Check-Up Ireland: Ein Platz an der Sonne

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Diesmal schaue ich auf die Sonne.

Wie Irland im Multimilliarden-Markt für Sonnenenergie mitmischen will

Wenn ich diese Kolumne gestern geschrieben hätte, dann hätte ich mich glaube ich selbst nicht so ganz ernst genommen, wenn ich über Irland und Sonnen-Energie schreibe. So mächtig hatte es gestern geschüttet. Aber – nach einer halben Stunde war der Spuk auch schon wieder vorbei. Nix mehr vom Klischee, dass es hier dauernd regnet. Und jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, blicke ich raus auf einen strahlend blauen Himmel. Die Sonne scheint.

Aber Sonnen-Energie? Natürlich sieht man hier und da Sonnen-Kollektoren auf den Dächern. Aber eine ganze Industrie? Wenn es nach nationalen und internationalen Entwicklern geht, dann wird man in nicht allzu ferner Zukunft das Wort Farm nicht nur mit glücklichen irischen Kühen und Windturbinen, sondern auch mit Sonne assoziieren. Fast unbemerkt haben Unternehmen Projekt-Portfolios angesammelt, die wenn sie denn bebaut würden, Milliarden an Investitionen in den Sektor bringen würden.

Wie ist so viel Vertrauen in den irischen Markt möglich? Asiatische Hersteller und der modulare Bau von Anlagen – denkt an Ikea, aber für Kraftwerke – haben den Sektor Sonnenenergie enorm verändert. Die Kosten für solche Anlagen sinken rapide, während sie gleichzeitig bedeutend effizienter arbeiten. Die einst weit hergeholte Idee, dass Irland industriell Sonnenenergie produzieren könnte, ist auf einmal sehr real. Sollten alle Projekte, die zur Zeit auf den Tischen der Planer liegen, die Baugenehmigung erhalten und gebaut werden, so würde eine Fläche viermal so groß wie der berühmte Dubliner Phoenix Park bedeckt werden. Um die Dimensionen, von denen hier geredet wird, noch mit einer weiteren Zahl zu veranschaulichen – für eine Anlage in der Grafschaft Meath sind allein 150 Hektar eingeplant. Solche Zahlen beeindrucken viele, verschrecken aber auch manche. Das Problem ist ein typisch irisches – “Nimbysm” – ich komme am Schluss noch mal darauf zurück.

Die Sonne geht mit Naughten auf

Die Technik ist also vorhanden. Das Vertrauen der Investoren in die Technik – und in den Standort Irland – ist gleichsam vorhanden. Worauf warten wir noch? Nicht auf Godot, wie im berühmten Theaterstück des Iren Samuel Beckett. Der Sonnenenergie-Sektor wartet auf Naughten. Denis Naughten. Minister für Energie. Ein Vorhaben der Regierung, bei dem der Staat Preise für erneuerbare Energien unterstützt, wurde bereits mehrmals verschoben und liegt auf dem Tisch von Denis Naughten. Das letzte Teil des irischen Sonnenergie-Puzzles.

Andere Teile des Puzzles sind die potentiellen Betreiber der Anlagen, manche aus Irland, manche aus dem Ausland, groß und klein, eigenfinanziert oder mit Banken an der Seite. Zur Zeit liegen Planern Anträge für knapp 200 Anlagen mit 2,500 Hektar Fläche in 20 Grafschaften vor. Zusammen könnten die Anlagen rund 1,200 Megawatt an Energie generieren – mehr als das luftverpestende Kohlekraftwerk Moneypoint in der Grafschaft Clare. Die meisten Anträge für Solaranlagen (jeweils 34) liegen Planern in Cork und Wexford vor. 80 Genehmigungen wurden bereits erteilt.

Firmen wie Butlers Chocolates und die AIB-Bank (für den Hauptsitz in Ballsbridge in Dublin) haben die Technologie bereits installiert. Der entscheidende Schub könnte aber kommen, wenn eine Mehrzahl der US-Multinationals, die in Irland Datenzentren (Netzpiloten berichteten: http://www.netzpiloten.de/facebook-datenzentrum-irland/) betreiben, sich entschließen sollte, Solaranlagen zu nutzen.

Ein gutes Beispiel für den Willen der US-Multinationals in Irland nicht nur in Datenzentren, sondern auch in erneuerbare Energien zu investieren, ist zweifelsohne Apple, die für Athenry ein Investment von 850 Millionen Euro planen und dabei Wind- und Solar-Energie nutzen wollen. Toll? Oder? Moderne Technologie, saubere Energie und Arbeitsplätze dort, wo sie eigentlich rar sind – auf dem Lande. Doch leider geriet der Genehmigungs-Prozess, der eigentlich längst abgeschlossen sein sollte, jüngst ins Stocken, weil ein paar Anwohner Widerspruch eingelegt haben. Die Entscheidung der Planer wird nunmehr frühestens im Oktober erwartet. Falls sich Apple bis dahin nicht für die Investition in einem anderen Land (Finnland wurde bereits erwähnt) entschlossen hat.

“Fortschritt? Na klar. Aber nicht bei mir um die Ecke!” Das oben beschriebene Phänomen, das das Apple-Datenzentrum in Athenry aufhält, das Betreibern von Windfarmen zu schaffen macht und von dem zu befürchten ist, dass es auch einige der geplanten Solaranlagen gefährden könnte, heisst hier “Nimbysm” – “Not in my backyard.” Dunkle Wolken der besonderen Art also über dem Platz an der Sonne.


Image (adapted) „Solarzellen“ by Andreas-Troll (CC0 Public Domain)


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Rainer Kiebat

Rainer Kiebat

arbeitet als freier Journalist in der irischen Hauptstadt Dublin. Nach einem Rundflug über multinationale Unternehmen wie AOL und Google landete er 2013 wieder bei der “alten Liebe” Journalismus und berichtet seitdem für deutsche Medien wie die “Rheinische Post” und “Spiegel Online” aus Irland und Nordirland. Irische Medien wie die “Sunday Business Post”, der “Irish Independent”, sowie die “Sunday Times” & “The Times” (Irish Editions) gehören ebenfalls zu seinem Portfolio. Für die Netzpiloten wird Rainer von den Dubliner “Silicon Docks” - wo Google, Facebook, Twitter und zahlreiche Tech-StartUps sitzen – und aus anderen Tech-Clustern wie Cork, Galway oder Limerick berichten. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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