Live aus der Favela (Foto: BuzzingCities)

„Live aus der Favela“ – Im Gespräch mit zwei Auslandjournalistinnen

Favelas sind Armenviertel und das zweite Gesicht von Rio de Janeiro. Armut, Waffen, Drogengangs und Polizei sowie das Zusammenleben auf engstem Raum gehören dort zum Alltag. // von Merle Miller

Live aus der Favela (Foto: BuzzingCities)

Die Auslandsreporterin Julia Jaroschewski, die in den 90ern in Brasilien zur Schule gegangen ist, möchte mit ihrem jüngsten Projekt, das auf Startnext unterstützt werden kann, auch nach Mega-Events wie der WM 2014 zeigen, was in den brasilianischen Armenvierteln geschieht. Zusammen mit Sonja Peteranderl, die als freie Auslandsreporterin für Medien wie Spiegel Online, Impulse Magazin, Stern.de und Zeit Online berichtet, lebt sie selbst immer wieder in einer Favela in Rio de Janeiro.

Aus den Stimmen der Favela-Bewohner und den eigenen Langzeitbeobachtungen wollen Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl eine Multimediareportage und eine Dokumentation machen. Im Interview verraten uns die beiden Auslandsjournalistinnen, worum es bei ihrem Projekt „Live aus der Favela“ geht, warum Auslandsjournalismus wichtig ist und welchen Herausforderungen sie in den Favelas gegenüberstanden.

Merle Miller: Ihr habt das Projekt „Live aus der Favela“ ins Leben gerufen. Was sind eigentlich die Kernaspekte dieses Projektes?

Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl: Mit unserer Berichterstattung aus den Favelas von Rio verfolgen wir, welchen Einfluss die Großereignisse Fußball-WM und die Olympischen Spiele auf die Favelas haben. Vor der WM hat der Staat etwa 200 der Favelas von Rio mit Militär und Polizei besetzt und versucht, die Macht der Drogengangs zurückzudrängen – das ist ein sehr komplexer und konfliktreicher Prozess, der sich nicht von heute auf morgen vollzieht, den man langfristig beobachten muss.

Mit unserem Multimedia-Projekt BuzzingCities.net möchten wir verschiedenen Stimmen aus der Favela eine Plattform geben und Hintergrundinformationen bereitstellen, die ein wirklichkeitsgetreueres Bild des Geschehens zeichnen. Außerdem leben wir seit 2011 immer wieder in der Favela Rocinha, der größten Favela von Rio, und twittern und bloggen live auf favelawatchblog.com. Bei diesem hyperlokalen Journalismus geht es um Einblicke in den Favela-Alltag – wie es ist, seine Wäsche im Eimer zu waschen oder sich einen Internetanschluss in einer Favela legen zu lassen. Wir berichten auch von Schießereien, die in der Rocinha täglich stattfinden, zum Teil aber in den großen Medien nicht abgedeckt werden.

Außerdem haben wir das BuzzingCities Media Lab gegründet, ein Think Tank für urbane Entwicklungen – wir erforschen seit Jahren die Digitalisierung in Siedlungen wie den Favelas und den südafrikanischen Townships und analysieren, wie Internetzugang und soziale Netzwerke solche „Problemviertel“ internationaler Metropolen verändern und voranbringen können.

Maracana (Foto: BuzzingCities)

Welche Ziele verfolgt ihr mit dem Projekt?

Allein in Rio de Janeiro gibt es mehr als 1000 Favelas – und 1001 Klischees über diese Siedlungen. Viele denken bei Favelas nur an den Film „City of God“, an Drogengangs, brutale Gewalt, ständige Schießereien, korrupte Cops. Es gibt Brasilianer, die bis heute keinen Schritt in Favelas setzen würden und denken, alle Favelabewohner seien kriminell oder dumm und würden den ganzen Tag nur vor dem Fernseher sitzen.

Auf der anderen Seite spazieren manche Leute, oft Ausländer, ein bisschen naiv in Favelas hinein und denken, dass alles problemlos und entspannt ist – was auch nicht stimmt. Wir möchten dazu beitragen, dass das Bild ein bisschen vielfältiger wird – und verfolgen langfristig die die Dynamik von Besetzungspolitik und Organisierter Kriminalität.

Für wen ist „Live aus der Favela“ besonders interessant?

Online, aber auch bei unseren Veranstaltungen zu dem Wandel der Favelas und der Digitalisierung wie Social Media Week haben wir gemerkt, dass sich ein relativ breites Publikum für das interessiert, was in den Favelas geschieht. Manche kennen Favelas und wollen sich informieren, was dort los ist, andere waren noch nie in Brasilien und finden es trotzdem spannend, wie etwa die Digitalisierung dort stattfindet oder wollen erfahren, wie Millionen Brasilianer leben, abseits der Postkarten-Idylle.

Journalistisch sind wir unter anderem auch in Mexiko unterwegs und dort interessieren sich die Journalisten oder Sicherheitsexperten zum Beispiel dafür, wie die Besetzung der Viertel durch die Polizei funktioniert – und ob das Konzept übertragbar ist. Für uns sind Favelas auch Labore der Zukunft, in denen grundlegende Konflikte ausgehandelt werden – und die lassen sich auch auf andere Länder übertragen. Wie integriert man Ströme von Migranten, die in Metropolen weltweit nach einer besseren Zukunft suchen? Wie organisieren sich Menschen, wenn der Staat versagt? Wie gelingt der Wandel vom organisch gewachsenen Viertel zum formalisierten Teil der Stadt?

Welche herausragenden Erfahrungen habt ihr mit eurem Auslandsjournalismus in den Armenvierteln gesammelt?

Schwierige, auch gefährliche Situationen kennen wir auch aus anderen Ländern. Aber direkt aus der Favela zu berichten, kann eine echte Herausforderung sein – weil der Strom mal ausfällt, das Internet nicht funktioniert oder man tagelang ohne Wasser auskommen muss. Unter diesen Umständen wirklich aktuell zu berichten, ist manchmal eine echte Anstrengung. Wir saßen auch schon eine Nacht lang vor dem Laptop, um ein kurzes Video hochzuladen.

Da wir uns beide viel mit Organisierter Kriminalität, Sicherheitsstrategien und Digitalisierung beschäftigen, waren die letzten Jahre in den Favelas extrem spannend für uns, eine Art teilnehmende Beobachtung. Vieles versteht man auch erst, wenn man wirklich in der Favela lebt – einem Reporter, der einmal kommt und wieder geht, kann jeder alles erzählen.

Was passiert am Ende eigentlich mit all dem Material, d.h. den Interviews und den Beobachtungen, die ihr in den Favelas gesammelt habt?

Auf unserer Multimedia-Plattform BuzzingCities.net und auf dem favelawatchblog.com haben wir schon zahlreiche Geschichten und Videos veröffentlicht. Außerdem arbeiten wir als Auslandsreporterinnen für verschiedene Medien und haben in den letzten Jahren zum Beispiel für Print- und Onlinemedien wie Spiegel Online, Die Welt oder das Arte Magazin über die Favelas berichtet.

Trotzdem bleiben immer noch mehrere Festplatten voller Videomaterial und zahlreichen Interviews, die noch unveröffentlicht sind. Jetzt sind wir gerade dabei, einen kurzen Dokumentarfilm zu schneiden, der den Wandel der Favelas nochmal filmisch dokumentieren soll.

Welche Personen werden bei diesem Dokumentarfilm besonders im Vordergrund stehen?

Wir haben Interviews mit Favelabewohnern, Drogengangstern, Aktivisten, Experten und staatlichen Sicherheitskräften geführt – wir möchten, dass alle Seiten zu Wort kommen.

Junge (Foto: BuzzingCities)

Was kann man mit einer Spende für euer Projekt auf Startnext konkret unterstützen?

Auf der Crowdfunding-Plattform Startnext versuchen wir gerade, unsere Flugtickets nach Brasilien zu finanzieren, damit wir nochmal nach Rio fliegen können, um zu sehen, wie die Situation und die Stimmung nach den Präsidentschaftswahlen im Herbst ist.

Seit die WM abgepfiffen wurde, ist der Krieg um die Favelas zwischen Drogengangs und Polizei eskaliert, es ist wichtig, da weiter drauf zu schauen. Wir möchten für eine Kurz-Dokumentation und auch für unsere Multimedia-Reportage nochmals Interviews mit den Hauptprotagonisten führen. Außerdem brauchen wir Geld für Equipment und technischen Support.

Und aus welchen Gründen sollte man euer Projekt unterstützen?

Es reicht nicht, einmal in die Favelas hineinzuspazieren und ein paar Interviews zu führen. Die Situation ist sehr komplex, man muss sich auskennen und das Geschehen länger verfolgen, um zu verstehen, was in den Favelas los ist oder wie Meinungen einzuordnen sind.

Um das zu schaffen, braucht man aber auch finanzielle Ressourcen – wir haben selbst schon unglaublich viel Zeit und Geld in das Projekt gesteckt. Aber da wir nicht alles mit freiem Journalismus querfinanzieren können, hoffen wir darauf, dass Leute dazu beitragen wollen, dass wir weiter berichten, und Einblick in das geben, was hinter den Kulissen passiert.

Vielen Dank für das ausführliche und sehr interessante Interview!


Teaser & Images by BuzzCities


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Merle Miller

Merle Miller

studiert Medieninformatik an der Fachhochschule Flensburg und schnupperte als Praktikantin bei den Netzpiloten erste Redaktionsluft. Nicht nur das Web 2.0 und Online-Medien begeistern sie, auch das Erlernen von Programmiersprachen findet sie faszinierend. Schon bevor das Internet in jedem Haushalt Einzug gefunden hatte, durchforstete sie das World Wide Web auf einem ruckeligen 56k-Modem und lernte früh die spannende Welt der Online-Medien kennen – von Beepworld bis Wordpress.

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