Internet-Industrie reagiert auf Adblocker-Hype

Die Werbeindustrie will angenehmere Ads entwickeln und so der Popularität von Werbeblocker entgegenwirken. Publisher wie Bild.de gehen härter gegen Adblocker vor.

“Wir haben es vermasselt”. Es sind bemerkenswerte Worte, die Scott Cunningham, Senior Vice President of Technology and Ad Operations beim Interactive Advertising Bureau (IAB) kürzlich gewählt hat. Das IAB ist quasi die oberste Lobby der Online-Werbeindustrie, zu ihren Mitgliedern zählen Unternehmen wie Google, BuzzFeed, Yahoo oder Facebook, und sie ist mitverantwortlich dafür, wie Werbung im Internet aussieht und funktioniert.


Warum ist das wichtig? Der Kampf um Werbeblocker und Online-Reklame ist essenziell für die Zukunft des offenen Web, weil Werbung kostenlos verfügbare Information ermöglicht.

  • Das Interactive Advertising Bureau will neue Werbestandards etablieren, die für den Nutzer angenehmer sind und seine Privatsphäre berücksichtigen

  • Werbeblocker wie AdBlock Plus haben gerade dieses Jahr einen Siegeszug hingelegt, viele Nutzer gewonnen und vor Gerichten gesiegt

  • Bild.de geht gegen AdBlocker-Nutzer rigoros vor und verbietet ihnen den Zugriff auf die Nachrichtenseite, wenn sie die Software nicht abdrehen


Cunningham hat nun eingestanden, dass bei der Online-Werbung derzeit vieles falsch läuft. Die ständige Optimierung von digitaler Reklame in punkto Automatisierung und Targeting wäre zu Lasten der Nutzer passiert, würde ihre Akkus belasten, Webseiten langsamer machen und die User Experience schädigen. Kein Wunder, so Cunningham, hätte man gerade im letzten Jahr einen enormen Anstieg in der Adblocker-Nutzung gesehen.

Das IAB will deswegen neue, alternative Standards für Online-Werbung schaffen, die sich an vier Prinzipien halten: “Light, Encrypted”, “Ad Choice Supported” und “Non-Invasive”, kurz “LEAN”. Publisher sollen ihren Nutzern die Möglichkeit geben können, Werbung anzubieten, die nicht stört, die den Datenschutz unterstützt und die keine Ressourcen frisst.

Die Standards haben Vorrang

Wie sich das LEAN-Programm in der Praxis auswirken wird, bleibt abzuwarten. Zuerst müssen die Standards erst einmal entwickelt und dann auch von den Betreibern von Online-Angeboten und nicht zuletzt der Werbeindustrie angenommen werden. Für die Betreiber von Werbeblockern wie die Eyeo GmbH aus Köln (“AdBlock Plus”) ist der Schritt des IAB ein kleiner Sieg. Eyeo-Vertreter betonen immer wieder, angenehme Werbung auf eine Whitelist setzen zu können und so von der Blockade auszunehmen. Die Grundsätze des LEAN-Programms erinnern an das “Acceptable Ads”-Programm von Eyeo.

Während die Werbeindustrie noch dabei ist, Werbeblocker zu verdauen, sind andere schon weiter. Bild.de verbietet seit vergangener Woche Nutzern von Werbeblockern den Zugriff auf die Nachrichten-Seite – entweder deaktiviert man seinen Adblocker, oder man abonniert BILDsmart um 3 Euro pro Monat. Für das Geld bekommt man eine fast werbefreie Webseite, die auch noch bis zu 50 Prozent schneller laden soll.

Laut Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt hätte sich die Blockade der Adblocker-Nutzer bis dato nicht negativ auf die Zugriffe ausgewirkt, erzählt er im Meedia-Interview. Viele würden den Adblocker abschalten, und es gäbe auch einige, die sich BILDsmart leisten. Die langfristigen Effekte müsse man aber noch analysieren, so Reichelt.


Teaser & Image „[2005] Crossroads of the World“ (adapted) by Diego Torres Silvestre (CC BY 2.0)


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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