LG G2 im Test: Gelungener Display-Riese mit Software-Defiziten

Mit dem LG G2 hat der südkoreanische Gerätehersteller zwar keine Smartphone-Revolution ausgelöst, aber ein technisch beeindruckendes Gerät entworfen. Es gibt diesen neuen Begriff, der es auch ins Oxford Dictionary geschafft hat: Phablet, halb Phone, halb Tablet. Mit seinem XXL-Display gehört das neue LG G2 (16 GB: ca. 490 Euro, 32 GB: ca. 640 Euro) wohl schon zu dieser Kategorie. Das Gerät, das in Schwarz und Weiß erhältlich ist, weiß mit seiner spitzenmäßigen Hardware-Ausstattung zu überzeugen, gibt sich aber leider einige Blößen bei der Software, wie der Testbericht zeigt.


 

1. Die Äußerlichkeiten: Tasten auf der Rückseite

Sie wachsen immer weiter: Das G2, das neue Flaggschiff des südkoreanischen Herstellers LG, gehört mit seinen 5,2 Zoll Bildschirmdiagonale (13,2 cm) zu den größten Smartphones am Markt. Wirkt es anfangs noch zu groß, gewöhnt man sich schnell an das XXL-Handy mit den Maßen 138,5mm x 70,9mm x 9,1mm, das sich in einer durchschnittlichen Jeans-Hosentasche gut ausgeht. Das Plastikgehäuse macht das Gerät mit 145 Gramm (iPhone 5: 112 Gramm) nicht übermäßig schwer und liegt dank abgerundeten Kanten sehr gut in der Hand, ist allerdings aber auch ziemlich rutschig – mir ist das G2 mehrmals aus der Hand geflutscht, hat aber alle Stürze unbeschadet überlebt. Insgesamt ist es mir einen Tick zu groß für die Bedienung mit einer Hand, was man vor allem beim Autofahren merkt – nicht jeder Punkt des Displays ist mit dem Daumen erreichbar.

Eine Besonderheit hat sich LG mit den Rear Keys einfallen lassen: Power-Knopf und “Lauter” und “Leiser” sind nicht an den Kanten, sondern an der Rückseite unter der zentrierten Kameralinse zu finden. Das soll laut LG die Lautstärkeregelung per Zeigefinger beim Telefonieren erleichtern – in der Praxis aber war es bei mir so, dass ich die Knöpfe oft falsch ertastet habe und dann statt z.B. ein Video leiser gemacht das Display ausgeschaltet habe. Ein Wort zu den Lautsprechern: Diese sind an der Unterseite zu finden, tönen (für ein Smartphone) sehr laut und klar, werden beim Querhalten des Geräts aber von einer Hand verdeckt.

2. Das Display: Groß, scharf, schön

Den Power-Knopf auf der Rückseite braucht man aber ohnehin nicht, weil das LG G2 eine tolle Funktion hat: Mit einem Doppeltipper aufs Display weckt man das Gerät auf, mit einem Doppeltipper auf einen freien Platz am Homescreen dreht man es auch wieder ab. Zwar funktioniert das nicht in 100 Prozent aller Fälle, ist aber meiner Meinung nach eine so tolle Funktion, dass ich sie mir auf jedem Handy wünsche. Das Full-HD-Display selbst gehört mit einer Auflösung von 1.920 mal 1.080 Pixel (das entspricht 423 ppi) zu den besten Smartphone-Bildschirmen am Markt. Scharfe Bilder, satte Farben, gute Kontraste – hier gibt es nichts zu meckern. Wer meint, dass 5,2 Zoll zu groß sind, der sollte sie einmal ausprobieren. Ob Webseiten lesen, Videos schauen oder Games spielen, man gewöhnt sich extrem schnell an die Display-Größe. Mein Haupt-Smartphone iPhone 4S (3,5 Zoll) wirkt jetzt wie ein Kinder-Handy auf mich und ist mir nach drei Wochen LG G2 zu klein.

Interessant ist auch, dass das LG G2 auf so genannte Touch Keys setzt: Anstatt unter dem Display echte Knöpfe zu verbauen, kann man sich virtuelle Buttons für “Zurück”, “Homescreen” oder “Menü” unten in beliebiger Reihenfolge hinlegen. Das ist nicht nur praktisch, sondern sieht auch gut aus, weil das Gerät keinen Platz für echte Tasten vorne verschenken muss.

3. Die Innereien: Flotter geht´s nicht

Im Inneren des G2 verrichtet ein Snapdragon 800, ein Quadcore-Prozessor mit 2,3 GHz von seine Arbeit – LG hat somit den derzeit schnellsten Qualcomm-Chip am Markt verbaut und ihm eine Andreno 330 GPU zur Seite gestellt, und das merkt man auch. Gebräuchliche Apps wie Browser, YouTube, Twitter oder Facebook starten sowieso flottest, aber auch grafisch aufwändigere Spiele wie “FIFA” 14 laufen schnell und ruckelfrei. Wer also gerne mobile Games zockt, liegt beim LG G2 sicher richtig. Das Gerät hat außerdem 2 GB RAM an Bord und wird mit 16 bzw. 32 GB Speicher angeboten, den man nicht erweitern kann.

Damit das LG G2 auch mit ausreichend Strom versorgt ist, hat es einen vergleichsweis starken Akku mit 3.000 mAh (Samsung Galaxy S4: 2600 mAh) bekommen. Dieser hielt in meiner dreiwöchigen Testphase bei (für mich) normaler Nutzung ca. eineinhalb Tage pro voller Ladung, andere Tester sprechen bei mittlerer Nutzung auch von zwei Tagen. Dafür muss das LG G2 aber auch deutlich länger als mein Haupthandy iPhone 4S an den Stecker, um sich eine volle Ladung zu holen.

4. Die Software: Vermurkstes Android

So gut die Hardware des G2, so schwach die Software. Wie auch andere Hersteller wie Samsung, HTC oder Sony kann es auch LG nicht lassen, an Googles Betriebssystem Android (installiert ist Version 4.2.2) herumzumurksen. Das fängt schon bei den hauseigenen Symbolen für SMS, E-Mail, Notizbuch oder Wecker an, die einfach nicht schön anzusehen sind – welcher Erwachsene braucht eine Smiley-Sprechblase auf gelbem Grund für seine SMS-Nachrichten? Ist schon das “Basic”-Interface nicht unbedingt eine Augenweide, können ganz Wagemutige das Telefonschema auf “Marshmallow” umstellen. Man ahnt es schon: Das G2 verwandelt sich dann in ein rosarotes Manga-Monster, das man nur einem Kind antun will – aber welches Kind bekommt schon ein Highend-Smartphone wie dieses geschenkt?

Weiter geht es mit hauseigenen Apps und Funktionen, die LG in den Vordergrund drängt. Ob “QSlide” (LG-Apps in einem kleinen Fesnter parallel zu anderen Apps öffnen), “Quick Memo” (Screenshot-App mit Drüberzeichnen-Funktion), “Miracast” (App zur TV-Synchronisation), “QuickRemote” (Smartphone als TV–Fernbedienung) oder “Voice Mate” (Sprachsteuerung) – all diese unnötigen Apps sind so prominent in den Benachrichtigungen platziert, das kaum Platz für die Benachrichtigungen bleibt. Wenig sinnvoll ist auch “Slide Aside”, wo man mit einer Drei-Finger-Wisch-Geste eine App im Hintergrund weiterlaufen lassen kann – leider reagieren Apps auf diese Geste manchmal anders, was insgesamt zu einer inkonsistenten Nutzung führt. Das i-Tüpfelchen sind die vorinstallierten Töne, die die Wiener Sängerknaben eingesungen haben: Wer bitte will sein Telefon mit diesem Klingelton läuten und sich von diesem Alarm wecken lassen?

5. Die Kamera: Starke 13 Megapixel

Aber zurück zu einer Stärke des G2: Die verbaute Kamera bietet eine Auflösung von bis zu
13 Megapixel – diese muss man aber erst einstellen und fotografiert dann im 4:3-Format. Wer 16:9-Fotos machen will, muss in den 10-Megapixel-Modus zurückwechseln. In den Kameraeinstellungen kann aber außerdem Helligkeitswerte, ISO-Wert, Weißabgleich oder Geotagging einstellen. Die Bilder, die ich im Normalmodus bei Tageslicht geschossen habe, sind allesamt sehr gut geworden und zeichnen sich durch hohe Farbtreue aus. Bei schwierigen Lichtverhältnissen (z.B. in Lokalen, bei Nacht) werden die Aufnahmen leider nicht immer gut, verwackeln schon mal und werden trotz eingebautem Bildstabilisator unscharf. Testfotos gibt es in diesem Flickr-Album zu sehen. Vorne gibt es eine Frontkamera mit 2,1 Megapixel, die solide Arbeit verrichtet.

tl;dr: Lieber warten aufs Nexus 5

Insgesamt habe ich beim LG G2 gemischte Gefühle. Das Display ist toll, die Hardware ist flott, die Kamera stark, die Lautsprecher satt – doch bei der Software gibt sich LG Blößen. Bis man das Gerät einigermaßen nach eigenen Vorstellungen eingerichtet hat, braucht es einige Zeit, und die oben beschriebenen LG-Apps wird man auch bei Nicht-Verwendung nicht los – außer, man flasht das Gerät (Achtung Ganrantieverlust!) und installiert sich seine bevorzugte Android-Version. Das LG G2 gehört derzeit sicher zu den besten Android-Smartphones und muss sich vor dem Samsung Galaxy S4 und dem HTC One nicht verstecken.

Doch vor dem Kauf sollte man unbedingt die offizielle Präsentation des bereits geleakten Nexus 5 abwarten: Das Google-Gerät, das LG baut, ist dem G2 in Sachen Hardware sehr ähnlich, wird aber mit der neuesten, unverfälschten Android-Software “KitKat” (4.4) ausgeliefert und zum Kampfpreis von 350 Dollar ohne Vertrag zu haben sein – insgesamt wohl die bessere Wahl.


Disclaimer: Das Testgerät wurde mir von der Wiener Agentur von LG, Liechtenecker, für drei Wochen zur Verfügung gestellt und natürlich wieder zurückgegeben.


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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