Journalisten in der Social Media-Falle

Die sozialen Medien haben während des Amoklaufs in München für viel Chaos und Verwirrung gesorgt. Und manche TV-Sender haben sich von wilden Spekulationen verführen lassen. Bereits beim Putschversuch in der Türkei am 15. Juli waren die sozialen Medien eine der wichtigsten Informationsquellen. Seien es die Livestreams der Redakteure aus dem CNN Türk-Gebäude oder die Übersetzung der Ereignisse durch Journalisten, die dem Türkischen mächtig sind: Social Media hatte an diesem Freitag große Vorteile – und das, obwohl die Freiheit der sozialen Netzwerke in der Türkei mehr als fragwürdig ist und Dienste wie Twitter, Facebook und YouTube während des Putsches blockiert wurden. Die Kritik an den klassischen Medien war auf den Social Media Plattformen groß, allen voran die TV-Sender gerieten ins Fadenkreuz. Man denke nur an Phoenix, die mit ihrer Ankündigung auf Twitter, erst ab 9 Uhr des nächsten Tages wieder über den Putsch berichten zu wollen, reichlich Spott ernteten.

Falsche Fotos und die ungeprüfte Veröffentlichung in den Medien

Am 22. Juli, am Tag des Amoklaufs im Münchner Olympia Einkaufszentrums (OEZ), waren die sozialen Netzwerke wiederum eine der schlechtesten Informationsquellen. Unbestätigte Gerüchte, bewusste Falschmeldungen oder das Verbreiten von Spekulationen waren wie bei vielen Anschlägen der Vergangenheit wieder an der Tagesordnung. Falsche Täter- und Tatortfotos kursierten im Netz – unter anderem ein Bild, das Opfer und Blutspuren im vermeintlichen OEZ zeigten. Schnell stellte sich heraus, dass dieses Foto von einem Überfall auf ein südafrikanisches Einkaufszentrum Anfang 2015 stammte. Wir haben uns als Social Media-Nutzer mittlerweile daran gewöhnt, dass solche Fakes in unübersichtlichen Nachrichtensituationen schnell die Runde machen. Problematisch werden solche Materialien erst, wenn sie von Journalisten und Medien ungeprüft übernommen werden. Sat.1 Bayern verbreitete zum Beispiel eben erwähntes Foto über den eigenen Twitter-Account, löschte den Tweet später wieder und entschuldigte sich. „Gewicht verschaffen solchen Videos erst die traditionellen Medien“, resümierte ZDF-Nachrichtensprecher Claus Kleber kurz nach dem Putschversuch in der Türkei in einem Gastbeitrag bei SZ online.

Falschmeldungen in den sozialen Medien

Die meisten Fernsehanstalten berichteten im Laufe des Freitagabends relativ besonnen – vor allem auch aufgrund erfahrener und ruhiger Moderatoren wie Claus Kleber im ZDF oder Peter Klöppel bei RTL. Doch in vielen Fällen ließen sich die Live-Berichterstatter des audiovisuellen Rundfunks von den über Twitter verbreiteten Gerüchten und Spekulationen treiben. Das eindringlichste Beispiel war jene Meldung über eine Schießerei am zentralen Münchner Karlsplatz (Stachus), die von den Sendern ungeprüft verbreitet wurde – und nur teils mit dem Hinweis auf den unbestätigten Status versehen wurde. Später stellte sich heraus, dass die Schießerei am Stachus eine Falschmeldung war. Das hätte nicht sein müssen, schließlich fanden sich auf Twitter auch Gegenstimmen von vor Ort, die keine Schüsse vernommen hatten. Doch in diesem Fall war die schnelle Meldung eines Gerüchts wichtiger als die Prüfung des Sachverhalts – und selbst nach dem Dementi der Polizei lief die angebliche Stachus-Schießerei immer noch über den ein oder anderen Ticker. Die Folge: der Twitter-Account der Polizei München wurde schnell zur vertrauenswürdigsten Quelle in den sozialen Medien – nicht umsonst haben sich die Followerzahlen im Laufe des Abends mehr als verdoppelt. Die Social Media-Verantwortlichen der Münchner Polizei waren darum bemüht, lediglich sichere Fakten zu posten, den Menschen Anweisungen für sicheres Bewegen in der Stadt zu geben und die Nutzer aufzufordern, Spekulationen zu unterlassen.

Die sozialen Netzwerke sind hier ein großes Problem derzeit“ musste der souveräne Pressesprecher der Münchner Polizei in der ersten improvisierten Pressekonferenz im Laufe des Abends bezüglich der Spekulationen auf Twitter und Co. feststellen. Nicht nur, dass sie die Bürgerinnen und Bürger zusätzlich in Panik versetzten; sie schufen Zusatzarbeit für die Polizei – Einsatzkräfte, die an anderer Stelle durchaus besser eingesetzt gewesen wären, aber natürlich jeglichen Hinweisen und Gerüchten zu neuen Schießereien nachgehen mussten. Der Pressesprecher bezog sich darüber hinaus auf die Veröffentlichung von Aufnahmen, die die Polizeikräfte bei ihrem Einsatz zeigten. In regelmäßigen Abständen musste die Polizei die Twitter-User dazu auffordern, das Posten solcher Fotos zu unterlassen. Doch auch diesbezüglich handelten die Fernsehsender im Laufe des Abends nicht immer besonnener als die Nutzer bei Twitter. Zu Beginn zeigte beispielsweise Das Erste noch Fotos von Polizisten direkt am OEZ, die User vor Ort auf dem Kurznachrichtendienst verbreiteten.

Die Aufgabe des Journalismus

An dieser Stelle muss man für die Journalisten des Abends auch Verständnis zeigen. In einer unübersichtlichen Lage einen kühlen Kopf bewahren, in Ruhe Fakten zu checken und die Menschen kompetent informieren – das ist eine Herkules-Aufgabe. Vor allem durch die Forderung seitens der Zuschauer nach einer schnellen Berichterstattung und den etlichen bereits vorhandenen Informationen in den sozialen Medien kommen die Medien unter Zugzwang – es ist eine Social Media-Falle, in die man als Journalist zu gerne tappt. Doch das darf keine Ausrede für das Verbreiten ungeprüfter Inhalte aus dem Netz sein. „Es ist niemandem geholfen, wenn die Öffentlich-Rechtlichen sich mit ihren traditionell ausgestrahlten Programmen auf ein Rattenrennen mit Social Media einlassen. Oder Netzfunde unreflektiert weitergeben“, so Claus Kleber in seinem Beitrag für die SZ. Journalisten sind seit dem Aufkommen des Internet und der sozialen Medien nicht mehr die Gatekeeper für Informationen. Vielmehr kommt ihnen in dieser Lage die Aufgabe zu, Behauptungen und Spekulationen, die über Twitter und Co. geteilt werden, in Ruhe zu prüfen und den Zuschauern dementsprechend gesicherte Fakten zu präsentieren. Ein Beispiel hierfür waren die Videos des Täters vor der McDonald’s-Filiale oder auf dem Parkdeck. Man konnte aufgrund bestimmter Umstände davon ausgehen, dass diese Aufnahmen authentisch sind – und dementsprechend gingen sie auch auf Sendung (ob man solche Videos überhaupt im Fernsehen zeigen sollte, ist eine andere Diskussion). Sichten, Bewerten und Prüfen, bei sicherer Informationslage veröffentlichen. Das war eigentlich schon immer die Aufgabe des Journalismus, doch in Zeiten der unmittelbaren Verfügbarkeit von Live-Informationen in Ausnahmesituationen darf dieses Handeln nicht aufgrund eines „Zuerst“-Mentalität verlorengehen. Nicht nur Journalisten können in diese Social Media-Falle tappen, sondern auch die User. Wir Nutzer müssen deutlich kritischer gegenüber Informationen aus den sozialen Netzwerken werden – und uns bewusst werden, dass jeglicher unbedachte (Re)Tweet in Krisensituationen seine eigene Wirkung entfalten kann.


Image (adapted) „Media Scrum“ by Olivia Chow (CC BY 2.0)


Schlagwörter: , , , , , , , ,
Robert Meyer

Robert Meyer

studiert Politikwissenschaft (M.A.) an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er interessiert sich vor allem für Europäische Integration, Sozial- und Medienpolitik. Unter anderem untersuchte Robert die politische Debatte über die Finalität der Europäischen Union sowie verschiedene Aspekte von Wahlkämpfen und der öffentlichen Meinung. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

More Posts - Twitter