Mädchen und die Sozialen Medien: Psychodruck im Internet

Aktuelle Forschungsergebnisse des britischen Bildungsministeriums zeigen, dass sich das geistige Wohlergehen von Mädchen im Teenageralter im Vereinigten Königreich verschlechtert hat. Die Studie, die auf den Angaben von 30 000 14-jährigen Schülern in den Jahren von 2005 bis 2014 fußt, kommt zu dem Ergebnis, dass 37 Prozent der Mädchen unter psychischen Belastungen leiden, wohingegen es im Jahr 2005 nur 34 Prozent waren. (Im Vergleich sind nur 15 Prozent der Jungen im Teenageralter betroffen, während es ein Jahrzehnt zuvor noch 17 Prozent waren). Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass eine Sache, die sich zwischen 2005 und 2014 geändert habe, der „Beginn des Zeitalters der sozialen Medien“ sei.

Die Jugendjahre sind eine Zeit der enormen körperlichen, kognitiven und emotionalen Entwicklungen. Teenager gehen aufeinander ein, um zu lernen, wie man ein kompetenter Erwachsener wird. In der Vergangenheit wandten sie sich an Eltern, Lehrer und andere Erwachsene in ihrem Umfeld sowie entfernte Familienangehörige und Freunde. Heute können wir zu dieser Liste der sozialen und emotionalen Entwicklungen auch die sozialen Medien hinzufügen. Doch warum sollte der Beginn des Zeitalters der sozialen Medien ein Problem darstellen?

Untersuchungen weisen darauf hin, dass Mädchen ein höheres Risiko aufweisen, die negativen Aspekte der sozialen Medien zu spüren zu bekommen, als Jungen dies tun. Junge Mädchen sind mit ihrer noch eingeschränkten Fähigkeit zur Selbstkontrolle und ihrer Anfälligkeit für Gruppenzwang gefährdet, online schlechte Erfahrungen zu machen, die ihre Entwicklung zu gesunden Erwachsenen negativ beeinflussen und zu Depressionen sowie Angststörungen führen könnten.

Im Laufe der Adoleszenz erwerben Menschen Charaktereigenschaften wie Selbstbewusstsein und Selbstkontrolle. Da jugendliche Gehirne noch nicht vollständig entwickelt sind – und es bis zum Erreichen des frühen Erwachsenenalters auch nicht sein werden – fehlt es ihnen noch an den kognitiven Fähigkeiten der eigenen Bewusstheit und Privatheit, und so kann es dazu kommen, dass sie unangebrachte Nachrichten, Bilder und Videos posten, ohne sich der Langzeitwirkungen derer bewusst zu sein. Was sie posten, bleibt möglicherweise nicht nur im kleinen Kreis ihrer Freunde, sondern kann weit und breit mit verheerenden Konsequenzen die Runde machen.

Im Gegensatz zu ihren männlichen Altersgenossen sind Mädchen eher geneigt, zu viele persönliche Informationen über sich selbst oder über andere zu teilen, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, eine negative Reaktion wie Mobbing oder abwertende Kommentare bei Altersgenossen hervorzurufen.

Falsche Ideale

Die sozialen Medien vermitteln der „Generation X-Factor“ das Streben nach Prominenten-Status und unmögliche Erwartungen. Die Social-Media-Plattformen sind voll von umwerfend aussehenden Models, denen junge Mädchen nacheifern können. Die Körperwahrnehmung der Mädchen im Teenageralter wird geprägt durch Emotionen (das Bedürfnis, gemocht zu werden), Wahrnehmungen (eine der Entwicklung angemessene Größe des Busens) und darüber hinaus von kulturellen Botschaften und gesellschaftlichen Standards. Die sozialen Medien ermöglichen es den Mädchen, sich sowohl mit Freunden als auch Prominenten zu vergleichen und liefern „Lösungen“ wie extreme Ernährungs- oder Trainingstipps gleich mit, damit die Mädchen ihre Ziele erreichen können.

Untersuchungen haben ergeben, dass heranwachsende Mädchen gefährdet sind, Essstörungen oder Dysmorphophobie zu entwickeln (der Drang, eine wahrgenommene Unvollkommenheit operativ zu beheben, z.B. zu kleine Brüste). Sorgen, die ihr Körperbild betreffen, können ihre Lebensqualität nachhaltig negativ beeinflussen, indem sie sie beispielsweise davon abhalten, gesunde Beziehungen zu pflegen. Sie könnten viel Zeit darauf verwenden, sich zu sorgen, die besser darin investiert wäre, andere Aspekte ihrer Persönlichkeit zu entwickeln.

Die sozialen Medien können sich ebenfalls negativ auf die Pubertät auswirken, indem sie junge Mädchen ermuntern, die „Welt der Erwachsenen“ zu betreten und sexuell aktiv zu sein, bevor sie reif genug sind, mit all den Konsequenzen zurechtzukommen, die dies mit sich bringen kann.  Sexting ist zu einer gewöhnlichen Erscheinung unter 20 Prozent der Jugendlichen geworden. Sie schicken dabei Bilder, auf denen sie nackt oder halbnackt sind, an Gleichaltrige. Kommt es zum Betrug, muss sich der Teenager gegen Demütigung wappnen, die er erleben kann, wenn ein anderer Mensch, dem er private Informationen anvertraut hat, ein privates Foto im Netz verbreitet. Die extremen psychischen Belastungen, denen diese Mädchen ausgesetzt sind, und ihre Auswirkungen auf die geistige Gesundheit sind weitreichend dokumentiert.

Die Adoleszenzphase ist auch eine Zeit, in der die Jugendlichen beginnen, fortgeschrittene Fähigkeiten zum logischen Denken auszubilden, und während der ihre kognitive Entwicklung vorangetrieben wird. Es ist eine Zeit, in der sie beginnen, darüber nachzudenken, wie sie von anderen wahrgenommen werden. Jugendliche Mädchen haben die Tendenz, sich in Profanes hineinzusteigern und Handlungen und Gedanken immer wieder zu analysieren, da sie bestrebt sind, sich anzupassen und die Informationen zu verarbeiten. Dies ist grundsätzlich ein gesundes Verhalten, doch Untersuchungen haben gezeigt, dass sich dieses Verhalten in Verbindung mit sozialen Medien zu einer ungesunden Aktivität steigern und so zu einem Vorboten von Depressionen und depressiven Symptomen werden kann.

Die sozialen Medien können Freund oder Feind sein – und statt sich nur auf die negativen Aspekte zu fokussieren, sollten wir sie stattdessen als ein Mittel nutzen, das den heranwachsenden Mädchen dabei helfen kann, zu verstehen, dass die Bilder, die in den sozialen Netzwerken konstant projiziert werden, keinesfalls eine durchschnittliche Person widerspiegeln. Wir sollten ihnen auch beibringen, dass es eine enorme Vielfalt an Aussehen und Entwicklungsgeschwindigkeiten gibt. Wir sollten junge Mädchen dazu ermuntern, sich mit den sozialen Medien kritisch auseinanderzusetzen.

Heranwachsende Mädchen verbringen einen großen Teil ihrer Zeit online. Der Versuch, dieses Verhalten zu unterbinden oder zu kontrollieren, wird nur zu heimlichen Online-Aktivitäten führen.  Stattdessen sollten Eltern sich mehr engagieren, ihre Teenager beim Überwinden von Social-Media-Hindernissen zu unterstützen und ein gesundes Selbstbewusstsein vorleben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image ”Mädchen chattet” by JESHOOTS (CC LIZENZ)


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Pam Ramsden

Pam Ramsden

ist Dozentin für Psychologie an der Universität von Bradford. Sie forscht zur Beziehung der psychologischen Elastizität, stellvertretenden traumatischen Post-Betonungsunordnung und der Angst vor dem Terror.

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