Interview mit Ryan Rauscher zum Futuremusiccamp

fmcAnfang Juli findet in Mannheim das Futuremusiccamp statt. Organisiert wir es von Ryan Rauscher von der Popakademie Mannheim. Im Blogpiloten-Interview gibt Ryan Einblicke in die Arbeit der Popakademie, die Ziele des Camps und wie er sich die Zukunft des Musikgeschäfts vorstellt.

Ryan, du arbeitest an der Popakademie Baden-Württemberg im so genannten SMIX.LAB. Was genau hat man sich unter dem smixlab vorzustellen?

ryanrauscherDas SMIX.LAB ist eine vom Land Baden-Württemberg geförderte gemeinnützige Einrichtung, die in die Stiftung der Popakademie Ba-Wü eingegliedert ist. Unser Ziel ist es eine Anlaufstelle – wir nennen es Kompetenzzentrum – einzurichten, für jeden, der neue Ideen bezüglich der Zukunft von Musik- und Entertainmentbranche hat und diese umsetzen möchte. Dazu sammeln und vermitteln wir fundiertes Wissen zum Thema Digitale Musikwirtschaft – man könnte auch sagen Musik 2.0. :-) Neben Vorlesungen in den Bereichen technische Systeme, Applikationen, Recht 2.0, Digitale Kultur, sowie Marketing- und Managementtrends führen wir mit unseren Studierenden Forschungs- und Praxisprojekte durch. Hier arbeiten wir mit Projektpartnern aus Wissenschaft und Praxis zusammen. Im aktuellen Semester kooperieren wir beispielsweise mit dem Fachbereich Onlinemedien der FH Furtwangen und mit Universal Music.

Das SMIX.LAB gehört zum Fachgebiet „Music Business“. Wie geht die Popakademie das Thema an?

An der Popakademie gibt es ein in Deutschland einzigartiges ganzheitliches Studium in diesem Bereich. Das bedeutet also nicht nur Kurse zur Musikwirtschaft oder zum Urheberrecht, sondern auch eine Unterfütterung mit fundierten Inhalten angrenzender Bereiche wie Unternehmensmanagement, Medien, Recht oder Popkultur im Allgemeinen. Die besondere Stärke der Popakademie liegt im starken Prasixbezug durch Praktika und Projekte in Studententeams, sowie die damit einhergehende starke Vernetzung und Anbindung an die Musikbranche, die vielen Absolventen einen schnellen Berufseinstieg ermöglicht. Mit dem neuen Studienschwerpunkt „Digital Innovation Management“ und dem SMIX.LAB als Kompetenzzentrum dahinter trägt die Akademie eben auch diesem wichtigen Bereich Rechnung und verleiht der Digitalisierung der Branche seine akademische Entsprechung.

Mit dem Internet, Peer-to-Peer-Systemen und Web 2.0 mit recommender Systemen wie Last.fm hat sich das Musikgeschäft radikal verändert. Wie bewertest du diese Veränderungen und wie reagiert ihr an der Popakademie darauf?

Im Curriculum gibt es eben Vorlesungen genau zu diesen Themen. So findet z.B. am 11. Mai eine Unterrichtseinheit zum Thema „Music Recommender Systems“ statt – gehalten von Dr. Stephan Baumann vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Eine Vorlesung zu Peer-to-Peer Systemen und deren Zukunft ist ebenfalls in Planung. Weitere Unterrichtseinheiten beschäftigen sich etwa mit Social Software (Social Netzworks, Blogs und Ähnliches), Mobilen Kommunikationssystemen, Web Syndication (Schnittstellen, Feeds, Widgets), digitaler Rechteverwaltung oder dem Semantischen Web. Wie ich selbst diese Veränderungen bewerte, ist glaube ich wenig relevant. Unsere Aufgabe ist es, die wichtigsten Themen bzw. Anforderungen an Musikmanager von Morgen zu identifzieren – und zwar im Dialog mit Unternehmen, Forschern und Soziologen.

Außerdem bereiten wir gerade ein Barcamp mit Fokus auf Musik & Entertainment 2.0 vor. Die ersten knapp 50 Mitglieder haben sich auf www.futuremusiccamp.mixxt.de seit Montag angemeldet. Insgesamt haben wir Platz für 150 Teilnehmer, die eine Mischung wird aus jungen Ideengebern, erfahrenen Digitalunternehmern aus der Musik- und angrenzenden Branchen, dazu Berater sowie Anwälte und Zukunftsexperten. Dieses Future Music Camp (FMC) soll auch der Startpunkt für unser Wiki-Projekt werden. Dabei geht es um ein Wiki für Musikwirtschaft im Web 2.0, dessen erste Inhalte aus dem FMC gewonnen werden und von da an idealerweise von Studierenden, Unternehmen, Wissenschaftlern etc. erweitert werden sollen.

Wie genau stellst du dir die Ausrichtung inhaltlich vor? Wie sähe dein Wunsch-Barcamp aus?

Als Befürworter eines interaktiven Formates wie dem Barcamp muss ich darauf natürlich antworten, dass meine Vorstellung inhaltlicher Art nur eine unter vielen sein darf. Ich bin sehr gespannt welche Diskussionen und Beiträge von den verschiedenen Experten und Teilnehmern eingebracht werden. Unser Ziel ist es jedenfalls, die spannendsten Fragen zu identifizieren und Lösungen zu diskutieren – teils losgelöst von strukturellen Einschränkungen („Out of the box“), teils aber auch unter Berücksichtigung der praktischen Machbarkeit unter den heutigen musikwirtschaftlichen Gegebenheiten.

Ich würde mir wünschen, dass wir eine Diskussionskultur erreichen, bei der nicht nur Meinungen ausgetauscht, sondern vor allem fundierte Fakten zusammengetragen und erarbeitet werden, auf die wir alle später aufsetzen können. Und natürlich wäre ich sehr glücklich, wenn die Teilnehmer uns als Kompetenzzentrum wahrnehmen und unsere Hilfe bzw. Ressourcen zukünftig für ihre Projekte nutzen. Auch fände ich es wichtig, dass wir einen fundierten Austausch aller Parteien begründen und etablieren, um das nötige Wissen künftig besser organisieren und zirkulieren zu lassen.

Wann und wo wird das Barcamp stattfinden?

Das FMC findet am 4. und 5. Juli – Samstag/Sonntag – in Mannheim statt, wobei es am Freitag auch ein „Get-together“ geben wird, für diejenigen, die an diesem Tag bereits anreisen. Die Sessions finden in den Räumen der Popakademie statt und im SMIX.LAB möchten wir eine Art „History-Area“ mit Videobeiträgen zur Computergeschichte einrichten. Am Samstagabend wird es eine Party inklusive einer interaktiven iPhone-Performance geben. Wir machen das zusammen mit Björn Eichstädt, Geschäftsführer der PR-Agentur Storymaker und Experimentalmusiker, der Kommunikationswissenschaftlerin Nadia Zaboura und mehreren iPhone-Künstler, sodass man da wirklich gespannt sein darf.

Nochmal zum Thema Musikbusiness. Immer wieder wird die Idee einer Kulturflatrate diskutiert. Wie ist deine persönliche Meinung dazu?

Die erste spannende Frage dabei ist für mich, aus welcher Argumentation heraus das Bezahlmodell „Flatrate“ Sinn macht und ob es dies für immer mehr Konsumenten eine wünschenswerte Handlungslogik darstellt. Ob gegen den Willen der Nutzer von politischer Seite ein solches Modell eingeführt werden sollte, möchte ich nicht abschließend beurteilen. Ich würde jedoch erst hinterfragen, ob nicht eher die Konventionen der Musikwirtschaft erneuert werden müssten. Nun zu meiner Argumentation (ich beschränke mich dabei exemplarisch auf den Musikaspekt): der Tonträger ist nicht tot. Der heutige Tonträger ist das Handy, der Speicherchip (wo auch immer er ist), das Notebook, der Server. Wenn sich dann etwas wie das Cloud Computing durchsetzt, es also für Nutzer und Anbieter ökonomisch am sinnvollsten ist, Musik auf Servern zu speichern und nurmehr zu streamen, dann ist es relativ logisch, dass der einzelne Hörer keine Tonträger mehr besitzt, sondern sie zum zeitweiligen Konsum mietet. Das entspricht letztentlich der Idee einer Flatrate.

Nun zur Frage, ob ich eine Kulturflatrate als politisches Instrument gutheiße: in den letzten Jahren haben wir ein wenig Stillstand am Musikmarkt beobachtet – die „Mächtigen“ wollten von ihren Modellen und Konditionen nicht abweichen, die Innovatoren konnten ohne Erlaubnis der Ersteren nur schwer attraktive Ideen umsetzen. In einer solchen Zwickmühle könnte meiner Meinung nach der Staat durchaus ein wenig positiven Druck auf die etablierten Musikunternehmen ausrichten, indem er eine Flatrate verpflichtend einführt. Allerdings sollte das nur als Basis-Versorgung verstanden werden: privaten Anbietern sollten Anreize haben, ein besseres Flatrate-Produkt auf den Markt zu bringen und der Nutzer sollte von der staatlichen in eine solche kommerzielle Flatrate wechseln können. Denn gerade in unserer schnellebigen digitalen Welt fehlt es mir an Glauben, dass die besten Lösungen zentral und von politischer Seite aus geschaffen und erhalten werden können.

Ich muss zur richtigen Einordnung meiner Aussagen erwähnen, dass ich selbst eine Flatrate nutze. Zumindest bei mir hat sie den Effekt, dass ich insgesamt mehr für Musik bezahle, als ich es vorher tat. Sollte dies bei einer größeren Anzahl von Nutzern ähnlich funktionieren, sollte man die Flatrate als ernsthafte Option anerkennen.

Wie denkst du werden Künstler in 5 Jahren „Business“ mit ihrer Musik machen?

Es ist schwierig, da eine einzige Aussage für alle Künstler zu treffen. Dazu gibt es zu viele Unterschied bezüglich Genre, Zielgruppe oder auch in den Zielen des Künstlers selbst. Ich könnte jetzt von einem Künstler ausgehen, der ohne Rücksicht auf die bewährten Modelle alle neuen Möglichkeiten nutzt, aber dann würde ich all die Potenziale der etablierten Strukturen vernachlässigen. Auch in den nächsten 5 Jahren könnten klassische Strategien durchaus effizient bleiben. Ich möchte mich daher auf generelle Tendenzen konzentrieren – der Künstler sollte:

  • — zusehen, dass er Partner hat, die ihn in allen Geschäftsmodellen platzieren: Pay-Per-Song, Flatrate, Ad-Supported, Streaming…
  • — seine Kundenbindung von klassischen Albenzyklen auf eine tägliche Kommunikation erweitern: Video-Podcast, Live-Streaming, Twitter, Social Networks und Ähnliches
  • — Fan Community-Building und -Pflege beherrschen
  • — sein künstlerisches Produkt erweitern – von einer CD zu MP3, Video-Channel, Blog, Status-Updates, Live-Cam etc. – und Komplemtärprodukte verkaufen
  • — sich bei der Verwaltung und Verwertung seiner Rechte von zentralisierten, exklusiven Partnern trennen: GEMA, Label, Vertrieb usw. Die Partner des Künstler sollten sich künftig als Dienstleister verstehen, nicht als Zentrum.
  • — seine Fans in den Wertschöpfungskette miteinbeziehen. Evtl. in Kreation und Finanzierung, vor allem aber in Promotion, Vertrieb und Verkauf. Er sollte die einschlägigen technischen Systeme (bspw. RSS, Widgets, Affiliate-Shops) kennen und seiner Fans zur Verfügung stellen.
  • – Der Vollständigkeit halber: live auftreten. Aber ich finde diese Empfehlung hat – trotz der häufigen Verwendung in den letzten Jahren – noch keinem Künstler geholfen ;-)
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Steffen Büffel

Steffen Büffel

ist freiberuflich als Medien- & Verlagsberater, Trainer und Medienwissenschaftler tätig. Schwerpunkte: Crossmedia, Social Media und E-Learning. Seine Blogheimat ist der media-ocean. Außerdem ist er einer der Gründer der hardbloggingscientists.

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