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Interview mit Cosmin-Gabriel Ene über LaterPay und Micropayment

LaterPay ist für einige die Rettung des bezahlten Journalismus – Grund genug uns mit CEO Cosmin-Gabriel Ene zum Interview zu treffen. // von Tobias Schwarz

Das internationale Team von LaterPay will die Nutzung von Paid Content vereinfachen.

Auf der Entwicklerkonferenz von Computer- und Videospielen in Berlin, der Quo Vadis, trafen wir Cosmin-Gabriel Ene, CEO von LaterPay zum Gespräch über Micropayment und die Chancen davon zur Finanzierung von Journalismus. LaterPay ist ein Münchner Startup, dass es sich zur Aufgabe gemacht hat, die einfache Nutzung von Bezahlinhalte im Internet zu ermöglichen.

Tobias Schwarz: Was genau ist LaterPay?

Cosmin-Gabriel Ene: LaterPay ist ein sogenannter „micropayment enabler“. Es ermöglicht die einfache Nutzung von Bezahlinhalte im Internet.

TS: Wie funktioniert ein Micropayment Enabler wie LaterPay?

CGE: Auf Websites die uns einsetzen, können die Nutzer beim Erstkontakt mit einem Bezahlinhalt bestätigen, dass sie den angezeigten Preis „später zahlen“ werden, und das war’s. Wirklich bezahlt wird dann aber erst später, sobald eine Summe von 5 Euro zusammengekommen ist.

TS: Ähnliche Versuche Bezahlmodelle für einzelne Artikel im Internet zu etablieren gibt es schon. Was ist das Besondere an LaterPay, was Euch von anderen unterscheidet?

CGE: Bei LaterPay müssen sich Nutzer nicht vorab registrieren, auch nicht vorab bezahlen. Allein mit ihrer Zustimmung später zu bezahlen wird der Inhalt freigeschaltet, d.h. während man bei uns binnen Sekunden Bezahlinhalte schon konsumieren kann, muss man sich bei anderen Diensten zwei, drei Minuten vorab registrieren und vorab bezahlen bevor Inhalte konsumiert werden können. Bei LaterPay kaufst du nicht die Katze im Sack – bei den anderen schon.

TS: Wie funktioniert das Rückgaberecht für Content? Ich muss nicht für jeden Artikel zahlen. Kann ich auch sagen, dass mir der Artikel dann doch nicht gefallen hat und ich meine Vergütung zurücknehmen möchte?

CGE: Grundsätzlich ist es so, dass du für jeden Artikel bezahlst. Du kaufst jeden Artikel für den angezeigten Betrag, aber du bezahlst später. Du kannst aber bei einzelnen Artikeln auch sagen, dass du sie zurückgeben möchtest und diese werden dir von der Rechnung wieder runtergenommen. Da unterscheidet sich das System nochmal ganz aktiv von Flattr und von ähnlichen Modellen.

TS: Wie kann hier Missbrauch verhindert werden?

CGE: Das System schaut sich an, wie das Rückgabeverhalten ist und wenn wir dort „fraud pattern“ sehen, also das jemand einfach nur am laufenden Band Inhalte zurückgeben will, machen wir es schwieriger. Wir blockieren nicht sofort die Contentrückgabe, sondern bitten den Nutzer um eine Rezension, warum er oder sie diesen Artikel nicht gut fand, damit der Contentanbieter die Qualität seiner Inhalte verbessern kann.

TS: In den letzten Wochen wurde im Zusammenhang mit LaterPay immer der Begriff „Bierdeckelprinzip“ verwendet. Was ist darunter zu verstehen?

CGE: Das du letztendlich mit LaterPay genauso digitale Inhalte konsumierst, wie du in der Kneipe konsumierst. Du gehst rein, bekommst deinen Bierdeckel, auf dem werden Inhalte aggregiert oder kneipentechnisch besser gesagt, Getränke, aggregiert und wenn du fertig bist, wird zusammen gezählt was auf dem Bierdeckel steht und abgerechnet.

TS: Ein Usecase hat Euch auch sehr prominent gemacht, dass war der Blogger Richard Gutjahr, der LaterPay auf seinem Blog nutzt. Für wen ist dieses Bezahlsystem noch interessant?

CGE: Also neben freien Journalisten, Bloggern und kleineren Verlagen ist das System vor allem für mittelgroße und große Verlage interessant. Eigentlich für all diejenigen, die Inhalte schaffen und diese Inhalte verkaufen wollen. Darüber hinaus kannst du LaterPay auch für Videoanbieter, Gamesanbieter, Cloudservices und andere digitale Dienste nutzen. Im weitesten Sinne lässt sich mit LaterPay alles verkaufen, was digital ist und was sich in Einheiten oder Zeit bemessen lässt.

TS: Wie sieht das Geschäftsmodell von LaterPay genau aus? Wie werdet ihr dann verdienen?

CGE: Wir gehen momentan mit einem Preismodell an den Markt, bei dem wir 15 Prozent von den über uns getätigten Transaktionen in Anspruch nehmen. Darin sind dann aber auch alle anderen Kosten für Drittparteien inbegriffen, d.h. Abrechnungen über klick-and-buys, Sofortüberweisungen, Kreditkarte oder per Lastschrift. Es gibt keine Gebühren, es gibt keine monatliche Wartungsfee oder Lizenzgebühr, sondern das ist all-in. Ein weitere Modell werden wir im Laufe des Jahres bekannt geben.

TS: Richard Gutjahr hat LaterPay mehr als eine Philosophie anstatt ein klassisches Unternehmen bezeichnet. Inwiefern zeigt sich dieses Denken im Geschäftsmodell?

CGE: Im Endeffekt geht es um das veränderte Verständnis von paid content. Auch Nutzer müssen verstehen was paid content soll, denn sie sollen für Leistung entsprechend bezahlen, aber so wie sie möchten. Wenn jemand nur ein Glas Milch trinken will, dann bezahlt der nur für das Glas Milch und wenn er gerne oft Milch trinkt, dann kauft er sich ein Abo. Man geht also weg von einer Bevormundung der Nutzer, hinzu einem Bedienen des Nutzers mit den richtigen Inhalten und mit den richtigen Geschäftsmodellen. Insofern trifft es schon zu, dass es sich bei LaterPay auch um eine Nutzungsphilosophie handelt. Der Punkt ist, dass LaterPay sehr „user-centric ist. Wir denken aus Sicht der Nutzer und berücksichtigen dabei die Interessen des Contentanbieters.

TS: In Eurer Seedfinanzierungsrunde und in der zweiten Finanzierungsrunde habt ihr namhafte Investoren gewinnen können. Als Ihr denen die Ideen präsentiert habt, was war deren erstes Feedback?

CGE: Bei Klaas Kersting zum Beispiel war die Reaktion sehr schnell und eigentlich auch in Richtung des Bierdeckels da. Er hat das Prinzip sofort verstanden und gesagt, dass wir bis jetzt nicht zahlende User in zahlende User umwandeln. Das ist ein „conversion enabler“ und diese Reaktion haben wir eigentlich mit anderen Worten auch bei den anderen Investoren erlebt. Vielleicht kann man auch anders sagen, die Investoren die bei uns investiert haben, deswegen investiert haben, weil sie dieses Verfahren so verstanden und zukünftig auch als chancenreich gesehen haben.

TS: Bei Flattr handelt es sich um Spenden, aber wie kommuniziert man, dass es sich bei LaterPay um Vergütung für Leistung handelt?

CGE: In dem man den Nutzern, bevor sie den Inhalt konsumieren, klar sagt, dass es sich um einen Bezahlinhalt handelt und ihm auch einen Preis dafür angibt. Wir wollen erst gar nicht missverstanden werden und wir raten auch den Contentanbietern dazu, den Preis und die Tatsache, das es Geld kostet, offen und prominent darzulegen. Dementsprechend heißen Kaufaufforderungen unter dem Link meistens auch so etwas wie „Jetzt weiterlesen für 20 Cent und später zahlen„. So wird von vornherein gesagt, dass Inhalte Geld kosten und wieviel sie kosten.

TS: Der Blogger Martin Weigert hat vermutet, dass Verlage landesweit nicht auf dieses eine Bezahlsystem zurückgreifen werden, sondern lieber ihre eigenen System aufbauen. Wäre die Deutsche Blogosphäre in ihrer Gesamtheit und Unterschiedlichkeit attraktiv genug für LaterPay oder braucht es die Verlage?

CGE: Was wir merken ist, allein durch die Promotion die wir anhand des Artikels von Richard Gutjahr und seinen Einsatz für uns bekommen haben, dass sich einige Verlage, unter denen auch ein paar Großverlage waren, bei uns gemeldet haben. Wir sehen LaterPay in keiner Weise nur auf die Blogosphäre begrenzt, denn wir wissen, dass die Blogger und die freien Journalisten unglaublich wichtige Pionierarbeit leisten, indem sie auf Modelle setzen, die sie selber verstehen und für die sie selber auch bereit wären Geld zu bezahlen. Damit zeigen sie den Großverlagen letztendlich auch eine mögliche Richtung, in die sie gehen werden.

TS: Holger Kansky vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, aber auch Frauke Böger von der taz, haben als Reaktion auf LaterPay gesagt, dass Abos heutzutage immer noch besser funktionieren.

CGE: Weshalb man mit LaterPay nicht nur Einzelinhalte verkaufen kann, sondern auch Abos. Im Grund genommen ist LaterPay der beste Abogenerator den man sich vorstellen kann, weil Nutzer über den Dienst an das Bezahlen herangeführt werden und somit auch die Chance steigt, dass einige Nutzer zu treuen Lesern werden und somit letztendlich auch zu Abonnenten.

LaterPay ist derzeit die einzige Plattform, die Content-Anbietern ermöglicht, sowohl Einzelinhalte als auch gebündelte Inhalte bis hin zu Abos zu verkaufen. Man redet ja in der Branche gerne darüber, dass das Abomodell etabliert sei. Ich würde das mit einem sehr großen Fragezeichen versehen, weil in der Branche kaum jemand richtig Geld verdient. Die wenigsten Zahlen werden veröffentlicht und was man weiß ist, daß bei Online-Tageszeitungen zwei bis maximal drei Prozent der Unique User, jemals bis an die Abogrenze von 20 Artikeln pro Monat kommen. Wenn ich also nur zwei bis drei Prozent der Unique-User in der Grundgesamtheit angehe, kann ich noch nicht von einem etablierten Geschäftsmodell sprechen. Das ist eher so eine Art Wunschdenken. Somit würde ich eher meinen, dass das „existieren“ von Paywalls manchmal auch von Vertretern der Branche mit dem geschäftsmodelltechnischen „funktionieren“ verwechselt wird.

TS: Liegt womöglich die Zukunft von LaterPay außerhalb eines so traditionellen Zeitungsmarktes wie er in Deutschland existiert? Wie sehen Internationalisierungspläne von LaterPay aus?

CGE: Wir glauben an den deutschen Markt und wollen hier gestaltend wirken – aber natürlich auch im Ausland mit dieser Innovation „Made in Germany“ punkten. Es gibt diese Pläne schon. Wir können erst in einiger Zeit darüber sprechen, aber die Plattform ist von vornherein international ausgelegt worden. Die nächsten Schritte werden über die nächste Zeit hinweg kommuniziert. Wir haben aber schon jetzt mehrere Aussagen aus den USA, die sich decken und im Wortlaut heißen: „What are you guys doing in Germany? Get over here!“.

TS: Der Kommunikationsberater Jörg Allgäuers hat einen sehr hoch angesetzten Vergleich geäußert: LaterPay könnte seiner Meinung nach einen ähnlicher Retter für besseren Journalismus sein, wie damals Pay-TV für besseres Fernsehen. Ist das eine zu hohe Hürde oder durchaus möglich?

CGE: Es hängt ganz stark von den Content-Anbietern ab. LaterPay ist letztendlich nur eine Toolbox für die Content-schaffende Community. Und das geht bei einem Journalisten und einem Blogger los und hört bei einem Großverlag auf. Am Ende des Tages kommt es darauf an, was die Content-Anbieter daraus machen und ob sie in der Lage sind diese Toolbox zu nutzen. Nur weil wir die Toolbox gebaut haben, haben wir damit nicht automatisch die Garantie dafür, das der Markt sie auch richtig einsetzt.

Wir müssen jetzt auch mit der Unterstützung von Marktvertretern wie Richard Gutjahr, der das verstanden hat und das für sich so einsetzt, wie er es will und für richtig hält, versuchen diese Pionierarbeit zu leisten. Damit können wir anderen Anbietern im Markt Beispiele geben, damit sie sehen, wie sie LaterPay einsetzen und was sie noch alles mit LaterPay machen können.


Teaser & Image by LaterPay


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Tobias Schwarz

Tobias Schwarz

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit.

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