Inokulationstheorie: Fehlinformationen benutzen, um Fehlinformationen zu bekämpfen

Als Psychologe, der zum Themenbereich der Fehlinformation forscht, konzentriere ich mich darauf, den Einfluss dieser zu verringern. Im Wesentlichen ist es mein Ziel, meinen eigenen Job irgendwann abzuschaffen. Die neuesten Entwicklungen zeigen, dass ich damit wohl keine gute Arbeit geleistet habe. Fehlinformation, falsche Nachrichten und „alternative Fakten“ sind beliebter denn je. Das Oxford Dictionary benannte „post-truth“ (dt.: „postfaktisch“) als das Wort des Jahres 2016. Wissenschaft und wissenschaftliche Beweise werden gerade massiv attackiert.

Glücklicherweise hat die Wissenschaft einen Weg gefunden, sich selbst zu schützen. Dieser stammt von einem Zweig der psychologischen Forschung, die als Inokulationstheorie bekannt ist. Diese Logik ist abgeleitet von der Impfungen: Eine kleine Dosis von etwas Schlechtem hilft, eine ausgewachsene Krankheit zu verhindern. In meine kürzlich veröffentlichten Forschungsbericht habe ich versucht, Leute einer schwachen Form der Fehlinformation auszusetzen, um sie auf den echten Fall vorzubereiten – die Resultate waren vielversprechend.

Zwei Möglichkeiten, bei denen Fehlinformation schaden kann

Fehlinformation wird schnell generiert und verbreitet. Eine aktuelle Studie, die Argumente gegen Klimawissenschaft mit Argumenten bezüglich Richtlinien gegen Klima-Maßnahmen vergleicht, fand heraus, dass die Verweigerung der wissenschaftlichen Untersuchungen relativ ansteigt. Aktuelle Forschung indiziert, dass diese Art der Anstrengung einen Einfluss auf die Wahrnehmung und auch auf die wissenschaftliche Kompetenz der Menschen hat.

Eine aktuelle Studie, die der Psychologe Sander van der Linden leitete, hat ergeben, dass Fehlinformationen zur Klimawissenschaft einen wesentlichen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung haben. Die Fehlinformation, die genutzt wurde, ist der am meisten geteilte Klimaartikel des Jahres 2016. Es handelt sich um eine Petition über globale Erwärmung und der Grundthese, dass die Menschen das Klima nicht zerstören, die von 31.000 Leuten mit einem Abschluss in Bachelor of Science oder höher unterstützt wurde. Dieser eine Artikel verringerte die Wahrnehmung der Leute zum wissenschaftlichen Konsens. Dabei akzeptieren die meisten Menschen einen gewissen wissenschaftlichen Konsens. Dieser Zugang ist bei Wissenschaftlern bekannt als „Zugangsglaube“, der die Einstellung zum Klimawandel und der Unterstützung der Aktionen gegen Klimazerstörung stützt.

Zum selben Zeitpunkt, als van der Linden seine Forschung in den USA durchgeführt hat, war ich in Australien mit der Ausführung meiner eigenen Forschung betreffend des Einflusses von Fehlinformationen beschäftigt. Per Zufall habe ich denselben Mythos benutzt und den gleichen Text des Petitionsprojektes genommen. Nachdem ich die Fehlinformation aufgezeigt hatte, habe ich die Leute gebeten, den wissenschaftlichen Konsens der von Menschen verursachten globalen Erwärmung einzuschätzen. Ziel war es, den Effekt zu messen. Ich fand vergleichbare Resultate, dass Fehlinformation die Wahrnehmung der Leute betreffend des wissenschaftlichen Konsens‘ verringert. Weiterhin fand ich heraus, dass Fehlinformation manche Menschen mehr betraf. Je konservativer eine Person war, desto größer der Einfluss der Fehlinformation.

Dies passte gut mit den anderen Forschungsergebnissen zusammen, die herausstellten, dass Menschen Nachrichten gemäß ihren bereits existierenden Überzeugungen interpretieren – völlig egal, ob es nun Informationen oder Fehlinformationen waren. Wenn wir etwas sehen, das wir mögen, ist es wahrscheinlicher, zu denken, dass es wahr ist und es unsere Überzeugungen stärkt. Wenn wir stattdessen Informationen dazu finden, die im Konflikt zu unseren Überzeugungen stehen, ist es wahrscheinlicher, dass wir die Quelle diskreditieren.

Allerdings geht das noch tiefer. Jenseits der fehleraften Information, mit denen der Mensch zu tun hat, besitzt die Fehlinformation einen noch hinterlistigeren und gefährlicheren Einfluss. In der Studie von van der Linden stellte sich heraus, dass die Menschen ihre Meinung nicht änderten, wenn sie sowohl mit den Fakten als auch den Fehlinformationen konfrontiert wurden. Die zwei gegensätzlichen Informationen heben sich also gegenseitig auf.

Fakten und „alternative Fakten“ sind wie Materie und Antimaterie. Wenn diese aufeinandertreffen, gibt es eine Hitzeexplosion, auf die dann nichts mehr folgt. So kann auf subtile Weise gezeigt werden, wie Fehlinformationen Schaden anrichten. Sie geben nicht nur die falschen Informationen preis, sondern hindern die Menschen daran, an Fakten zu glauben. Oder, wie Garry Kasporov es eloquent ausdrückte: Fehlinformationen „vernichten die Wahrheit“.

Die wissenschaftliche Antwort auf Klimaverweigerung

Der Angriff auf die Wissenschaft ist beeindruckend und, wie die Forschung indiziert, ebenso imstande, deutlich zu effektiv zu sein. Passenderweise besitzt die Wissenschaft die Antwort auf Klimaverweigerung. Die Inokulationstheorie bedient sich des Konzeptes des Impfens, bei dem wir einer schwachen Form eines Virus ausgesetzt sind, um gegenüber dem echten Virus eine Immunität aufzubauen. Dies wird auf unser Wissen angewandt.Ein halbes Jahrhundert der Forschung hat nun ergeben, dass wir, wenn wir einer „schwachen Form der Fehlinformation“ ausgesetzt sind, eine Abwehr aufbauen, sodass wir nicht von echter Information beeinflusst werden.

Der sogenannte „Impf-Text“ beinhaltet zwei Elemente. Zuerst enthält er eine explizite Warnung über die Gefahr, von Fehlinformation fehlgeleitet zu werden. Zweitens muss man zusätzlich Gegenargumente bieten, um die Fehler der Fehlinformation aufzuzeigen. Bei der Herangehensweise von van der Linden zeigt er, dass viele Unterzeichner eine gefälschte Identität besaßen (beispielsweise war (beispielsweise war fälschlicherweise eines der Spice Girls auf der Unterschriftenliste aufgeführt), so dass 31.000 Beteiligte nur ein winziger Teil (weniger als 0,3 Prozent) aller US-Wissenschaftsabsolventen seit 1970 darstellen, und dass insgesamt weniger als ein Prozent der Unterzeichner eine Expertise in der Klimawissenschaft aufweisen konnten.

In meinen neulich veröffentlichen Untersuchungen testete ich die Impf-These mit einem anderen Ansatz. Während ich Patienten gegen das Petitionsprojekt geimpft habe, habe ich es überhaupt nicht angesprochen. Stattdessen sprach ich mit ihnen über die Fehlinformationstechnik der Nutzung von „falschen Experten“ – Leute, die gegenüber der Masse den Eindruck erwecken, dass sie Erfahrung besitzen, wobei dies jedoch nicht der Fall ist.

Ich fand heraus, dass die Erklärung der Fehlinformationstechnik den Einfluss der Fehlinformation ohne die spezifische Nennung der Fehlinformation komplett gegeneinaner aufhob. Nachdem ich beispielsweise erklärte, wie falsche Experten in der Vergangenheit für frühere Fehlinformationsprojekte benutzt wurden, waren die Teilnehmer nicht überzeugt, wenn sie von falschen Experten des Petitionsprojektes konfrontiert wurden. Weiterhin wurde die Fehlinformation über das politische Spektrum hinweg neutralisiert. Ob man nun also konservativ oder liberal ist, ist egal – niemand will von irreführenden Techniken getäuscht werden.

Die Inokulation zur Anwendung bringen.

Die Inokulation ist eine mächtige und vielseitige Form der wissenschaftlichen Kommunikation, die unterschiedlich genutzt werden kann. Mein Ansatz war es, meine Erkenntnissse zur Inokulation mit der kognitiven Psychologie der Widerlegung zusammenzutun, um einen Trugschluss aus Fakten und Mythen zu schaffen.

Diese Strategie beinhaltet die Erklärung der Fakten, gefolgt von der Einführung eines Mythos, der in Verbindung zu diesen Fakten steht. An diesem Punkt werden den Menschen zwei gegenseitige Informationen präsentiert. Der Konflikt wird damit in Einklang gebracht, dass erklärt wird, wie die Technik funktioniert, die einen Mythos benutzt, um den Fakt zu verzerren.

Wir haben den Ansatz in größerem Umfang in einem kostenfreien Onlinekurs über Fehlinformation zum Klima benutzt, um die Klimaverweigerung zu erklären. Jede Vorlesung nahm die Struktur einees Trugschlusses aus Fakten und Mythen an. Wir begannen damit, eine Tatsache zum Klima zu erklären und führten dann einen verwandten Mythos ein, daraufhin folgte eine Erklärung des Trugschlusses, auf dem die Annahme basierte. Auf diesem Weg bereiteten wir unsere Studenten gegen die 50 häufigsten Klimamythen vor, während wir zugleich die Grundlagen der Klimaveränderung erklärten.

Wir wissen beispielsweise, dass wir Menschen die globale Erwärmung verursachen, weil wir in der Klimaveränderung viele Muster beobachten, die typisch für Treibhauseffekte sind. Anders ausgedrückt kann der menschliche Faktor beim Klima beobachtet werden. Jedoch besagt einer der Mythen, dass das Klima sich in der Vergangenheit auf natürliche Weise verändert hat, bevor es die Menschen gab; deswegen muss das, was nun passiert, auch natürlich sein. Dieser Mythos geht dem Irrtum nach, dass man in vielen Fällen (unlogische) Schlüsse zieht, in denen die Prämisse nicht zur Schlussfolgerung führt. Es ist, als ob man eine Leiche mit einem Messer im Rücken findet und argumentiert, dass Menschen bereits zuvor an natürlichen Effekten in der Vergangenheit gestorben sind, also muss dieser Tot ebenso von natürlichen Ursachen herbeigeführt worden sein.

Die Wissenschaft hat uns darüber aufgeklärt, dass die Antwort auf die Klimaverweigerung der Menschen nicht sein kann, diese Menschen mit Wissen zu bombardieren. Die Fehlinformationen stellen eine Realität dar, deren Ignoranz wir uns nicht leisten können – wir können die Verleugnung der Wissenschaft nicht verleugnen. Wir sollten es stattdessen als eine Möglichkeit der Bildung betrachten. Fehleinschätzungen im Klassenzimmer znzusprechen, ist eines der mächtigsten Werkzeuge, um Wissenschaft zu lehren. Es stellt sich heraus, dass der Schlüssel zur Beendigung der Wissenschaftsverleugnung darin liegt, die Leute nur ein bisschen der Wissenschaftsverleugnung auszusetzen.


Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Image (adapted)„Tablet“ by Kaboompics-Karolina (CC0 Public Domain)


The Conversation

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John Cook

John Cook

ist Professor an der George Mason Universität und erforscht den Umgang der Medien mit dem Klimawandel. Er promovierte an der Universität „Western Australia“ im Fachbereich der kognitiven Psychologie. Zusätzlich gründete er die „Sceptical science, welche 2011 den Australian Museum Eureka Prize gewann.

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