Ist es Liebe oder sind das nur Metadaten?

Vergangene Woche präsentierte das Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation erste Zwischenergebnisse einer internationalen Studie über emotionale Bindung zu ″Digitalen Dingen″. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere Metadaten und individuelle Verknüpfungen für die emotionale Bindung an eigene digitale Inhalte relevant sind.

Ein internationales Forschungsteam untersuchte für die Studie 48 jungen Erwachsene in den USA, Südkorea und Spanien im Alter zwischen 25 und 35 Jahren. Dr. John Zimmerman von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh und Heather Moore von Vodafone Group Research & Development stellten die Studie vor, die noch mehr Fragen an und über unsere Gesellschaft aufwirft. Werden wir unseren Ebook-Reader bald genauso wertschätzen wie unser liebstes Kinderbuch? Welche Rollen werden Metadaten in Zukunft haben und wollen wir das überhaupt?

Es ist nur Liebe

Bevor ich für ein Studium meine Heimatstadt verließ, gab mir meine Mutter ein Buch mit, dass formal zwar ihr gehörte, aber eigentlich schon lange in meinem Besitz war. Es war Jack Kerouacs ″On the road″, gedruckt 1978 im Jubiläumsjahr des Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig und fester Bestandteil im Leben meiner Mutter, meines Vaters und in meinem. Im Laufe der Jahre habe ich das Buch mindestens zwei Dutzend Mal gelesen. Leider gibt es davon keine Aufzeichnungen. Es ist nicht mehr nachvollziehbar, wie unterschiedlich ich das Buch gelesen und wahrgenommen habe, welche Stelle mir wann besser gefallen hat, wie sich die Sympathien für Dean und Sal in den Jahren verschoben haben und welche Route mein Vater am interessantesten fand. Aber all diese Vorkommnisse bildeten die Grundlage für die emotionale Bindung zu diesem Buch.

Ich habe mir ″On the road″ im vergangenen Jahr als Ebook gekauft. Mein Reader weiß wie schnell ich das Buch gelesen haben, an welchen Stellen ich hängen geblieben bin und welche Stellen ich mir wann angestrichen habe. Mit den Readern der nächsten Generation wird mein Blick gescannt, was das digitale ″Umblättern″ überflüssig macht, aber auch Auskunft darüber geben kann, welchen Satz ich für mich wiederholte, welches einzelne Wort ich fixierte und welche Sätze ich geteilt habe als ich 30 Jahre alt war. Meine Kinder werden vielleicht meine Lesegewohnheiten und Interessen im letzten drei Viertel meines Lebens auswerten können und besser als ich darüber Bescheid wissen, was für ein Mensch ich war. Sie werden auch noch an einem zerfetzten Stück Papier die Bedeutung des Buches für mich erkennen, ihre Kinder werden wissen, was ihre Eltern für Bücher wertschätzten, ohne dass sie diese Bücher jemals in der Händen hielten.

Es sind nur Metadaten

Wir machen ständig Fotos, lesen Bücher, schauen Filme von Speichermedien, machen uns Notizen und teilen dies alles, geben es weiter oder veröffentlicht es. Ergebnisse davon sind Fotografien, Erzählungen, Erinnerungen oder Artikel. Doch auch Metadaten sind ein Ergebnis dieses Verhaltens. Unser Smartphone speichert nicht nur die Einstellungen der Kamera in den Metadaten eines Bilds, sondern auch die Koordinaten und Höhenlagen. Ebook-Reader werden auch Daten speichern, was wir wie gelesen haben, Brillen werden in Zukunft aufzeichnen, was wir uns aus welcher Perspektive angesehen haben. Wir werden diese Daten nutzen können, werden mit ihnen den Verlauf unseres Lebens ähnlich dem Browserverlauf anschauen können – wenn sie erhalten bleiben und wenn sie uns gehören.

Dr. John Zimmerman, der zusammen mit Heather Moore die Studie betreibt, beschreibt eine interessante Beobachtung unter den Studienteilnehmern: alle hatten analoge Erfahrungen und verschiedene digitale Möglichkeiten, diese zu speichern. Trotzdem befürchtete jeder einen absoluten Datenverlust, stapelte deshalb Festplatten unter dem Bett und behielt sogar längst nicht mehr zu gebrauchende Computerkonsolen, weil alte Spielstände darauf gespeichert waren. Manche sicherten sogar den Sendeverlauf aus ihrem TV-Receiver, der Auskunft darüber gibt, was wann geschaut wurde. Diese digitalen Metadaten haben einen enormen Wert für die Menschen.

Ich liebe (meine) Daten

Für Heather Moore steht ein Ergebnis bereits fest: Metadaten schaffen einen (emotionalen) Mehrwert. Aus dem Bedürfnis der Vernetzung entsteht aber zugleich ein Bedürfnis nach Kontrolle. Wichtige Daten sollen lokal speicherbar sein, bei woanders gespeicherten Daten muss die Kontrolle gewährleistet werden – plattformübergreifend. Das unsere Daten von Unternehmen wie Facebook, Google & Co. genutzt werden, ist es bis zu einem gewissen Grad die persönliche Entscheidung des einzelnen Nutzers. Sollte man sich aber dagegen entscheiden, muss die Nutzung der Daten sofort unterbunden werden und die Daten lokal gesichert werden können. Ein starker Datenschutz, wie wir ihn Europa haben, sollte vor den AGBs internationaler Unternehmen stehen. Eine wichtige Erkenntnis für Vodafone über die Bedürfnisse zukünftiger Kunden.

Diese politische Forderung stellt ein Fundament in der digitalen Gesellschaft dar. Doch es gibt noch viele Fragen, die wir lösen müssen, denn mit der kompletten Aufzeichnung unseres Lebens in Form von Metadaten, wird sich noch mehr als nur der Datenschutz ändern müssen. Wie gehen wir mit den Daten um? Es wird dann keine verdrängten Erinnerungen mehr geben – positiv oder negativ – denn alles wird gespeichert sein. Was bedeutet das für unsere (individuelle) Erinnerungskultur? Die Entstehung von Daten nimmt zu, unsere Smartphones, Uhren, Kameras, Brillen und auch Klamotten mit Chips produzieren sie am laufenden Band. Ein bewusster Umgang damit ist notwendig – auch im Falle eines Verlusts. Die Digitalisierung stellt unsere Gesellschaft vor entscheidenden Fragen über die zukünftige Gestaltung unseres Miteinanders. Die Vodafone-Studie unterstreicht nur, dass der jüngere Teil der Bevölkerung schon voraus geeilt ist, ohne diese Fragen beantwortet zu haben.


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