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Spende 2.0 statt Majorlabel – Crowdfunding in der Musikwirtschaft

Interview mit Wolfgang Gumpelmaier und Frederic Bartl zum Crowdfunding im Musikgeschäft und dem B.Fresh-Projekt „256“.

Spende 2.0 statt Majorlaber – Crowdfunding in der Musikwirtschaft

Der Medienwandel stellt die bisherige Geschäftswelt auf den Kopf. Besonders spürt das die Kreativwirtschaft. Musiker, Künstler und Filmemacher versuchen sich über neue Finanzierungsmodelle selber eine Zukunft zu sichern. Mithilfe des Crowdfundings – also der Schwarmfinanzierung durch Fans und private Gönner – werden heutzutage nicht wenige Projekte realisiert. Wir haben einmal den Crowdfunding-Experten Wolfgang Gumpelmaier über den Status Quo des Finanzierungsmodells in der Musikbranche sowie den Hip-Hop-Künstler Frederic, besser bekannt als „B.Fresh“, zu seinem aktuellen Versuch, ein Album über die Crowd zu finanzieren, befragt.

Lieber Wolfgang, wie stark wird Crowdfunding derzeit in der Musikindustrie angewandt? Ist es eher eine Einnahmequelle für unbekannte Musiker und Bands oder gibt es auch Beispiele aus dem Mainstream?

Wolfgang Gumpelmaier (Image by Alexander Kühn)Wolfgang: Crowdfunding wird natürlich vor allem in der alternativen Szene bzw. von aufstrebenden Musikern eingesetzt, da es den Künstlern eine gewisse Unabhängigkeit ermöglicht. Aber auch bereits renommierte Bands setzen auf diese neue Form der Projektfinanzierung. Als Pioniere gelten hier Public Enemy, die über die Plattform Sellaband ihr Album „Most Of My Heroes Still Don’t Appear On No Stamp“ mit Hilfe der Fans vorfinanzierten. Als aktuelleres Beispiel muss man sicherlich Ex-Dresden Dolls Sängerin Amanda Palmer erwähnen, die sich auf Kickstarter an ihre Fans wandte, um 100,000 Dollar für ihr Album „Theatre is evil“ einzusammeln. Am Ende waren es knapp 1,2 Millionen Dollar, die durch die Unterstützung der Fans zusammenkamen. Aber auch Super-Stars wie Tina Turner haben Crowdfunding für sich entdeckt. Auf Pledgemusic crowdfunded die Grand Dame des Soul-Pop für ein Kindermusik-Projekt.

Was auffällt ist, dass diese Künstler scheinbar komplett auf ein Label verzichten. Fühlen sich Labels allgemein bedroht vom Crowdfunding oder sehen sie es als zusätzliche Alternative um ihre Künstler aufzubauen?

Wolfgang: Ich denke, das ist sehr unterschiedlich. In den genannten Fällen handelt es sich um etablierte Bands, die sich mittlerweile eine große Fanbase erspielt haben. Mit Hilfe von Crowdfunding verschaffen sie sich eine gewisse Unabhängigkeit von den Labels. Insbesondere für kleine Bands, denen oft sowohl die Community, als auch die Erfahrung fehlt, sind Labels nach wie vor wichtig. Vor allem wenn es um die Entdeckung oder auch Bekanntmachung junger Künstler und ihrer Musik geht, stecken in Crowdfunding große Potenziale. Bei ikosom forschen wir – allen voran Karin Blenskens – aktuell genau zu diesem Thema.

Von welchen Bedingungen hängt der Erfolg eines musikalischen Crowdfunding-Projektes ab? Unterscheiden sich die Kriterien hier von anderen Projekten, wie z.B. aus der Filmwirtschaft?

Wolfgang: Die meisten Kriterien gelten für alle Crowdfunding-Projekte, dazu zählen u.a. eine persönliche, transparente und regelmäßige Kommunikation mit den (potenziellen) Unterstützern sowie ein einzigartiges Produkt. Amanda Palmer’s Einzigartigkeit lag nicht in ihrer Musik, sondern darin, dass sie mit ihrer Crowdfunding-Kampagne das Musikbusiness revolutionieren wollte. Ich denke, Musiker haben hier gegenüber etwa Filmemachern einen wesentlichen Vorteil: sie können die Unterstützer wesentlich einfacher und öfter in ihre Projekte integrieren. Hier mal ein Live-Streaming aus dem Studio, da mal eine Vorabversion als .mp3-Download.

Frederic, du bist gerade dabei ein Album mithilfe der Crowd zu finanzieren. Hast du die besagten Bedingungen bedacht? Welche Erfahrung machst du derzeit mit deinem Hip-Hop-Projekt 256 und wie hoch ist der Aufwand, um das Projekt der Crowd zugänglich zu machen?

Frederic: Natürlich habe ich alle diese Faktoren beachtet und wurde auch super von Wolfgang informiert. Ich halte stets direkten Kontakt zu meinen Fans und arbeite auch täglich an neuen Updates, um das Projekt transparent zu halten und um den Fans etwas Spannendes und Neues zu geben. Das reicht von einem Interview auf einem regionalen Radiosender wie zuletzt Radio Galaxy, über Flyer verteilen, die ich von zu Hause aus produziert habe, bis hin zu Fragen beantworten.

Die Erfahrungen, die ich bis jetzt gesammelt habe sind positiv und negativ zugleich. Menschen sind von „256“ begeistert und haben auch keine Scheu es mit deren Freunden zu teilen. Es gibt auch viel gutes Feedback über Facebook und über andere Social Media Kanäle. Jedoch kommt Crowdfunding bei manchen eher als „Schnorren“ an und diese möchten dann lieber nichts damit zu tun haben. Man muss dazu sagen, dass sich in meinem Umkreis hauptsächlich Studenten befinden und da kann man das zurückhaltende Verhalten in Bezug auf eine „Spende“ schon verstehen. Ich denke es fehlt einfach noch an Reichweite um dieses Projekte erfolgreich abzuschließen.

Der Aufwand ist so nicht wirklich messbar, da das Konzept an sich aus dem Nichts entstand und sich seit Januar 2012 immer mehr strukturierte. Doch alleine für das Einstellen und planen des Crowdfundings habe ich ca. eine Woche gebraucht. Dazu gehörten Texte, Bilder, Videos, Meilensteine und natürlich die Gegenleistungen. Seit Projektstart investiere ich täglich 1-2 Stunden um das Projekt auf dem neuesten Stand zu halten.

Welche Rolle spielen die Gegenleistungen speziell in deinem Projekt? Und was genau bietest du deinen Fans für ihre Unterstützung?

Frederic: Dass ich meinen Fans Gegenleistungen anbieten kann ist der Grund für die Nutzung von Crowdfunding. Jeder der sich beteiligt ist somit Teil des Projektes und bekommt dadurch natürlich auch diverse „Teile“ des Projektes.

Anfangs habe ich mir viele verschiedene Gegenleistungen ausgedacht und dann überlegt, wie ich diese am besten aufgliedere. Am Schluss kam die Gliederung 10, 50, 100, 500, 1000 und 15.000 dabei raus. Es fängt ganz klein an mit einem digitalem Download vor Veröffentlichung und geht weiter mit einem zusätzlichen Sammler-Poster. Danach wird es dann schon etwas haptischer, denn man bekommt ab $100 eine physische Kopie des Albums und ein T-Shirt. Ab $500 gibt es eine der limitierten Premium-Boxen des Albums (Auflage von 256) mit all dem Schnick-Schnack. Was sich auch ganz gut macht sind die „Danksagungen“ in einem Video und auf der Homepage. Um alles von „256“ zu bekommen und mich LIVE zu sehen gibt es die $15,000 Leistung. Man weiß ja nie wer über das Projekt schauen wird (lacht).

Wohl wahr. Wolfgang, welchen Einfluss hat eigentlich die jeweilige Plattform für das Projekt?

Wolfgang: Die Auswahl der Plattform spielt sicherlich eine Rolle, aber viel mehr geht es darum, die Crowd auf diese zu bringen. Denn die Plattformen sind keine Promoter, sondern stellen in erster Linie die Infrastruktur zur Verfügung. Sicher gibt es den einen oder anderen Unterschied zwischen den Plattformen, den ich im Vorfeld bedenken sollte, etwa welche Zahlungsmethode verwendet wird oder ob es die Option der Mehrsprachigkeit gibt. Weitaus wichtiger ist es, sich vor dem Beginn Gedanken über die Kampagne zu machen und sich eine Content-Strategie zu überlegen. Kleinigkeiten wie E-Mails an alle Freunde und Kollegen am Beginn des Crowdfundings schicken oder die lokale Presse bzw. einflussreiche Blogger über das Projekt informieren, können über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Danke euch für das kurze Gespräch!


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Andreas Weck

Andreas Weck

schreibt seit 2011 für die Netzpiloten und war von 2012 bis 2013 Projektleiter des Online-Magazins. Zur Zeit ist er Redakteur beim t3n-Magazin und war zuletzt als Silicon-Valley-Korrespondent in den USA tätig.

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