NUMA

NUMA-Weißbuch analysiert Accelerator in Europa

Das Pariser NUMA ist mit dem Europäischen Accelerator Kongress der Frage nach der Zukunft von Startups in Europa nachgegangen. Herausgekommen ist ein wegweisendes Weißbuch. // von Tobias Schwarz

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Anfang Dezember letzten Jahres hat die NUMA ihren allerersten “Europäischen Accelerator-Kongress“ abgehalten, zu dem mehr als 200 Führungskräfte von Accelerators aus Europa und darüber hinaus erschienen, um über den derzeitigen Stand und die Zukunft der Förderung zu debattieren. Um die Ideen und den Inhalt des Kongress zu unterstützen, haben sie eine Diskussionsschrift, auch Weißbuch genannt, zusammengestellt. Ich habe mich mit Frédéric Oru, Trista Bridges und Aviva Markowicz über die Ergebnisse und über kommende Trends und Herausforderungen, Möglichkeiten und Modelle, die sie für sich und ihre Branche sehen, unterhalten.

Bei NUMA (der Name ist ein Wortspiel aus ‘numérique’ und ‘humain’, was französisch für ‘digital’ und ‘menschlich’ ist) glaubt man an Unternehmensgeist. Die Wurzeln von NUMA liegen in La Cantine, dem ersten Coworking-Space in Frankreich, der 2008 gegründet wurde und Le Camping, dem ersten Startup-Accelerator, welcher 2011 dazu kam. Heute ist NUMA eine der wichtigsten Pariser Adressen für Events, Startups und innovative Programme für Zusammenschlüsse von Unternehmen.

Mit Workshops und interaktiven Gesprächen hat sich der zweitägige Kongress zum Ziel gesetzt, die Trends und Herausforderungen des Accelerator-Sektors zu ermitteln. Neue Modelle und Ideen sollen die Zukunft der Förderung bestärken. Ergebnis ist das Weißbuch “Accelerate Now! Current trends and strategies for the future”.

Tobias Schwarz (TS): NUMA hat ein Weißbuch über die derzeitigen und zukünftigen Trends der europäischen Accelerators herausgebracht. Wie kam es dazu und wer hat es geschrieben?

Frédéric Oru (FO): Zu den meisten Accelerators haben wir Kontakt durch zwei wichtige Netzwerke: “Google For Entrepreneurs” und “Atlanta”. Jedes Mal, wenn wir einen unserer Kollegen getroffen haben, wurden dieselben Fragen gestellt: ‚Sind Demo Days wirklich nützlich? Ist es besser schubweise oder durchgehend zu arbeiten? Was ist das Geschäftsmodell?‘ Es war Aviva Markowicz von unserem eigenen Team, die die Idee hatte, den “Europäischen Accelerator-Kongress” zu organisieren, um unsere besten Arbeitsweisen und Zukunftsvorstellungen zu diskutieren, eine logische Weiterführung des Projektes aus Atlanta. Wir wollten, dass der Kongress richtig praktisch und produktiv wird. Deshalb haben wir uns entschieden, daraus ein Weißbuch zusammen zu stellen. Die meisten aus dem Team von NUMA haben an dem Kongress mitgearbeitet, indem sie Gedanken angeregt und Daten erfasst haben. Dann hat unser Teammitglied Trista Bridges tolle Arbeit geleistet. Sie hat all das hier organisiert und aufgebaut und es mit ein paar Testimonials nach dem Event komplettiert. Das war, wortwörtlich gesehen, eine Zusammenarbeit von mehr als hundert Leuten.

TS: Zuhause in Berlin glaube ich herausgefunden zu haben, dass es deutliche Qualitätsunterschiede zwischen den Startups, die sich für die Accelerator-Programme bewerben, gibt. Ist das ein Problem? Und wenn ja, was kann man dagegen tun?

FO: Bei NUMA haben wir gesehen, dass wir dasselbe Muster für Förderungsprogramme an viele Startups herausgeben und je nach Stand der Entwicklung adaptieren könnten, wie in einer Universität mit gewöhnlichen und speziellen Kursen.

TS: Unis sind aber ziemlich komplizierte Gesprächspartner. Es gibt auch noch keine europäische Coworking-Initiative. Kann die wissenschaftliche Bewertung des Potenzials einer Idee oder Technologie auch EU-weit angeboten werden?

FO: Ja, es scheint logisch, dass schon vorher Förderungs-„Unterricht“ in den Unikursen in ganz Europa gelehrt werden sollte. Ich glaube, manches davon sickert so langsam durch, aber es ist auch schwierig, denn Universitäten fokussieren sich eher auf ihre vertikalen Faktoren (also Entwicklungstechniken, Geschäftliches, Designspezifisches). Da fehlt es oft an Vielfalt, um so etwas umzusetzen. Ich glaube, das ist ein typisches Beispiel dafür, dass sich die Ausbildung gerade sehr ändert. Man kann viel Wissen kostenlos im Internet bekommen. Daher muss sich die Ausbildung auf Erfahrungen fokussieren, also Learning-by-Doing unter realen Umständen. Da scheint es nur natürlich, dass etwas wie bevorige Unterstützung durch diese Veränderung hervortritt.

TS: Was kommt nach dieser Phase? Was gibt es für Förderungsmodelle?

Trista Bridges (TB): Jetzt gibt es viele ‘nächste Schritte’. Zunächst einmal erfüllt die vorige Unterstützung ja nicht nur die Funktion für die Menschen, herauszufinden, ob ihre Ideen skalierbar und überlebensfähig sind, sondern auch, ob man ein Unternehmen aufmachen sollte oder nicht. Die Menschen, mit denen wir darüber gesprochen haben, um Ideen einzubringen und über vorige Unterstützung nachzudenken, haben alle betont, dass dies eine sehr wichtige erste Frage sei, die auch oft unter den Teilnehmern dieses Programms für vorige Förderung diskutiert werde.

Von nun an können die, die ihr eigenes Unternehmen eröffnen wollen, an ihren Plänen arbeiten. Diejenigen, die Produkte oder Unternehmen entwickeln, die sich gut skalieren lassen, kommen auch oft zu den Kursen, während andere ihr Wissen aus ihren Erfahrungen von der vorherigen Förderung anzapfen und keinem Accelerator beitreten. Es kann beides gleichermaßen zum Erfolg führen, auch wenn eine Studie zeigt, dass Startups, die durch Accelerators nach oben gespült worden sind, auch eine höhere Wertung haben, als die anderen. Es ist wichtig anzumerken, dass wir in unserem Weißbuch drei Arten von “Kanälen” für vorige Förderung identifiziert haben. (vgl. Folie 20)

TS: Vertikale Accelerators schienen etwas sehr offensichtliches zu sein, weil die Startups heute so unterschiedlich sind, aber die Startups und Firmen aus dem gleichen Sektor werden die gleichen Erfahrungen machen, wenn sie am gleichen Entwicklungspunkt angelangt sind. Wieso wird das in dem Weißbuch als “einer der wichtigsten Trends” bezeichnet?

TB: Es scheint, als müsse es offensichtlich sein, aber tatsächlich ist es wirklich neu. Laut dem GAN haben erst etwa 25 Prozent der Accelerator den Fokus auf das vertikale Wachstum gelegt. Die meisten sind aber eher horizontal. Man dachte, dass ein Accelerator die Anforderungen, Aufgaben und so weiter für jede Art von Startup angehen würde. Da zog man eben den horizontalen Ansatz vor. Nach einiger Zeit ist dieser Sektor gereift und die Startups haben sich spezialisiert. Das ist besonders einschlägig auf Gebieten wie dem Internet der Dinge und ähnlich verbundenen Themen wie Finanzen und Robotertechnik. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass eine vertikale Entwicklung nicht notwendigerweise bedeutet, dass hier große Firmen im Hintergrund sitzen oder dass man mit ihnen verbunden ist. Es gibt viele vertikale Accelerator, manche werden vom Startupbootcamp verwaltet (hier haben sie Accelerator mit besseren Materialien, verbundenen Objekten oder Finanzierung), oder den Haxlr8rs im chinesischen Shenzhen, die unabhängig sind.

Auf der korporativen Seite gibt es gerade sehr interessante Entwicklungen bei den vertikalen Accelerators, die von Techstars und anderen Unternehmen (Disney, Barclays, Sprint etc.) zusammen gegründet wurden und von Techstars betrieben wird. Diese Entwicklung ist ganz neu und es wird interessant sein dabei zuzusehen, ob sich diese Zusammenarbeit in Zukunft lohnt.

TS: Ich habe gelesen, dass die Netzwerke immer wichtiger für Accelerator werden. Wie wird das begründet?

Aviva Markowitz (AM): Ja, so ist es. Wie im Weißbuch angemerkt, werden sowohl die Teilnehmer des Kongress als auch das NUMA eine Schlüsselrolle in dem Accelerator-Netzwerk spielen. Wie in der Diskussionschrift erwähnt, gibt es viele sehr reale Fragen, die sich um das Businessmodell der Accelerator, wie wir sie heute kennen, drehen. Es gibt so viele Accelerator (mehr als 1.000 und mehr), und viele äußern ihre Sorge über ihre Langlebigkeit.

Wenn man Accelerator in Netzwerken zusammenschließen würde, könnten diese nicht nur verbessern wie jeder einzelne Teil betrieblich arbeitet, sondern man könne auch dem Startup ein attraktiveres Angebot machen. Wenn ein Startup sich zwischen einem unabhängigen, aber nicht so bekannten Accelerator und einem, der Teil eines Netzwerkes, das dabei helfen kann, neue Märkte zu erschließen, ist, entscheiden muss, glauben wir, dass das Startup eher dem Netzwerker folgt, wenn es die Wahl hat. Atlanta ist ein Netzwerk, dass NUMA mitgegründet hat. Es wurde von Beta-i eingeführt, und nun sind andere Accelerator und Services für Startups mit dabei. Sie sorgen gerade für neuen Austausch in der ganzen Welt und machen bei vielen Initiativen mit.

TS: Die Regierungsförderung war daran beteiligt, dass Accelerator in vielen Märkten durchstarten. Was kann man sonst noch tun? Was gibt es noch für Möglichkeiten, um Geld oder Kapital zu generieren?

TB: Im abschließenden Abschnitt unserer Weißbuches kann man noch mehr Details über die Ideen dazu erhalten. Aber die Hauptpunkte, um die es uns ging, waren:

  • Spenden sammeln: Laut den Teilnehmern des Kongress wird dieser Punkt für die meisten Accelerator, ausgenommen den “Stars” des Sektors, recht schwierig werden.

  • Eigenkapital: Accelerator bringen immer mehr Eigenkapital in die Startupprogramme mit ein. Das Problem hierbei ist, dass die Programme noch recht unterentwickelt und die Accelerator nur ein geringer Anteil sind und die meisten in absehbarer Zeit kaum etwas, oder nichts davon, zurückbekommen.

  • Förderung als Service: Wie bereits erwähnt, wird dieses Modell gerade bei Techstars angewandt. Kurz gefasst wird der Accelerator entweder durch Gebühren oder durch Investitionen von Unternehmen kompensiert. Der Accelerator betreibt den Accelerator zugunsten dieses Unternehmens (hierbei geht es um Operationalität, Produktivität, Entwicklung, etc.)

  • Platz zu Geld machen: Hier geht es vor allem darum Wege zu finden, wie man den Platz, den die Accelerator haben, ertragreich nutzen kann. Beispielsweise könnte man die Örtlichkeiten für Events vermieten, für Coworking mehr Einnahmen verlangen, etc. Das Problem dabei ist, dass der Platz zu gering ist, hier wird man sich eingrenzen müssen.

  • Ausarbeitung des Programms: Neue Märkte erschließen oder neue Orte und Programme eröffnen, sind nur ein paar der Wege, wie mehr Ertrag erbracht werden kann. Man bräuchte deutliche Investitionen im Vorfeld, um das ausführen zu können.

  • Gebührenmodell: Mit diesem Modell experimentieren auch einige Accelerator. Hierbei geht es darum, neue Wege zu finden, wie Startups kleine, aber faire Gebühren zahlen oder Mitgliedschaften haben, die den Mitgliedern niedrigere Preise für Veranstaltungen anbieten, den Einstieg für neue Mitglieder erleichtern, etc.

TS: Was kann die europäische Politik für die Startups tun?

FO: Die Politik kann dafür sorgen, dass Europa ein einzigartiger Markt für Startups wird. Es gibt hier aber zwei große Hürden, die es zu überwinden gilt. Die eine ist die fehlende technische und rechtliche Vereinigung in Europa. Beispielsweise ändern sich die mobile Infrastruktur und Regeln in jedem Land. Dadurch werden Startups gezwungen, ihre Produkte und Strategien den einzelnen Ländern anzupassen, in die sie exportieren wollen. Deshalb hat man in Europa den “Digital Single Market” herausgebracht. Es wird etwas Zeit brauchen, bis das Programm sein Ziel erreicht hat. Das ist kein blockierendes Problem, denn die Startups sind es gewohnt, mit solchen Einzelschwierigkeiten vor Ort umzugehen. Dennoch würde eine Lösung den Startups dabei helfen, sich auf dem Markt von 500 Millionen Usern (der damit größer als der amerikanische Markt ist) auszubreiten.

Das zweite, sehr viel ernstere Problem, ist der Mangel an Unterstützung. Europäische Investitionen in Startups sind fünfmal weniger bedeutungsvoll als in den USA. Dabei kommen 80 Prozent der Investitionen von Banken und 20 Prozent von Risikokapitalgebern. In den USA ist es genau anders herum. Die Kapitalgeber benehmen sich eher wie Banker als wie Investoren und wollen alle möglichen Dokumente sehen, um ihre Entscheidungen abzusichern. Europa hat ein anderes Programm veröffentlicht, um diese Probleme anzugehen. Dieses soll den Zugang zu den Unternehmensdaten für die Investoren vereinheitlichen, den internationalen Geldfluss erleichtern, und vieles mehr. Das ist schon ein großer Schritt nach vorn, aber wir haben EU-Kommissar Jonathan Hill, der vor ein paar Wochen auf einem Entrepreneurstreffen in Paris war, klar gemacht, dass dieses Programm ein paar Adaptionen benötigt. Man könnte die Herausgabe von Finanzen vereinfachen oder Teams, die in einer schlechten Phase stecken, mit einheitlichen Besteuerungen für die Investoren motivieren. Das können aber nur die Politiker wirklich ändern, und nur so können sich die seltenen und wertvollen Firmen freier bewegen.

Währenddessen plant Juncker viele Millionen in Startups zu stecken. Das kann vielen Startups wirklich helfen. Jedoch wissen die meisten von ihnen nicht, wie man an die Unterstützung kommen kann und haben keine Kapazitäten, um sich in die komplizierten Regelungen einzulesen. Die Europäische Kommission sollte mit Accelerators arbeiten, um eine klare und einfache Kommunikation zu fördern und dieses zentrale Netzwerk nutzen, um Startups auszuwählen und ihnen Zuschüsse zu geben.

TS: Vielen Dank für das Interview.


Teaser & Image by NUMA


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Tobias Schwarz

Tobias Schwarz

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit.

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