Kann die Digitalisierung für mehr Nachhaltigkeit sorgen? (Bild: Ole Wintermann)

Kann uns die Digitalisierung zu mehr Nachhaltigkeit verhelfen?

Immer wieder wird die Digitalisierung auf ihre rein technische Dimension reduziert. Sie kann uns aber helfen, mehr Nachhaltigkeit in unseren Alltag zu bringen. // von Ole Wintermann

Kann die Digitalisierung für mehr Nachhaltigkeit sorgen? (Bild: Ole Wintermann)

Die Debatte darüber, ob die gegenwärtige Volkswirtschaftslehre in der Lage ist, Modelle für das Erreichen eines nachhaltigen marktwirtschaftlichen Systems zu skizzieren, ist alles andere als neu und hat ihren Widerhall in den letzten Jahren in verschiedenen Kontexten gefunden.

Die Volkswirtschaftslehre ist auf dem Nachhaltigkeits-Auge blind

Aktuell betitelt die FAZ das Problem erneut mit: „VWL – nicht gesellschaftstauglich“. Diese Debatten wiederholen sich zumindest seit meinem Volkswirtschafts-Studium (VWL) in den 1980er Jahren. Und nach wie vor haben VWL-Experten Mühe, ihre Modelle in einen lebensnahen Kontext zu stellen. So werden von vereinzelten Mutigen Verhaltensweisen und Glücksfragen in die Modelle implementiert, ohne aber bisher jemals die Chance gehabt zu haben, Eingang in den VWL-Mainstream zu finden.

Der Stern-Report als Fanal der klassischen Volkswirtschaftslehre?

So verwundert es natürlich nicht, dass der Klimawandel erst dann von Politik und Wirtschaft ernst genommen wurde, als der Stern-Report zum ersten Mal die ökonomisch negativen Auswirkungen der Erderwärmung hervorhob; als wenn sich die Rettung des Erdklimas erst dann lohnen würde, wenn die Rettung in den Bilanzen einen Netto-Gewinn ergibt. Verzweifelte und seit Jahrzehnten andauernde sowie erfolglose Versuche, die negativen Externalitäten nicht-nachhaltiger Produktionsweisen zu erfassen und zu bewerten, verdeutlichen, dass es anscheinend eines komplett anderes Paradigmas als das der nur in Quantitäten denkenden VWL und klassischen Marktwirtschaft bedarf, um die vollkommen neue Qualität der Erdzerstörung überhaupt erfassen zu können. Nachhaltigkeit als Konzept zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen muss solange ein frommer Wunsch bleiben, wie es nicht möglich ist, eine Kongruenz zwischen dem Wertesystem einer idealen nachhaltigen Lebensweise und der nachhaltigen Produktionsweise herzustellen.

Nafeez Ahmed: Das Ende des endlosen Wachstums

Der von mir sehr geschätzte Journalist und Blogger Nafeez Ahmed hat in zwei neuen Artikeln bei Motherboard hierzu einige Gedanken formuliert, die in diese Richtung gehen. Er schreibt: „The economic crisis is symptomatic of a deeper crisis of industrial civilization’s relationship with nature“ und eröffnet damit einen neuen Blickwinkel auf die ökonomischen Krisen der letzten Jahre. Für ihn stellt sich die Frage, ob wir uns als Weltgemeinschaft nicht vielmehr gewahr werden sollten, dass wir vielleicht an der Schwelle zu einer Zeit stehen, in der „Gesellschaft“, „Gemeinschaft“, „Zivilisation“ gänzlich anders als in der Vergangenheit funktionieren werden (Ähnlichkeiten zu Alexander Bard sind hier erkennbar). Im Kern ginge es, so Ahmed, um die Abkehr von der Kapitalakkumulation einiger Weniger hin zur Erfüllung der grundsätzlichen Bedürfnisse der Vielen.

Die klassische VWL verstünde einfach nicht, dass „Endless growth on a finite planet is simply biophysically impossible„.

Stellt die Digitalisierung nicht-nachhaltige marktwirtschaftliche Paradigmen in Frage?

Die Digitalisierung, so die These von Ahmed, biete durch ihren disruptiven Charakter in verschiedenen Bereichen von Gesellschaft und Wirtschaft erstmals die Möglichkeit, von dieser nicht-nachhaltigen Art und Weise von der Wirtschaft Abstand zu nehmen.

Die Chance zur Abkehr vom marktwirtschaftlichen Wertesystem – Wettbewerb, Egozentrismus, Vernichtung, Zentralisierung, Hierarchie, Eigennutz, Konflikt – erkennt er auf der einen Seite in den Krisen der Energieversorgung, der Banken, des quantitativen Wirtschaftswachstums und des herausfordernden Umgangs mit der digitalen Transformation. Auf der anderen Seite würden sich Revolutionen im Internet, der Energieversorgung, der Lebensmittelproduktion, des Finanzsektors und der Ethik andeuten, die allesamt die Prinzipien der Machtaufteilung, der Dezentralisierung, der Empathie, der Vergemeinschaftung und der offenen Steuerung als Anti-These der alten marktwirtschaftlichen Werte mit sich brächten. Damit aber, so die neue Sichtweise, würde mehr Nachhaltigkeit zugleich und zum ersten Mal mit grundsätzlich anderen gesellschaftlichen und produktionstechnischen Werten einhergehen, ohne das „Nachhaltigkeit“ künstlich dem bestehenden System übergestülpt werden müsse.

Freie Informationen vs. Grenzen

Erstens sei dies die Informationsrevolution, die eine Dezentralisierung der Kommunikation, eine Überwindung des Denkens in Offline-Nationalgrenzen und den relativ freien Zugang zu Informationen mit sich bringt. Die Verknappung von Informationen, der erschwerte Zugang zu anderen Menschen und Massenüberwachung seien die Versuche, den Machtvorsprung der Eliten, unabhängig ob in westlichen Demokratien oder Diktaturen, gegenüber der Bevölkerung abzusichern.

Öl-Konzerne vs. demokratische Sonnenenergie

Zweitens könnten wir bei der Energie-Revolution genau dasselbe beobachten; eine dramatische Erosion des Modells der zentralisierten kostenaufwändigen Energieversorgung mit fossilen Brennstoffen, bei denen Energieoligopole den Kunden aufgrund ihrer Gatekeeper-Funktion ihre Preisvorstellungen diktieren können. Die dezentrale Versorgung in lokalen Versorgergemeinschaften mit alternativer Energie habe deshalb auch eine Demokratie-Dimension, die häufig in der Weise nicht erkannt werde.

Industrielle Nahrungsmittel vs. lokale Spezialitäten

Drittens ist es die Nahrungsmittelrevolution, mit der sich ebenfalls lokale Versorgergemeinschaften von der industriellen, anonymen, chemischen und nicht-nachhaltigen Produktionsweise verabschieden würden. Gleichzeitig erreiche auch die Produktivitätssteigerung der industriellen Lebensmittelherstellung und des Anbaus von Nahrungsmitteln ihre Grenzen, da die Böden zunehmend ausgelaugt sind.

Geld als Machtinstrument vs. digitale Währung

Die Revolution des Finanzsektors als 4. Revolution basiere ebenfalls auf Dezentralisierung, Entmachtung der Gatekeeper des Zugangs zu Finanzen, der Regionalisieren der Versorgung mit Finanzmitteln und dem Aufbau einer finanziellen digitalen Währungsalternative. Das Erschaffen digitaler Währungen, das Zusammenführen von Geldgebern und Kreditnehmern auf entsprechenden Plattformen (Peer2Peer-Lending), das Crowd-Sourcing von finanziellen Ressourcen und die Einführung von digitalen Börsen zur Verwaltung der eigenen Gelder seien die Elemente, die die angestammten Bestandswahrer auf den Finanzmärkte in ihrer Existenz bedrohen würden.

Kontrolle vs. Empathie

Als die 5. Revolution identifiziert Ahmed die ethische Revolution. Zentralismus, Kontrolle, Hierarchie, Führung, Eigennutz und Egozentrismus seien, so Ahmed, Werte und Paradigmen, die sich nicht mit dem Verständnis von der Logik des Netzes und der sozialen Medien vertrügen.

This value system is actually dislocated from human nature, our biophysical environment, and the relationship between them.

Stattdessen werde in all diesen Revolutionen deutlich, dass ein verändertes Wertesystem bzw. die Möglichkeit, zum ersten Mal in der Menschenheitsgeschichte Empathie, Demokratie oder Gemeinschaft auf ein globales Niveau zu heben, automatisch einhergehe mit einer größeren Nachhaltigkeit menschlicher Lebensweise. Es müsse also nicht mehr nach dem ökonomischen Korrekturfaktor gesucht werden, der der nicht-nachhaltigen Marktwirtschaft einen Anstrich von Nachhaltigkeit gibt.

This has the revolutionary implication that ethics, often viewed as ‘subjective’, in fact have a perfectly objective and utilitarian function in the fundamental evolutionary goal of species survival.

Die Voraussetzungen für den Erfolg dieser Revolutionen, so kann aus seinen Thesen geschlossen werden, sind wichtige netzpolitische Logiken und Regeln, die es erst ermöglicht haben, dass der disruptive Charakter des Digitalen im Meatspace (Bankensektor, Energieversorgung, et al.) wirken konnte.

Freier Zugang zum Netz und offenen Daten als Voraussetzung für Nachhaltigkeit

An dieser Stelle könnte nun die Argumentation von Alexander Bard hinzugezogen werden, der für die Werterevolution, von der Ahmed spricht, den technischen Gegenpart skizziert, indem er davon spricht, dass die Technik es zum ersten Mal ermögliche, dass Menschen ein globales Wir-Bewusstsein erlebten. Auch er verweist dabei auf die Gegensätzlichkeit von Werten in der Offline- und der Online-Welt. Es sei der Gegensatz von individualistisch geprägter Offline-Welt und Offline-Perspektive auf der einen und die netzwerkbasierte Sichtweise der Online-Welt, die sich an dieser Stelle systemisch und kategorisch widersprechen und Friktionen verursachen.

Meiner Meinung nach sind Netzneutralität, Überwachung, Algorithmen (so auch der aktuelle Beitrag von Michael Seemann zum Thema Algorithmen) und #AI damit aber netzpolitische Themen, die eigentlich im öffentlichen und veröffentlichten Diskurs – auch und besonders außerhalb der Netz-Community – thematisiert werden müssten, da sie sehr viel stärker als bisher nicht nur als Selbstzweck sondern im thematischen Kontext der zum Überleben notwendigen Nachhaltigkeit gesehen werden sollten.

Der Zugang zu Netzen, die ungefilterte Kommunikation von Menschen weltweit, die freie Meinungsäußerung, die Übernahme menschlicher Verantwortung und beruflicher Kompetenz durch Algorithmen (Mediziner, Juristen, Vorstände) und die Frage, wie eine künstliche Intelligence das selbstzerstörerische Verhalten der Menschen in Zukunft einordnen wird, sind damit Fragen von höchster ethischer und menschlicher Relevanz.

Viele engagierte Menschen und Institutionen weltweit machen sich über diese Kontexte Gedanken, werden aber bisher vom politischen und wirtschaftlichen Mainstream nicht wahrgenommen.

Cesar Hidalgo et al. vom MIT haben beispielsweise herausgefunden, dass die Menschen, die Englisch als Muttersprache haben, aus dem Kompetenzvorsprung der Sprache heraus in internationalen Netzwerken auch kulturell dominanter sind als Menschen, deren Muttersprache eine Randsprache im weltweiten Kontext darstellt. Was bedeutet es also, dass die sprachlich bedingte kulturelle Hegemonie zu politischen Lösungen in internationalen Konflikten führt, die nicht vom kulturellen Fundament der beteiligten Konfliktparteien gedeckt sind?

Victoria Turk und Stephen Hawking stellen die für uns herausfordernde Frage, wie wir mit künstlicher Intelligenz umgehen, wenn diese irgendwann feststellen wird, dass Menschen mit ihrem Verhalten dem Planeten schaden:

Success in creating AI would be the biggest event in human history. Unfortunately, it might also be the last.

Wie können offene Daten und Informationen dazu genutzt werden, unsere Wirtschaftsweise und unseren Alltag nachhaltiger zu gestalten? Nicht umsonst hat aktuell die für die Förderung des Zugangs zu offenen Daten bekannte Sunlight Foundation dazu aufgerufen, Beispiele dafür zu sammeln, wie die Verwendung offener Daten gesellschaftliche, politische oder kommunale Probleme lösen könnte.

In welcher Weise ganz konkret offene Daten helfen können, globalen Herausforderungen zu begegnen, beschriebt @digiphile ins seinem Post. Er beschreibt die Initiative der US-Regierung, durch das Sammeln von verfügbaren offenen Daten zum Klima weltweit Softwareentwicklern die Möglichkeit zu bieten, diese Daten in Applikationen zu verwenden, um den Klimawandel in das tägliche Bewusstsein der Menschen zu bringen. Der Zustand der Erde soll den Menschen als Art permanentes Monitoring näher gebracht werden.

Deshalb ist uns das Netz so wichtig

Es ist mehr als offensichtlich, dass der freie Zugang zu offenen Informationen, die Garantie von Netzneutralität, die Absicherung der Möglichkeit zur freien Meinungsäußerungen, die Nutzung von Partizipation und offenen Daten zur Lösung globaler Probleme des Meatspaces essenziell wichtig sind, denn: Die Digitalisierung impliziert eine Revolution der Wertesysteme und der Methoden der politischen Steuerung, mit der die Nachhaltigkeit unserer Lebensweise voraussichtlich eher erreicht werden könnte als mit den überlebten Mechanismen und Paradigmen der bestehenden Marktwirtschaft.


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Ole Wintermann

Ole Wintermann

arbeitet seit 2002 bei der Bertelsmann Stiftung. Zuvor war er an den Universitäten Kiel und Göteborg und bei der Gewerkschaft ver.di tätig. Er baute in den letzten Jahren die internationale Bloggerplattform Futurechallenges.org auf, bloggt privat auf Globaler-Wandel.eu, ist Co-Founder der Menschenrechtsplattform Irrepressiblevoices.org (http://irrepressiblevoices.org/) und engagiert sich im virtuellen Think Tank Collaboratory. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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