die Psychologie des 20. Jahrhunderts uns vorschlagen, ist offenbar.
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Aber ein weiterer Punkt ist wichtig, denn die Computer sollen und müssen ja unsere Arbeitswelt einfach machen und gleichzeitig unseren Hang zur Koopration stärken oder zumindest unterstützen. Man muss diese ganz grundsätzlich betrachten. Denn seine Aufgaben mit anderen zu teilen und deren Aufgaben mitzuerledigen ist eher ein moralische Frage als eine technologische. Denn Kooperation ist zunächst eine Hinwendung zum anderen mit der Aufforderung, ihn oder sie einzubinden in eigene Arbeitsabläufe und sich zu öffnen für deren Aufgaben und Wege, Probleme zu lösen. Dazu meint der Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend, dass „ein moralischer Charakter nicht durch Argumentation, Erziehung oder eine Willensentscheidung geschaffen […] wird. Er kann aus keiner geplanten Handlung hervorgehen, ganz gleich, ob sie nun wissenschaftlicher, politischer, moralischer oder religiöser Natur ist. Wie wahre Liebe und wie die Luft, die wir atmen, ist sie eine Gabe, nicht eine Leistung.“
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Hier streichen alle kybernetischen und mechanistischen Modelle der menschlichen Kommunikation die Segel, denn die Entscheidung zur Kommunikation als zum Eingehen des Vertrages zwischen Sender und Empfänger einer Nachricht obliegt der menschlichen Freiheit. Auch McLuhans Thesen kommen hier an ihre Grenzen, denn auch das absichtsvolle Benutzen bestimmter Medien kann das Verhalten des Empfängers nicht festlegen. In Praxis heißt das, dass die Diskussion um Social Software bisher völlig an den Nutzern vorbeigeht, wenn man nur die Usability (ease of use) und die Nützlichkeit von Applikationen betrachtet.
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Mehr als eine Einladung an Menschen, anderen einen Vertrag anzubieten, etwas gemeinsam zu machen, kann diese Technologie nie sein. Ähnlich wie die Unmöglichkeit von Rezepten für eine erfolgreiche Erziehung, für eine gelingende Fernsehsendung oder besonders weitreichender Aufklärung, kann auch das Rezept für eine besonders gute Arbeitsumgebung nur scheitern, wenn es den Faktor der Wahlmöglichkeiten und damit der Freiheit ausschließt. Wer Menschen überzeugen oder motivieren will, der muss ihnen besonders viele Alternativen zur Wahl stellen und ihnen die Zeit und die Motivation vermitteln, alles einfach auszuprobieren.
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Analog ist die Art, wie Medienwirkung gedacht wird, zu verändern von einer Wenn-Dann-Relation zu einem Bild der Differenz, in der individuelle Wahrnehmung der Welt und Medienbotschaften nicht unmittelbar eine Kausilität bilden. Martin Kolb beschrieb dies in seiner Dissertation 1999 sehr plastisch in Bezug auf die Wirkungsforschung: „So könnte sie [Wirkungsforschung] formulieren, wie mit einem subjektiven Raster mediale Baukästen zum Aufbau individueller Welt(en) genutzt werden. In einem weiteren Schritt wäre dann aufzuzeigen, wie dies im Einzelfall geschieht.“ Dies sollte übrigens für alle weiteren Wirkbetrachtungen von Individuen in Bezug auf neue und zukünftige Medien Anwendung finden.

Bildnachweis: mantasmagorical

Jörg Wittkewitz

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)

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