Internet und Flüchtlinge: (Auch) ein Werkzeug zum Guten

Angesichts der sich immer mehr zuspitzenden Flüchtlingskrise wollen viele Menschen helfen. Dabei kann das Internet eine unterstützende Rolle übernehmen und hat dies auch bereits getan. Es dient der Vernetzung und Koordination von Freiwilligen ebenso wie der Schaffung von Aufmerksamkeit für das Schicksal der Geflüchteten. Das zeigt, was das Internet im besten Fall sein kann: ein Werkzeug, das Menschlichkeit und “altmodisches” zivilgesellschaftliches Engagement nicht verdrängt oder ersetzt, kein Ort von Zynismus und billigem Amüsement, sondern von der Art Wissen, die Mitgefühl schafft.

Die Flüchtlingskrise verlangt nach freiwilligen Helfern

Mit dem aktuellen Ansturm geflüchteter Menschen (vor allem aus Syrien, aber auch aus anderen von Konflikten oder extremer Armut heimgesuchten Ländern) zeigt sich die Politik überfordert. Europa arbeitet nicht zusammen, sondern versinkt in Abschottung, Chaos und einer bedrohlichen Sankt-Florians-Mentalität. Auch die nationalen Regierungen wissen teils nicht so recht, was sie tun sollen. Sie warten ab oder aber reagieren inkonsistent und aufgeregt.

Um so wichtiger ist es, dass die Bevölkerung sich in dieser Frage engagiert. Einerseits gilt es, politischen Druck aufzubauen, von den Mächtigen ein vernünftiges ebenso wie menschliches Handeln zu fordern. Andererseits kann auch ganz konkret geholfen werden, können “Normalos” Flüchtlinge mit dem Nötigsten versorgen, ihnen die Orientierung erleichtern und ihnen hoffentlich zumindest ansatzweise das Gefühl geben, sicher und willkommen zu sein.

Diese Krise kann auch eine große Chance sein. Eine Chance, in den letzten Jahren eher vernachlässigte Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Eigeninitiative und Teamgeist wieder zu entdecken. Deutschland könnte ein wenig engagierter, ein wenig menschlicher werden – und ist, wie man mit Freude feststellen kann, derzeit auf dem besten Weg dahin. Daran können auch die “besorgten Bürger”, die geistigen Brandstifter und Facebook-Hassprediger, wenig ändern.

Das Internet kann ein Bewusstsein schaffen

Schon lange gibt es Medien, die uns darüber informieren, was in der Welt passiert, und uns, im besten Fall auch emotional ansprechen (natürlich sind Gefühle kein Ersatz für solide Fakten – aber Menschen, die von einem Vorgang auch emotional berührt werden, sind deutlich eher bereit, sich auch zu engagieren). Das Internet aber kann beides ungleich schneller bewerkstelligen und so eine zeitnahe Reaktion auf Krisen erlauben. Reine Informationen bewirken noch keinen gesellschaftlichen Wandel – aber fühlen sich die Menschen zudem emotional angesprochen, beginnen sie, mitzufühlen, dann ist der erste Schritt hin zum Handeln getan. Das zeigt das Bild des ertrunkenen syrischen Jungen Aylan Kurdi, das in Windeseile um die Welt ging, zum Symbol der Flüchtlingskrise wurde und für eine ganze Reihe von Menschen der Auslöser für ein Umdenken und auch für ein aktives Helfen wurde.

Zudem fallen im Internet auch Machtstrukturen bei der Berichterstattung weitgehend weg. Das macht es leichter, auch von den Mächtigen ungeliebte Inhalte zu verbreiten und so den oben angesprochenen politischen Druck aufzubauen. Wer wüsste das besser als Angela Merkel, die sich gegenüber dem geflüchteten, pakistanischen Mädchen Reem so ungeschickt verhielt, dass es zum eigenen Meme wurde und die Kanzlerin unter dem Hashtag #merkelstreichelt reichlich Hohn und Spott von der Netzgemeinde einstecken musste. Man möchte zumindest glauben, dass dies einen gewissen Einfluss darauf hatte, dass sich Merkel später durchaus lobenswerter verhielt. Immerhin ist Politikerinnen und Politikern die Meinung der Bevölkerung in aller Regel nicht gänzlich unwichtig – die nächste Wahl kommt bestimmt.

Werkzeug zur Vernetzung und Kooperation

Viele Menschen, die helfen wollen, wissen nicht so recht, wo sie anfangen sollen. Glücklicherweise kann vielen schon eine schnelle Google-Suche weiterhelfen – dafür sorgen eigens eingerichtete Websites wie “Wie kann ich helfen?”, das sogar mit einer praktischen Übersichtskarte von Hilfsprojekten in ganz Deutschland aufwartet. Natürlich können Menschen auch ohne Internet geeignete Hilfsprojekte finden. Geht es aber so schnell und einfach wie hier, fallen Hemmschwelle und Reibungsverluste weitgehend weg – ein begrüßenswerter Zustand, der dazu beiträgt, dass möglichst viele noch etwas unentschlossene Interessierte tatsächlich zu Helferinnen und Helfern werden.

Ähnlich ist es bei der Koordination der zahlreichen Freiwilligen. Viele Hilfsprojekte für Flüchtlinge wurden in den letzten Wochen von Unterstützungsangeboten und Spenden geradezu überrollt und stehen vor der herausfordernden Aufgabe, diese möglichst effektiv einzusetzen. Computer und das Internet sind gute Werkzeuge für die Koordination und Organisation aller Arten von Veranstaltungen und Projekten. Sie können auch hier helfen. Die meisten Helfenden – vom Chaos Computer Club bis zu lokalen Bürgerinitiativen – haben das bereits erkannt und entsprechende Systeme eingerichtet. Zu guter Letzt lassen sich im Internet auch ausgezeichnet Geldspenden sammeln – das zeigt derzeit unter anderem das prominente Beispiel von Google.

Auch zur Weiterbildung von Helfenden ist das Internet gut geeignet. Dazu zählen nicht nur die zahlreichen Artikel darüber, welche Besonderheiten im Umgang mit Flüchtlingen zu beachten sind (und in denen diese natürlich idealer Weise auch selbst zu Wort kommen), auch Übersetzungs-Hilfen im Netz, insbesondere für Arabisch, sind hilfreich.

Ein Werkzeug zum Guten

All diese Beispiele zeigen, was das Internet im besten Fall sein kann: ein Werkzeug, das das gesellschaftliche Zusammenleben, die gegenseitige Hilfe und das zivilgesellschaftliche Engagement nicht lähmt oder ersetzt, sondern sinnvoll ergänzt und vereinfacht. Ein Ort, an dem man nicht sinnlos seine Zeit vertrödelt und sich übereinander lustig macht, sondern an einem besseren Zusammenleben arbeitet. Eine Domäne nicht der Hassprediger, sondern derjenigen, die sich mehr Völkerverständigung wünschen und bereit sind, ihren Teil dafür zu tun.

Es liegt an uns, dass dieser Teil der (Netz-)Wirklichkeit derjenige ist, der zählt und an den man sich später erinnern wird.


Teaser & Image “Refugees” by Haeferl (CC BY-SA 3.0)


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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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