Das Web: Ein Schlaraffenland

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Die Versuche, eine Netztheorie auf der Metapher der Stadt aufzubauen sind Legion. Die Lagerverwalter sind Verleger, die den Raum zwischen oben und unten im Staat ausdehnen. Dort soll dann die öffentliche Diskussion stattfinden. Aber ob im Zeitalter des information flow das Konfektionieren gespeicherter Fakten von gestern überhaupt eine Leistung ist, die die virtuelle Stadt benötigt, ist strittig. Es wird Zeit für einen Blick hinter die Kulissenschieberei der tausend Stimmen. Denn vor lauter Zeter und Mordio kommt die eigene Bestimmung der Bürger über den Gebrauch des Netzes aus dem Blick. Vollbremsung. Ein Blick in die gute alte Landkarte im Handschuhfach der Geschichte hilft vielleicht.

Ob man die Geschichte des Turmbaus zu Babel als böses Omen dieser Entwicklung betrachtet, oder Kants Hausbau der Vernunft als begrenzende Gedanken einsetzt, das Bild der Stadt hat viel Charme. Vor allem deshalb, weil man es als ein Zusammenballen betrachten kann, das ähnlich wie die Sprache, die Schrift oder das Denken an sich aus dem sozialen Austausch erst seine Bedeutung erfährt. Wie die befestigten keltischen Lager (oppidum) die Vorräte schützen – und im Angriffsfall auch die umliegenden Bauernfamilien – so schützen Lexika, Enzyklopädien und Bibliotheken diese sozial entstandenen Begriffe und ihre Bedeutungen als Vorrat der Kultur. Sie begründen auch das geistige Territorium der Macht.


Mit dem Internet aber entstehen Favelas. Die Landbevölkerung, die zumeist nicht in die hohe Kunst der Sprach– und Schriftverwaltung eingeübt ist, sucht ihr Glück in dem beschützenden Areal der Stadtmauern namens Internet. Die Hohepriester der Wissenschaften lassen sie gewähren, weil sie die akademischen Kreise nicht gefährden. Aber die Schreiber und mittleren Beamten aus der Presse und Zeitungswelt bekommen es mit der Angst zu tun. Denn die Slums wachsen verdächtig nahe an ihre Bürgerhäuser.
Da Staat und Stadt beide in ihrer Bedeutung das Feste bzw. die Festung (lo stato) haben, werden sich nun diese mittleren Einwohner der Festung überlegen, wie sie ihre Position sichern. Denn früher war ja eben die Mauer die klare Trennung der umherziehenden und vagabundierenden Tagelöhner von den schriftbegabten Städtern. Nun haben sie aber ohne Kampf und ohne Eroberung einfach als Hilfesuchende Unterschlupf gefunden und nutzen die Stadt für ihre Zwecke. Damit ist das Sicherheitsversprechen der ehemals geschlossenen Gemeinde in Frage gestellt.


Was noch weitaus schlimmer ist: Innen und Außen haben sich aufgelöst. Die dialektische Weltsicht ist dadurch zerstört worden. Damit ist auch ein ganzer Deutungshorizont im Umbruch. Die ehemals außen Lebenden haben zusätzlich noch ihre ehemalige Auslieferung an das Schicksal als Selbstbestimmung und Unabhängigkeit mit in die engen Regeln der Burg importiert.


Das Internet ist gerade in dem Stadium, dass die unprofessionellen Schreiber und Denker in die Burg des akademischen und verlegerisch sanktionierten Publizierens eingebrochen sind und Inhalte, Bedeutung und Meinungen sich wie die Viren in jedem Text und jedem Artikel verbreiten. Innen und Außen wird vermischt und vernichtet. Die Macht müsste es richten. Aber die Großen dieser Welt haben ja eigentlich wenig Interesse an den kleinen Mittelzentren eines Territoriums. Dafür hat man ja seine Verwalter.
Denn die Pharaonen hatten ihre Städte nicht an den Vorratslagern positioniert. Sie postierten dort eben ihre Verwalter, die bis an die Zähne bewaffnet waren. Die entscheidenden Kräfte der postindustriellen Gesellschaft postieren die Medien genauso, dass bestimmte Themen und Trends durch die vorbei ziehenden Karawanen verbreitet werden. Das findet an den Kreuzungen der Handeltreibenden statt und nicht in den Verwaltungszentren der Staatsoberhäupter. Das gemeine Volk informiert sich entsprechend der königlich gewünschten Märchen und Geschichten. Die Kontrolle behalten sie über die königlichen Siegelbewahrer, die heute als Journalistenschule das Siegel der Objektivität und Filterhoheit erhalten. Aber die einströmenden Horden treiben sich lieber in den keltischen Hainen herum, wo sie eigene Versammlungen abhalten und die Botschaften der vielen Karawanenführer vergleichen. Tausend Leser – tausend Stimmen.


Auf diese Weise entsteht eine neue Art der Transparenz; man kann erkennen, welche Nachricht von wem mit welcher Absicht gefärbt wurden. Die Herrscher schicken aus dem Verwaltunsgzenturm (urbs) schnell hunderte von Siegelbewahrern aus, die die Redner in den befestigten Hainen der Verwirrung bezichtigen. Außerdem weisen sie nach, dass bestimmte Geschichten, die verglichen wurden, mit dem königlichen Siegel gezeichnet waren. Sie verbieten das Vergleichen der Botschaften, indem sie jeden nicht autorisierten Gebrauch der königlichen Nachrichten untersagen. Diese Regeln dürfen sie deshalb aufstellen, weil sie aus einer höheren Schicht des babelschen Turms stammen. Ihre Verfasstheit ist näher am Himmel, ist abstrakter, denn sie haben das Reich der Menschen bis zum Horizont im Auge. Sie begründen diese Hoheit über die Regeln mit der schweren Last, die auf ihnen liegt, weil sie so eine enorme Verantwortung für so eine unüberschaubare Masse an Menschen tragen. Und wer die Vorteile der Zugehörigkeit zum Bürgertum (zur Gemeinschaft) genießen will, der muss sich dem Siegel des Gesetzes beugen. Die Betrachtung und Bewertung der Botschaften der herrschenden Familien ist weder Aufgabe des Bürgers noch überhaupt seiner Ausbildung angemessen.


Seine Freiheit besteht darin, seinen Wirkungskreis frei zu wählen, seine Meinung zu formulieren und sich zu versammeln und den frei gewählten herrschenden Familien die Abstimmungsergebnisse zu übermitteln. Durch das Netz aber reißt dieser Kontakt der Herrschenden zu den Bürgern, der durch die Medien institutionell vermittelt zu sein schien, vollends ab. Das ganze Volk ist im Netz (also im in einer ständigen Versammlung irgendwo in der Stadt) und die Siegelbewahrer (Medien) kommen nicht mehr mit. Zu viele Stimmen, zu viele Versammlungen, ein stetiger Fluss der Abstimmungen verhindert das Kanalisieren und Ausdeuten des Volkes. Das professionelle Dem–Volk–aufs–Maul–Schauen hat seine Aufgabe verloren.


Die Siegelbewahrer erkennen, dass jedes Stadtviertel eigene Siegel entwirft und sich die Viertel untereinander auf Regeln einigen. Damit werden die Siegelbewahrer der einzelnen politischen Parteien überflüssig. Das erkennen auch die Parteien als herrschende Familien. Sie überlassen es den Medien, erste Notstandsgesetze anzuregen. Denn Selbstverwaltung kann kein Verwalter dulden – und erst recht keine Autorität, die vom gnädigen Teilen ihrer ureigenen Kunst der Macht lebt. Nähmen die Menschen ihre Geschicke selbst in die Hand, wäre der Gehorsam obsolet und damit die jahrtausendealte Tradition der Macht. Dann wären die Herrscher – einfach nur Menschen. Dann wüchse die öffentliche Meinung an den Bäumen, von ganz allein – ohne die Lordsiegelbewahrer aus den Journalistenschulen. Ein paradiesischer Zustand der Basisdemokratie. Jemand müsste ihn nur wünschen.


Bildnachweis: andalusia

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Jörg Wittkewitz

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)

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