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Kommentar: Die Kritik an „Jung & Naiv“ ist jung und naiv

Auf Sueddeutsche.de kritisiert die Journalistin Nadja Schlüter die Interviewreihe „Jung & Naiv“ und das auf eine sehr naive und zu kritisierende Art und Weise.

jungundnaiv

Seit fast sechs Monaten leite ich Netzpiloten.de und meine eigene journalistisch-bloggende Produktivität hat seitdem stark abgenommen, denn ein derartig spannendes Projekt redaktionell zu leiten kostet Zeit. Zeit, in der ich aber auch viel gelernt habe, mir viel abschauen konnte und vieles inzwischen anders sehe. Umso mehr ärgere ich mich über eine Kritik der jetzt.de-Mitarbeiterin Nadja Schlüter an der YouTube-Politsendung „Jung & Naiv„, ein journalistisches Interview-Projekt von Tilo Jung. Warum? Es ist eines der interessantesten Projekte der letzten Monate. Wer das nicht erkennt, ist schön blöd.

Ich weiß noch nicht, ob ich „Jung & Naiv“ mag. Seit Monaten schaue ich Tilo Jungs Politsendung für Desinteressierte, ohne aber inzwischen Fan zu sein. Nur weil „Jung & Naiv“ mir nicht besonders gefällt, muss es keine schlechte Sendung sein. Vielleicht sogar ganz im Gegenteil, denn abseits von persönlicher Meinung muss ich festhalten, dass die Sendung sehr gut gemacht ist. Dieses dem Interviewpartner nahe kommen baut scheinbar wirklich Hürden ab. Es ist eine Einladung an die Interviewten, keine Phrasen für die üblichen 90 Sekunden der Tagesschau sagen zu müssen, von denen dann nur 7 Sekunden verwendet werden. Ich habe die Wirklichkeit oft genug in den Fluren von Landtagen oder Parteizentralen erlebt und die JournalistInnen dafür innerlich verachtet. Genau wie inzwischen wohl jede Politiksendung im deutschsprachigen Fernsehen. Bei Jung haben die Gäste die Möglichkeit mehr zu sagen, die kurzen Nachfragen von Jung geben den Antworten dann meist sogar noch mehr Tiefe, denn sie schaffen Platz für Erklärungen.

Nadja Schlüter von jetzt.de, ein Medium das die Bezeichnung „jung und naiv“ sich seit Jahren wirklich regelmäßig verdient, stört sich in einem aktuellen Beitrag auf Sueddeutsche.de genau über diese Herangehensweise in einem Interview mit einer politischen Persönlichkeit. Sie bezeichnet das Format als „schön blöd“ und kann den Folgen keinerlei Erkenntisgewinn abringen. Die Frage an Sahra Wagenknecht, wer denn dieser Oskar Lafontaine ist, mit dem sie zusammen ist, war etwas übertrieben ausgedrückt für mich eine der klügsten Fragen im deutschsprachigen Journalismus. Die meisten LeserInnen der Süddeutschen und auch von Netzpiloten.de wissen natürlich wer Oskar Lafontaine ist, in welcher Partei er früher war und in welcher er heute ist, aber fragen Sie mal einen Menschen Anfang 20, der nicht in diesem Herbst ein Politikstudium beginnen möchte. Diese gut ausgebildeten Menschen wissen nicht, wer Oskar Lafontaine ist und kennen nicht den Unterschied zwischen einem Steinmeier und einem Steinbrück. Und das aus Desinteresse.

Und genau an diese Menschen richtet sich Tilo Jungs Sendung und genau deshalb sind diese Fragen so hervorragend und für politisch interessierte Menschen imme rnoch amüsant. Auf Wagenknechts Hinweis auf die Beziehung mit Oskar Lafontaine mit „Große Liebe und so?“ nachzufragen, war mein bisheriges Highlight in der Sendung. Tilo Jung ist ein Medienprofi, der es mit vermeintlicher Nähe schafft, interessant zu unterhalten. Von der studierten Literaturwissenschaftlerin Nadja Schlüter kann ich das nach ihrem Artikel nicht behaupten. Jungs Videoformat zu kritisieren ist vollkommen in Ordnung, aber als angehende Journalistin (Anm.: Das Wort „angehende“ war falsch von mir ausgedrückt, weshalb ich es nach einem Hinweis wieder gelöscht bzw. durchgestrichen haben.) in einem der wichtigsten Medien dieses Landes etwas zu kritisieren, dass man offensichtlich nicht verstanden hat und dann auch noch genau das zu kritisieren, was daran richtig gemacht wird und notwendig ist, geht meines Erachtens nicht. In der Mediendebatte unter dem Hashtag #tag2020 wird immer der gut ausgebildete Journalismus-Nachwuchs gelobt. Ich sehe ihn zur Zeit nicht.

Es sind oft die Alten, die meckern, aber in einem Punkt haben sie Recht: junge JournalistInnen trauen sich kaum noch etwas. Tilo Jung hat sich etwas getraut, vielleicht nicht etwas sehr innovatives, aber etwas, dass heute funktioniert. Nadja Schlüter hat sich bisher nichts getraut, wie die vergangenen vier Jahre auf jetzt.de zeigen. Von ihr kamen bisher nur Artikel, die auch nur Menschen interessieren können, die sich einen Stempel als „Generation XY“ aufdrücken lassen. Es mag Geschmackssache sein, was Schlüter so schreibt. Persönlich sind es genau diese Artikel, die mich gestoppt haben, Magazine wie Jetzt.de oder die Neon weiterzulesen. Aber andere zu kritisieren ist etwas, dass in den Medien immer funktioniert. Die bis zu dieser Stelle durchgehaltenen LeserInnen wissen, was ich meine.

Ein Tweet war nicht genug um meinen Unmut über Schlüters Kritik Ausdruck zu verleihen. Ein begonnener Blogpost auf meinem Tumblr zu wenig, denn ich glaube in Schlüters (mit Neid gefüllter?) Naivität auf Jungs Experiment ein Problem des heutigen Journalismus zu erkennen. Man traut sich nichts mehr und man macht nichts mehr. Netzpiloten.de ist nicht mein Brotjob, ich bin wirtschaftlich nicht abhängig und kann deshalb etwas mutiger sein; bin es hoffentlich auch. Ich kann neue AutorInnen testen, ein Podcast starten oder eine Videoreihe initiieren. Alles nicht sehr innovativ, aber alles Sachen, die vorher nicht da waren, die nun Teil der medialen Vielfalt in Deutschland sind. Auch Tilo Jung hat dies getan und viele andere sind ebenfalls experimentierfreudig und mutig, wie z.B. Daniel Höly mit dem Projekt SHIFT. Sie sind nicht die Zukunft des Journalismus, aber ein Teil von ihm. Von Nadja Schlüter kam bisher nichts und vielleicht würde ich mit einer Stelle bei der Süddeutschen auch mehr auf Sicherheit spielen anstatt was Neues zu versuchen oder was Altes zu verbessern. Aber das gefährdet die Zukunft des Journalismus im Ganzen. Über diese Erkenntnis, den ich aus ihrem Artikel gezogen habe, kann man diskutieren.

Disclaimer: Ich hoffe meine Kritik an der Person Nadja Schlüter kam nicht zu persönlich rüber. Ich kenne die Frau nicht und habe auch nichts gegen sie. Ihr Verhalten stört mich, würde es bei jedem, der sich so verhält. Unmutsbekundungen bitte unter diesem Artikel hinterlassen oder mich auf Twitter ordentlich angehen. Ich sage nicht, dass ich es nicht verdient habe.

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Tobias Schwarz

Tobias Schwarz

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit.

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