Künstliche Intelligenz lässt die Kassen aufatmen

Der britische National Health Service (NHS) hat kürzlich Pläne bekannt gegeben, eine mobile Gesundheits-App, die mit künstlicher Intelligenz arbeitet, mithilfe einer Million Londoner zu testen. Das Ziel dabei ist, Diagnose und Behandlung von Patienten zu erleichtern, in dem diese an einer Echtzeit-Text-Konversation teilnehmen, die den NHS-Telefonservice (der von dem Aufpasserdienst Care Quality Commission kritisiert worden ist) komplettieren wird. App-Entwickler Babylon Healthcare Ltd verwendet Algorithmen, um erste Diagnosen zu erstellen, die dann mit menschlicher Beratung ergänzt werden. Die App hat bereits eine herausragende CQC-Bewertung erhalten.

Die App wird wahrscheinlich für gemischte Reaktionen sorgen, bei denen begeisterte Technikliebhaber denjenigen gegenüber stehen, die der Meinung sind, mehr Technologie bedeute eine reduzierte Gesundheitsversorgung durch Menschen. Doch während dem NHS nachgesagt wird, an einer humanitären Krise zu leiden und dass eine wachsende Gesundheitsversorgung die Ressourcen belastet und an ihre Grenzen bringt, müssen intelligente Lösungen gefunden werden. Es lässt sich kaum bestreiten, dass die Probleme einer begrenzten Finanzierung dauerhaft zu diesem einzigartigen öffentlichen Service dazugehören. Vielleicht ist die Künstliche Intelligenz eine Antwort darauf.

Tatsächlich besteht effektive Gesundheitsvorsorge immer aus einer Kombination von systematisierter technologischer Effizienz und menschlicher Pflege, die sich auf den Patienten konzentriert. Gespaltene Anschauungen über Technologie helfen oft nicht weiter. Es ist zudem notwendig, zu erkennen, wie dieser Umgang mit Gesundheitsvorsorge Teil einer großen technischen Revolution ist, in der zahlreiche Objekte im Internet der Dinge verknüpft werden, die alles, angefangen vom Gesundheitswesen bis hin zum Verkehrswesen, verändern werden.

Die Bedienung der NHS-App ist wirklich einfach und wurde mit der Nutzung des Kurznachrichtendienstes WhatsApp verglichen – jedoch mit einem gravierenden Unterschied: Man chattet mit einem Computer, nicht mit einer Person. Sobald die App heruntergeladen ist, gibt man seine grundlegenden Gesundheitsinformationen ein und beginnt anschließend, seine Symptome zu erklären. Der Roboter, der „antwortet“, wird in etwa folgende Dinge sagen „Ich brauche etwas mehr Details von Ihnen, bevor wir beginnen“ oder „fast geschafft“, um das Gespräch aufrecht zu erhalten. Nach einem ausführlichen Austausch könnte folgendes Ergebnis dabei herauskommen:

„Okay, Ihre Symptome scheinen nicht für einen Notfall zu sprechen, aber ich denke, Sie sollten weitere Untersuchungen in Anspruch nehmen. Stellen Sie sicher, dass Sie innerhalb der nächsten zwei Wochen einen Arzt konsultieren werden. Tun Sie das nicht, können sich die von Ihnen beschriebenen Symptome verschlimmern. Also vereinbaren Sie jetzt einen Termin und ich werde Sie demnächst daran erinnern. Sollte sich die Situation in der Zwischenzeit ändern und Sie fühlen sich schlechter, sprechen Sie so schnell wie möglich mit einem Arzt.“

Dieser digitale Diagnose-Dienst verfolgt das Ziel, ein zusätzliches Kommunikationsinstrument zwischen dem NHS und dem Patienten zu schaffen. Er ist Teil eines größeren, digitalen Öko-Gesundheitssystems, das Online-Gesundheits-Tracking beinhaltet. Zudem nutzt die App den Vorteil, dass einige Leute heutzutage lieber per Textnachrichten chatten, als am Telefon miteinander zu sprechen.

Dieses digitale Phänomen wird von dem Versprechen angetrieben, soziale Probleme mittels breiter technologischer Entwicklungen zu lösen. Anwendungen im Gesundheitswesen könnten für die Gesellschaft einen großen Gewinn bedeuten, während die Funktionalität der App durch die Ansammlung von großen Datenmengen verbessert wird. Die Tech-Firma Babylon ist mit anderen großen Firmen verbunden, die daran arbeiten, ähnliche Services zu entwickeln wie Deep Mind von Google. Der Service will Daten der NHS-Diagnosen beispielsweise dafür nutzen, bestimmte Diagnosen früher stellen zu können oder für eine effektivere Überwachung der Behandlung sorgen.

Auf der Consumer Technology Association (CES), der weltweit größten Tech-Messe in Las Vegas Anfang 2017 gehörten KI-Home-Systeme zu den angesagten Hits. Vielleicht hat der NHS also eine intelligente Lösung zur richtigen Zeit entwickelt. Die Menschen sind derzeit eher bereit, eine „Beziehung“ zu einer aufmerksamen Maschine aufzubauen als zu einem Mitarbeiter im Call Center.

Digitale Ärzte

Diese Entwicklungen werden durch die Annahme vorangetrieben, dass diese Formen der Kommunikation innerhalb einer digitalen Wissensökonomie neutralere und genauere Antworten liefern, während sie menschliche Fehler umgehen. Allerdings räumen Wissenschaftler ein, dass innerhalb des entstehenden Forschungsgebiets kritischer Gesundheitsstudien Algorithmen als Teil eines komplexen Netzwerks von Zusammenhängen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren gesehen werden müssen. Vor Kurzem verglich eine Studie die diagnostische Genauigkeit eines Arztes mit der eines Computers und kam zu dem Ergebnis, dass der Mediziner die Algorithmen „um Längen“ übertraf.

Daher sollten wir einige wichtige Fragen zur Einbindung künstlicher Intelligenz in das Gesundheitswesen stellen. Wie sinnvoll kann eine Liste möglicher Diagnosen für Menschen sein, die sie von einer Maschine erhalten? Werden die Menschen diese Ratschläge befolgen oder darauf vertrauen? Wie detailliert wird die KI auf menschliche Unterschiede eingehen und Faktoren wie die lokalen Umstände, Leistungsstärke oder den kulturellen Hintergrund miteinbeziehen? Einen weiteren wichtigen Aspekt stellt die Berücksichtigung der Hintergründe der Nutzer dar. Angesichts der fortdauernden Bedenken über Ungleichheit bezüglich des digitalen Zugangs und der digitalen Kompetenz müssen Versuche für die Zukunft digitaler Gesundheitstechnologien in den Bevölkerungsgruppen durchgeführt werden, die über begrenzte Ressourcen, Erfahrungen und technologische Infrastruktur verfügen.

Möglicherweise befasst sich die größte Frage in einer Welt, in der wir immer mehr von unseren Daten in einem mobile Anwendungsumgebung eingeschlossen werden, mit dem Eigentum und der Privatsphäre unserer Daten. Wie können wir sicherstellen, dass wir die Möglichkeit haben, unsere Gesundheitsdaten im Laufe der Zeit selbstständig zu verschieben und wie wird deren Sicherheit garantiert? Vielleicht brauchen wir eine neue Gesetzesvorlage für Gesundheitsdaten, um die Ausnutzung zu unterbinden und einzugrenzen. Dann muss diese Arbeit jetzt beginnen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Computer“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Andy Miah

Andy Miah

ist Dozent für Wissenschaftskommunikation und Zukunftsmedien an der School of Environment and Life Sciences an der Universität Salford in Manchester.

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Emma Rich

Emma Rich

hat das Referat für Gesundheit an der Universität Bath inne. Ihr Forschungsfeld umfasst Themen in den Bewegungs- und Kulturwissenschaften.

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