Kann man aus Yelp ein Herzstück der lokalen Presse machen?

Der Preis für Yelp wäre nicht gering, aber er könnte es wert sein, um einen Teil der alten Zeitungen wiederzubeleben: die Lokalnachrichten und den Service. Yelp steht zum Verkauf, und man vermutet die gewohnten Interessenten, die hier aufgelistet sind: Google, Amazon, Apple, Yahoo und Facebook. Es ist, als wäre alles Geld der Unternehmenswelt vom Tisch gefegt und ins Silicon Valley gespült worden. Vergessen Sie die alten Experimente von wegen „eine-Woche-ohne-Internet“! Ist es überhaupt noch möglich, eine einzige Woche zu verbringen, ohne über diese Firmen zu sprechen?

Man spekuliert, dass der Angebotspreis von 3,5 Miliarden US-Dollar für diese Unternehmen (oder auch jeden anderen) vielleicht zu hoch angesetzt sein könnte. Das Publikum von Yelp nimmt noch immer zu – bis zu 7,5 Prozent jährlich bis hin zu 142,5 Millionen US-Dollar im ersten Quartal, aber die Einnahmen und das Mitgliederwachstum verlangsamt sich. Insgesamt wird das Einkommen in diesem Jahr bei etwa 580 Millionen US-Dollar liegen. Das Unternehmen hat im laufenden Jahr etwa 40 Prozent seiner Marktkapazität verloren, die Investoren haben festgestellt, dass es sein Wachstums-Mojo verloren hat.

Ich habe eine kleine Idee, falls einer der digitalen Kolosse nicht vorher zuschnappen wird: Nachrichtenagenturen sollten Yelp kaufen und es als Quelle für Seiten und Apps im Bereich Lokalnachrichten nutzen. Bevor wir uns anschauen, wie das funktionieren kann, denken wir doch kurz über die Rolle von Yelp nach und was das über den Glamour aussagt, den lokale Nachrichtenagenturen momentan besitzen.

Yelp hebt sich in unserem digitalen Universum ab. Es hat eine Smartphone-App (Android | iOS), die ortsgebunden funktioniert. Versuchen Sie es gleich mal. Wie viele Ihrer Apps können das von sich behaupten? Natürlich gibt die Wetter-App das Wetter vor Ort wieder, und die Major League versorgt Sie mit den neuesten Infos und Videos Ihres Lieblingsbaseballteams, aber welche anderen Apps sind überhaupt lokal angesiedelt? Haben es überhaupt örtliche Nachrichtenportale auf ihren Homescreen geschafft? Lokale Apps sind bisher ein echtes Desaster, vor allem, seitdem alle Welt, inklusive der Leser, mobil geworden ist. Zugegeben, die Browser leiten die Leser zu den Webseiten der lokalen Nachrichten, egal, wie mittelmäßig diese sind. Trotzdem sind die Einsatzraten, monatlich gesehen und im Vergleich zur Verweildauer auf anderen Seiten, eher gering. Warum das? Teilweise weil es darum geht, nur zu lesen, und nichts zu tun.

Andererseits geht es bei Yelp ausschließlich um lokale Infos: um die Zugänglichkeit vor Ort, was man wo ausprobieren sollte und was man lokal nutzen kann. Jeremy Stoppelman hat Yelp im Jahr 2004 gegründet und hat den Wert solcher örtlichen Nutzbarmachung erkannt, genau wie das Zeitungsgeschäft sich darauf konzentriert, seine Inhalte von einem Print- in ein Onlinesystem umzuwandeln. Stoppelman sah, was direkt vor den Augen der Medien geschah: Die Menschen wollten Hilfe in ihrem Leben haben, und diese Leben finden nun mal an einem bestimmten Ort statt. Die erste und wichtigste Funktion von Yelp war es, den Wert der lokalen Informationen zu erhöhen.

Yelp entwickelte seine Zugkraft in seiner natürlichen Umgebung. Ich erinnere mich noch, wie nützlich es war, die omnipräsenten, aber unwichtigen Restaurants von denen der Schätze in San Francisco zu trennen. Wir nutzen Yelp, das mitterweile schon viele Personen erreicht hat, ziehen die paar vorhersehbaren, fast schon fanatisch positiv auffallenden Standardreviews ab, und entdecken tolle neue Orte. Sogar die Restaurantkritiken des San Francisco Chronicle und der San Jose Mercury News wurden hier überholt, weil es insgesamt mehr erfrischendere und manchmal auch qualitätsvollere Besprechungen gab.

Diese Kritiken waren seit Jahrzehnten der Standard für jede Lokalzeitung und hatten vor allem durch die Mundpropaganda eine ziemliche Macht. Das Internet und Yelp haben das gleiche getan. Genau wie die Zeitungen den Ausrufer ersetzt haben, dessen Neuigkeiten sich von Dorf zu Dorf verbreiteten, hat Yelp die Kritiken der Zeitungen ersetzt.

Spulen wir auf heute vor: Yelp kann das Wachtum, das es benötigt, nicht erzeugen. Lokale Nachrichtenfirmen und Informationsunternehmen, also auch Zeitungen, werden immer unwichtiger im täglichen Leben der Leser, denn das Smartphone verweist die Menschen auf örtliche Karten, Verkäufe, Veranstaltungen, und noch viel mehr.

Daher die Idee: Könnte man Yelp mit einer Nachrichtenplattform verbinden, könnte man diese je nach Ort anpassen. Vielleicht könnte man die Verbindung zwischen den täglichen (jetzt: stündlich und permanenten) Nachrichten und dem Leben, das die Menschen in den Städten führen, wieder herstellen. Man könnte die lokalen Dienste, Restaurants und den Einzelhandel mit den Nachrichten verbinden.

Schließen Sie kurz Ihre Augen und denken Sie darüber nach wie es wäre, in eine Welt zurückzukehren, welche von einer Tageszeitung geschaffen und beliefert wurde (so profitabel für die Besitzer und befriedigend für die Leser und Werbekunden), bis zum großen digitalen Erdrutsch. Dieser Erdrutsch beinhaltet: die wichtigsten Nachrichten, Werbung und anderes teilte sich untereinander auf, von Kleinanzeigen (Craigslist, eBay, Monster) über die Google-Suche und Facebook im sozialen Bereich.

Warum sollte man hier aufhören? Man kann auch andere nützliche Apps hinzufügen, zum Beispiel durch Partnerschaften. Da gäbe es Angie’s List (Android | iOS) für Haushaltsservices oder OpenTable (Android | iOS) für Reservierungen. Uber (Android | iOS) und andere Mitfahrservices sorgen für den Transport. Legt man sich Yelp zu, hätte man auch Eat24 (Android | iOS) dabei, die Restaurant-App hat Yelp im Februar 2014 schon für 134 Millionen US-Dollar gekauft. Außerdem hätte man Zugriff auf den Onlineservice SeatMe.

Okay, also wer fängt an und wirft als erstes ein Angebot von guten 3 Milliarden US-Dollar in die Runde?

Eine der großen Zeitungsketten (Gannett, New Media Investment oder Tribune Publishing) wäre denkbar. Jeder von ihnen benötigt eine Kapitalbeteiligung, bei New Media wäre das derzeit das Unternehmen Fortress. Wie sieht es bei Apollo Global Management aus? Die Verhandlungen mit Digital First Media (DFM) wurden neulich abgebrochen.

DFM wäre eine krasse Wende und würde ziemliche Kopfschmerzen bereiten. DFM als erster Stein eines national, lokalen Informations-Stadtführer-Review-Betriebs wäre ein völlig neues Angebot.

Wie würden die ungefähren Zahlen aussehen? Nun ja, das kommt auf die Fähigkeit der entsprechenden Unternehmen an. Der Besitzer muss dafür sorgen, dass das Publikum vor Ort angesprochen wird und Geld dafür zahlen möchte. Ich habe mit einigen Verlegern gesprochen, die zumindest laut darüber nachdenken, in ihr Geschäft zusätzlich E-Commerce einzuführen. Eine Verlegerplattform, die von Yelp durchdrungen ist, würde hier das Feld völlig neu aufrollen. Es kommt darauf an, wie viel Publikum man gewinnen und wie viel Ertrag man erwirtschaften kann. Die Verleger könnten eine ihrer größten Wachtumsinitiativen mit Yelp verbinden: dem digitalen Marketingservice.

Sicherlich sind 3 Milliarden US-Dollar eine ganze Menge Geld, aber erinnern wir uns an die drei Milliardäre, die sich neulich in das Zeitungsbusiness eingekauft haben. Stellen Sie sich vor, was John Henrys Boston Globe, Glen Taylors Minneapolis Star-Tribune, oder Jeff Bezos‘ Washington Post mit einer derartigen, um Yelp erweiterten, Plattform tun könnten. Könnte ein Netzwerk, das ihnen ganz oder zum Teil gehört, funktionieren?

Natürlich wäre Bezos hier der Platzhalter, schaut man sich seinen Reichtum an, seine Position und seine Querdenkerart. Wir warten alle darauf, dass die nächste Schuhlinie für die Washington Post hergestellt wird. Das wäre mal ein Geschäft, das aus heiterem Himmel kommt. Man denke weiter über die Vorteile eines möglichen Zusammenschlusses von Amazon und Yelp nach und könnte hier auch die Interessen von Amazon, nämlich superschnellen Lieferservice, mit einfließen lassen.

Noch viele Andere haben das Geld und die Ideen, um solch eine Idee in die Tat umzusetzen. Vielleicht wird es auch Verizon, die ein Medienunternehmen werden wollen, den Wetteinsatz vedoppeln und ihre GPS-Verbindungen mit den lokalen Medien und ihrem Service verbinden könnten. Viele Unternehmer erkennen, wie es funktionieren kann, aber wir hoffen, dass es jemand wird, der Respekt für die (ortsabhängigen) Nachrichten wertschätzt und in der Lage ist, sie für die digitale Ära aufzubereiten.

Was soll ein potentieller Käufer von einem Erwerb von Yelp halten? Die erste logische Frage: Warum sollte man ein sterbendes Unternehmen kaufen, das gerade vom Markt abgewertet wird? Zuerst einmal, der Preis ist günstig und nimmt stetig ab, also lohnt sich der Kauf. Zudem sind es nicht die Finanzen von Yelp, die hier die größte Rolle spielen. Die große Frage ist: Was passiert, wenn man das derzeitige Engagement und die Ertragskraft von Yelp mit der des größten Medienunternehmens und mit einem riesengroßen Publikum und deren Kaufkraft kombiniert? Und zu guter Letzt, was kann man verdienen, wenn man von einem lokalen, digitalem Nachrichten-Unternehmen auf einen lokalen, digitalen Nachrichten- und Reiseführer-Betrieb umstellt und zugleich den angestammten Platz der Zeitungen für sich selbst verlangt?

Zuerst erschienen auf niemanlab.org. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Image (adapted) „Yelp Sticker and Reviews“ by John Fischer (CC BY 2.0)


 

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Ken Doctor

Ken Doctor

ist Analyst der Nachrichtenindustrie und Autor des Buches Newsonomics: Twelve New Trends That Will Shape the News You Get (St. Martin’s Press).

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