Staaten und Banden: Die schwierige Suche nach einer neuen Ordnung

Europa auf der Kippe, die USA in der Krise – wie kann eine neue Ordnung von Staaten in Zeiten des Krieges aussehen?

Um die Menschheit vor der Kriegsplage zu schützen… . Diese Einleitungsworte aus der Charta der Vereinigten Nationen schwirren mir seit letzter Woche durch den Kopf. Oft wird geglaubt, dass diese von einem britischen Feldmarshall namens Jan Smuts aus Südafrika verfasst wurden. Dies wurde von Richard Steyn in seiner neuen Biographie über den Mann, den viele Generationen von Afrikanern abschätzig “Slim Jannie” nennen, bestätigt. Ich habe sein Buch am Flughafen erstehen können und während des Fluges von Johannesburg nach Brasilien gelesen. Vieles handelt davon, wie Smuts, ein Kind aus Swartland am westlichen Kap, dabei geholfen hat, die Weltordnung nach dem Ersten und vor allem dem Zweiten Weltkrieg wieder herzustellen.

Steyns Buch war eine gute Vorbereitung auf mein Ankunftsziel: eine Konferenz, die als die “Neue Anordnung nach internationaler Ordnung: Werte, Prinzipien, Bündnisse und Ausrichtungen” bezeichnet wurde. Diese wurde von der brasilianischen Expertenkommission Pandiá und Wilton Park organisiert, einer Expertenkommission, die mit dem britischen Außenministeriums zusammenarbeitet. Der Hintergrund für das Treffen, das in einem im spektakulären, im polynesischen Stil gehaltenen Resort in Mangaratiba etwa eine Stunde von Süd Rio de Janeiro abgehalten wurde, war es, Wege zu finden, um die regelbasierende internationale Ordnung zu festigen.

Wenn sich allerdings komplexere Gedanken in meinen Kopf einschlichen, während ich Steyn las, dann war es die Landung in Sāo Paulo, die mich dazu brachte, den aktuellen Druck bezüglich der Weltordnung direkt entgegenzusehen. Während ich mich vorn bei den Economy-Class-Reisenden anstellte, erwischte ich mich dabei, wie ich den französischen Außenminister Laurent Fabius anstarrte, der sich in der Schlange für die Business-Class befand. Er war wohl auf der Durchreise, wurde mir später von einer verlässlichen Quelle erzählt, die ihn innerhalb weniger Tage nach Südafrika, Brasilien und Indien brachte. Die gleich Quelle machte klar, dass er im Auftrag der Klimaschutzkonferenz in Paris war.

Das mag so sein, aber es schien unwahrscheinlich, dass er während der Besuche bei den drei “aufstrebenden Mächten” Indien, Brasilien, Südafrika (auch bekannt unter dem Kürzel IBSA) nicht über die Ereignisse in Paris sprechen würde. Vor allem, weil es die Absicht seines Präsidenten ist, ein globales Bündnis gegen die Daesh (gebräuchlichere Form für ISIS) aufzustellen: die Wanhabi/Salafi Militantengruppe, die ein Kalifat in Teilen des Iraks und Syriens ausgerufen hat. Diese behauptet, für die 124 Toten in Frankreichs Hauptstadt verantwortlich zu sein.

Wie nicht anders zu erwarten, erlangten die Ereignisse im Nahen Osten, oder West-Asien, wie es von manchen genannt wird, die Aufmerksamkeit der Konferenz weit mehr als die Frage, wie die Weltordnung von Smuts und anderen bei dem Treffen in San Francisco gesichert wurde, die die Vereinten Nationen 1945 besiegelten.

“Staaten und Banden” handelt, wie ein informatives und gut unterrichtetes Eröffnungsreferat bei der Konferenz darstellt, von der momentanen internationalen Position. Die Suche nach einer internationalen Weltordnung ist schwierig, manche sagen sogar, sie sei unmöglich, da die Beschäftigung mit Banden statt mit souveränen Staaten die tägliche Diplomatie vor allem in multilateraler Form erodiert.

Diese Behauptung führt zur Überlegung einer Analyse des “liberalen Internationalismus” – die Idee, dass eine vernünftige, wenn auch nicht unbedingt rationale Verständigungen zwischen Staaten möglich sind, wenn jeder die Regeln einhält. Diese wurden von der UN vor gut 70 Jahren niedergeschrieben und von einigen friedensstiftenden Einsätzen in den letzten zwanzig Jahren durchgesetzt.

Auch war dies die Ursache der aktuellen Spannung: das Verständnis, dass die Vereinigten Staaten die Ersten unter den liberalen Gleichberechtigten waren – eine einseitige Macht, die die Regeln durchsetzte. Und später von den Kriegen der beiden Bushs und durch Blair zerstört wurden. Man schlussfolgerte, dass es leicht sei, einen Krieg zu beginnen, aber schwer, sogar oft unmöglich, ihn wieder zu beenden. Das Problem: Daesh ist ein Teil dessen.

Kein Wunder, dass es scheinbar unmöglich für Staaten ist, sich selbst Sicherheit zu gewährleisten, aber andere alleinzulassen. Wie ich befürchtet habe, öffnete dies den Hardlinern und Chauvinisten Tür und Tor. Das Vokabular der internationalen Verbindungen nennt sie “Realisten”, die sich auf ein altes und gefährliches Prinzip berufen: Macht ist immer (und vielleicht für immer) im Recht.

Das Resultat war kein Gespräch über “Staaten und Banden”, sondern über “Staaten als Banden” – ein Austausch, der sich erwartbar in das Skript des Kalten Krieges mit dem Motto “Der Westen gegen den Rest” verwandelt. Wie gewöhnlich waren die Behauptungen beider Seiten nicht sehr ergiebig – das meiste war ein reiner Floskelaustausch. Am zweiten Tag, nachdem bekannt geworden war, dass die Türkei ein russisches Flugzeug abgeschossen hatte, das sich vermeintlich im türkischen Luftraum befand, stieg die Kampfeslust weiter an.

Ich fühle mich etwas niedergeschlagen wegen des bissigen Tonfalls einer Zeitung, und so ging ich für einen kurzen Spaziergang aus dem Haus. Meine Laune besserte sich erst, als ich ein paar Kindern beim Spielen sah. Bevor ich das Haus verliess, hörte ich einen Kommentar eines brasilianischen Wissenschaftlers. Er fragte sich, ob die liberale Ordnung oder der Realismus wenigstens ein bisschen Hoffnung für die Menschheit übriglassen würde. Seine Überlegungen gingen zu internationalen Normen, Werten und Prinzipien über. Er warf die Frage auf, wie bewusst den Menschen diese Themen seien. In einer weitestgehend ungerechten Welt, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht, man mit Hilfe von Racial Profiling viel zu oft zwischen Krieg und Frieden abwägen muss, in der die Mehrheit der Menschen eine echte Chance auf Glück und Selbsterfüllung verwehrt bleibt, können diese Themen unter diesen Bedingungen von allen Menschen vertreten werden?

Beschäftigen wir uns also mit dem Krieg. Oder, wie mein Neffe es formulierte, als ich ihm erzählte, warum ich in Brasilien bin: “den Dritten Weltkrieg”. In der Tat spricht man mittlerweile von Krieg – und diese Unterhaltungen gehen leider weit über die Victory-Geste, die oft von kleinkriminellen Bandenmitgliedern genutzt wird, hinaus. Dies zu vermeiden wird nicht leicht, aber, wie Smuts alter und kriegserfahrener Kamerad Winston Churchill zu sagen pflegte: Reden ist immernoch besser als Krieg.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “G7 Summit 2015” by blu-news.org (CC BY-SA 2.0)


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Peter Vale

Peter Vale

ist Professor für Humanwissenschaften an der Universität Johannesburg und Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Nanyang in Singapur.

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