Interview mit Ken Jebsen: „Wie würden Sie es denn nennen?“

Ken Jebsen war Moderator beim Jugendradio Fritz. Eine sehr dumme Formulierung in einer Mail löste einen Skandal aus. Dass es beim genaueren Hinsehen jedoch gar kein Skandal war, sah auch sein Arbeitgeber, der öffentlich-rechtliche Sender RBB. Kurze Zeit später trennte er sich dennoch von Jebsen. Wieso genau, ist unklar. Fest steht, dass Jebsen streitbar und streitlustig ist, er fasst heiße Eisen an, lotet publizistische Grenzen aus und hinterfragt alles, vor allem das Mediensystem. Ein Gespräch über Verschwörungstheorien als Label, schwierige Themen und subtile Zensur-Mechanismen in einer Zensur-freien Demokratie…


Ausgangspunkt der Affäre war eine Mail. In der stand ein Satz, der, isoliert vom Kontext, sehr befremdlich klang: „Ich weiß, wer den Holocaust als PR erfunden hat“. Dieser Satz machte die Runde. Können Sie uns den Kontext erläutern?

Die Mail war Teil einer längeren Diskussion mit einem Historiker. Er hatte einen Ausschnitt aus der Sendung KenFM auf Youtube entdeckt und sich darüber aufgeregt. Im Verlauf unserer Diskussion ging es um unterschiedliche Themen, unter anderem um deutsche Geschichte. In der konkreten Mail habe ich darauf Bezug genommen, dass die antijüdische Nazi-Propaganda auf zum damaligen Zeitpunkt bereits entwickelte PR Techniken basierte: Edward Bernays, einer der Väter der Public-Relations-Disziplin, hatte in seinen Büchern Techniken beschrieben, mit denen man Stimmungen erzeugen und Menschen manipulieren kann. Seine Bücher wurden leider auch von den falschen Leuten gelesen, unter anderem von Goebbels, der mithilfe dieser Techniken das größte Verbrechen aller Zeiten, den Holocaust, organisiert hat. Das war der Kontext.

Die Frage ist, warum Sie die Mail vor dem Abschicken nicht noch einmal Korrektur gelesen haben. So lässt sich verhindern, dass Formulierungen missverständlich sind und falsch interpretiert werden können …

Jeder isolierte Satz kann gegen einen verwendet werden. Wenn ich darauf achten würde, würde das bedeuten, dass ich am besten gar nicht mehr antworte. Ich habe aber immer versucht, alle Mails von Hörern zu beantworten.

Ihr Schreib-Stil ist gewöhnungsbedürftig. Die Sprache wirkt wirr, sie ist voller Rechtschreib- und Grammatik-Fehler, die Syntax ist außer Kraft gesetzt. Ist das Absicht?

Ich bin so. Ich schreibe noch schneller, als ich sprechen kann. Warum muss ich mich schriftlich an eine Norm andocken? Das, was ich sage, ist ja in sich schlüssig, nur die Buchstaben sind für manche Leute wirr. Das Gehirn braucht die Buchstaben aber nicht an der richtigen Stelle. Wenn ich einen Text schreibe, korrigiere ich den nur, wenn ich ihn tatsächlich veröffentlichen will.

Es war nicht der Antisemitismus-Vorwurf, der zur Absetzung ihrer Sendung geführt hat. Ihr Arbeitgeber, der RBB, hatte Ihre Sendung einmal ausgesetzt und den Vorwurf nach einer Prüfung zurückgewiesen. Zwei Wochen später kam dann aber doch das aus. Die offizielle Begründung lautete, dass Sie wiederholt gegen Absprachen verstoßen haben …

Für mich ist das wie in „Der Prozess“ von Kafka. Es ist Nebel. Es heißt: „Es gibt journalistische Standards. Sie haben gegen die verstoßen“. Und wenn ich frage: „welche sind das denn?“, bleibt es diffus.

Sie sind, wie es so schön heißt, „umstritten“. Kritiker werfen Ihnen politische Polemik und Verschwörungstheorien vor.

Das geht mir tierisch auf den Zeiger. Ich bin seit 18 Jahren ARD-Journalist, ich habe mehr als 500 Sendungen für Radio Fritz gemacht, in denen ich meistens Bands eingeladen habe. Es gab einige, hoch politische Spezialsendungen, zum 11. September oder zu Uran-Munition. Es gab aber auch Sendungen wie „Essen auf Rädern“, da wurde nur gegessen. Unser Politikanteil lag zwischen 5 und 10%.

Das Label „Verschwörungstheorie“ wird Ihnen vor allem wegen einer 4-Stunden-Sendung zum 11. September angeheftet. Ich würde mit Ihnen gern über den Begriff reden, er ist zweischneidig. Natürlich gibt es wirre Thesen, die man zu Recht als „Verschwörungstheorie“ brandmarkt. Andererseits kann er aber auch alternative Deutungen zu Mainstream-Meinungen von vornherein diskreditieren. Was hat es mit diesem Label auf sich?

Es gibt Begriffe, wenn man die Leuten an den Kopf schmeißt, werden sie automatisch unglaubwürdig. „Ach, so einer. Ufologe, wa?“

Wie würden Sie den Begriff definieren?

Eine Verschwörungstheorie ist eine Theorie über eine Verschwörung, die sich nicht beweisen lässt und deren Plausibilität umstritten ist.

Fällt Ihnen eine ein?

Folgt man dem Wortlaut, ist auch die offizielle Version zum 11. September eine Verschwörungstheorie. Sie lautet: Eine Gruppe von Muslimen verschwört sich, um mit gekaperten Flugzeugen Gebäude in die Luft zu sprengen. Ferngesteuert wird das alles von einem Mann, der in einer Höhle in Afghanistan sitzt.

Wieso halten Sie es nur für eine Theorie?

Viele Bausteine der Erklärung und die Version insgesamt weisen offene Fragen auf. Das ist besonders fatal, da mit der offiziellen Version ein Krieg begründet wurde.

Welche offenen Fragen sehen Sie beim 11. September?

Ein Beispiel: Wieso sind mit dem World Trade Center 7 insgesamt drei Gebäude eingestürzt, obwohl nur in zwei Gebäude Flugzeuge eingeschlagen sind? Das physikalisch unwahrscheinliche Ereignis wurde mithilfe eine Simulation erklärt, deren Aussage ist: so in etwa hätte es theoretisch gewesen sein können. Interessanterweise haben die Verfasser des „Commission Reports“, der die offizielle Version rekonstruiert, ihre Arbeit hinterher öffentlich in Frage gestellt. Die entsprechenden Äußerungen finden sich auf Youtube. Die Autoren Kean und Hamilton sagten: „we were set up to fail“ – weil zu wenig Zeit und zu wenig Geld zur Verfügung stand, und weil sich die Kommission immer wieder in ihren Ermittlungen behindert fühlte. Auch die Bundespolizei der USA hatte übrigens Zweifel. Auf dem offiziellen Steckbrief Bin Ladens wurden die Anschläge vom 11. September nie erwähnt.

Sie haben also keine eigene Theorie zum 11. September aufgestellt …

Die Aussage am Ende war nicht nicht: „Übrigens so ist es gewesen.“, sondern: „Es gibt jede Menge offene Fragen.“ Die Autoren des Reports und das FBI zweifeln öffentlich die offizielle Version an, aber jeder andere, der sagt, dass er Zweifel hat, gilt als Verschwörungstheoretiker.

„Unbequem“ bzw. „schwierig“ sind andere Labels, die für Journalisten problematisch werden können. In einer Sendung hatten Sie den Fernseh-Journalisten Frieder Wagner interviewt. Der hatte darüber berichtet, dass sich in den Bomben der Alliierten auf Afghanistan abgereichertes Uran befindet, das Menschen und Landschaften verstrahlt. Obwohl er für seine Recherchen ausgezeichnet wurde, hat er irgendwann gemerkt, dass sich diese Arbeit auf seine Journalisten-Laufbahn nicht positiv ausgewirkt hat. Wie hat sich das für ihn bemerkbar gemacht?

Er bekam keine Aufträge mehr. Als er im Funkhaus nachgefragt hat, wurde ihm unter vorgehaltener Hand gesagt: „Du giltst als schwierig. Du könntest weniger schwierig wirken, wenn du weniger schwierige Themen hättest. Kannst du nicht mal was Leichtes machen?“

Wenn ein Journalist wie Frieder Wagner nach einer relevanten journalistischen Recherche kaum mehr beschäftigt wird, würden Sie das als einen impliziten Zensur-Mechanismus bezeichnen?

Wie würden Sie es denn nennen? Sie werden natürlich kein Papier finden, auf dem steht: „Bitte beschäftigen Sie den Mann nicht mehr.“ Statt dessen heißt es: „Im Moment ist das schwierig, hatten wir gerade das Thema.“

Was ist da Ihrer Meinung nach passiert?

Wenn jemand mit seiner Arbeit Industrie-Komplexe und mächtige Institutionen wie das Militär angreift, lassen die sich das nicht gefallen. Das sind eben diese Anrufe von Wulff auf den AB: „Können Sie da nicht was machen?“. Nur dass der Typ am AB das meistens nicht öffentlich macht, sondern sich tatsächlich darum kümmert. Da gab’s auch Anrufe, ist doch ganz klar. Es ging bei der Uran-Munition um eine wahnsinnig wichtige taktische Waffe, die den Militärs einen enormen Vorsprung bringt. Bei einem Krieg, egal welchem, geht es um Meinungshoheit, Um die zu behalten, muss dafür gesorgt werden, dass sich die eigene Meinung durchsetzt und dass gute, kritische Argumente nicht in der Öffentlichkeit auftauchen.

Das so etwas stattfindet, ist erklärungsbedürftig. Bei aller Kritik an unserer Gesellschaft, funktionieren der Rechtsstaat und die Pressefreiheit in Deutschland doch vergleichsweise gut. Es gibt keine Schlägertrupps, die vorbei kommen, wenn jemand kritisch berichtet …

Es gibt Lobbygruppen. Obwohl in der Demokratie jeder nur eine Stimme hat, sorgen sie dafür, dass gewisse Stimmen mehr Gewicht haben. Es wird immer wieder versucht, Berichterstattung zu verhindern oder zu verändern. Und oft sind solche Versuche erfolgreich. Wenn zum Beispiel jemand kritisch über Multinationale Unternehmen berichtet, kann er sicher sein, dass die das gewaltig ärgert. Irgendwo sind sie drin, und sei es nur, dass sie große Werbekunden sind. Auch für Konzerne geht es um die öffentlichen Meinung. Wenn etwas schief geht, wie für die Atom-Industrie nach Fukushima, kann das sehr viel Geld kosten.

Wenn sich ein Medium überwiegend über Anzeigen finanziert, ist solch ein Mechanismus plausibel. Wir haben aber einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sich zumindest einem solchen ökonomischen Druck entziehen kann.

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk kann man noch am ehesten einflussreichen Interessen auf die Füße treten, aber bitte nur zu einer späten Sendezeit. Aber auch über einen kritischen Bericht bei Monitor werden sich betroffene Firmen oder Institutionen nicht freuen. Sie werden versuchen, die Recherche oder gleich den Journalisten als Person zu diskreditieren, mit dem Ziel, dass sich eine solche Berichterstattung möglichst nicht wiederholt.

Okay. Gehen wir davon aus, dass solcher Zensur-artigen Mechanismen existieren. Welche Themen fehlen Ihnen in der öffentlichen Diskussion?

Es wird nicht thematisiert, ob die „gute“ Weltbank tatsächlich die Lebenssituationen von Menschen verbessert oder mit den Auflagen für ihre Kredite primär Absatzmärkte für die Industriestaaten sichert. Man fragt nicht ernsthaft, ob wir durch unser Verhalten daran beteiligt sind, dass die häufigste Todesursache heute noch Hunger ist. Darüber redet man lieber nicht. Wir sehen, wie George Clooney im Fernsehen einen Espresso trinkt. Aber wer ist die Firma, die ihn herstellt, unter welchen Konditionen arbeiten die Bauern?

Gibt es insgesamt zu wenig Politik im öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Natürlich, vor allem im Jugendradio. Konsequent wäre es doch zu sagen: warum bringen die überhaupt noch Nachrichten? Die sind nur noch Schlagzeilen. Wenn man möchte, dass sich Jugendliche für Demokratie, diese komplizierte Staatsform, interessieren, muss man ihnen regelmäßig erklären, wie sie Nachrichten einordnen und vernetzen können. Statt dessen setzen Jugendradios auf Gewinnspiele. Das Programm wird immer mehr Wort-entschlackt. Als Begründung heißt es oft, dass Jugendliche abschalten würden, wenn im Radio länger als eine Minute geredet wird.

Und tun sie’s?

Jugendliche schalten schon nach 30 Sekunden ab, wenn es bloß Gelaber ist. Wenn ich politische Sendungen gemacht habe, habe ich mich auf die eingelassen wie ein strenger Lehrer, der sagt: „Du musst dein Gehirn anstrengen, und das ist mit Arbeit verbunden“. Radio spielt ja heute gar keine Rolle mehr, weil es so langweilig und voraussagbar ist. Bei uns wussten sie nie, was sie erwartet. Das menschliche Gehirn will nicht andauernd durch leichte Kost beleidigt werden.

Bei Ihnen schwingt viel Schelte auf andere Journalisten mit. Was stört Sie an Ihren Kollegen?

Viele Journalisten machen nur so wenig, bis man ihnen Faulheit unterstellen kann. Als ich zum Radio gekommen bin, hatte ich Respekt. Ich bin mit Reportern wie Peter von Zahn groß geworden. Die konnten frei sprechen, die hatten Spaß daran, gut zu sein, und die hatten eine Standpunkt. Nehmen Sie doch mal einem Radio-Moderator heute seinen Moderations-Zettel weg: hat er eine Meinung, hat er irgendwas zu sagen? Ich fürchte nicht.

Sie denken, dass es mit dem Radio qualitativ bergab gegangen ist …

Die Verhältnisse haben sich gewandelt. Wenn man früher recht gut war, hat man bei der Zeitung angefangen. Wenn man dann noch gut sprechen konnte, durfte man zum Radio. Wenn man richtig geil war, kam man ins Fernsehen. Heute ist es so: Wenn du die richtige Frisur hast und ansonsten so blöd bist, dass dich die Schweine beißen, kriegst du eine Fernseh-Show. Wenn du nicht ganz so schlecht bist und frei sprechen kannst, dann darfst du schon mal in einem Radio-Sender moderieren. Wenn du ein richtiges Ass bist, dann darfst du vielleicht zum Stern oder zum Spiegel und schreiben.

Bild: cgommel

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Stefan Mey

Stefan Mey

hat Publizistik und Soziologie studiert und lebt als freier Journalist in Berlin.

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