In Facebook steht, wie es den Kindern geht

Katrin Viertel von medienlotse.com beantwortet Fragen rund ums Thema Erziehung und digitale Medien. Heute geht es um Facebook für Teenager: Dürfen ratlose Eltern die Profile ihrer Kinder ausspionieren?

Wie es meiner Tochter (15) wirklich geht, erfahre ich eigentlich nur noch über Facebook, wo sie, glaube ich, vergessen hat, mich von ihrer Freundesliste zu streichen. Natürlich poste ich nie etwas. Ich schleiche hinein, schaue mich um und schleiche wieder hinaus. Mein Gewissen lässt mir allerdings keine Ruhe: Ist das schon Stalken oder ist es als Notlösung für eine gewisse Zeit vertretbar?

Wenn Sie tatsächlich ohne das Einverständnis Ihrer Tochter deren Facebook-Existenz stalken, ist das ganz klar ein Vertrauensbruch. Allein der Begriff des Stalkens beinhaltet, dass die derart Verfolgten dabei Schaden nehmen.

Aber stalken Sie wirklich? Es geht hier nicht um Haarspalterei bei der Wortwahl, aber ist das, was Sie tun, auch nur ungefähr ein „obsessives und unnormal langes Muster von Bedrohung durch Belästigung“ zulasten Ihrer Tochter? Wahrscheinlich beobachten Sie, was Ihre Tochter postet, verfolgen ihren Beziehungsstatus, ihre Unternehmungen und die Veränderungen auf ihrer Freundesliste. Wenn Sie dies heimlich tun, ist das zwar ein Vertrauensbruch, aber Stalken ist es nicht.

Ihre Frage zielt aber wohl auf etwas anderes: Sie sind mit Ihrer Tochter nur noch auf Facebook „befreundet“, aber im echten Leben ist kein Gespräch darüber möglich, wie es ihrer Tochter geht. Von „Freundschaft“ kann da also keine Rede sein. Wahrscheinlich sind sie seit den ersten Tagen Ihrer Tochter im Netzwerk auf dieser Liste. Vielleicht wollten Sie ihr zu Beginn ein wenig über die Schulter schauen und ihr helfen, ihr Profil benutzen zu lernen? Wenn Ihre 15-jährige Tochter das Netzwerk schon eine Weile nutzt, um Kontakte zu pflegen und ihre Stimmung zu kommunizieren, kann man davon ausgehen, dass sie inzwischen ganz gut Bescheid weiß über die verschiedenen Funktionen. Sicher durchschaut sie, welche Personen welche Informationen ihres Profils einsehen können.

Worauf ich hinaus will: Vielleicht hat ihre Tochter gar nicht vergessen, Sie von der Freundesliste zu streichen. Vielleicht stehen sie darauf, damit sie ab und zu mitbekommen können, wie es ihr geht – allerdings zu Bedingungen, die Ihre Tochter bestimmt.

Hier ist der medienpädagogische Hinweis nicht genug. Denn ob Sie aus Versehen oder absichtlich noch auf der Liste derer stehen, die sehen dürfen, was sie bewegt, weiß nur Ihre Tochter. Sprechen Sie mit ihr darüber und machen Sie ihr klar, dass es Sie wirklich interessiert, wie es ihr geht. Von Heimlichkeiten rate ich grundsätzlich ab. Auch Ihre Tochter scheint ja den Kontakt zu Ihnen halten zu wollen – sonst wären Sie längst definitiv „draußen“. Mit 15 fällt das Reden mit den Eltern zuweilen schwer – vielleicht ist dieses „Reden ohne Reden“ ein zeitweiliger Kompromiss für Sie beide, bis Sie wieder live miteinander sprechen können.

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Katrin Viertel

Katrin Viertel

ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, arbeitete viele Jahre als Journalistin für gedruckte und Online-Medien sowie für das Fernsehen, hauptsächlich zu Medienthemen, bis sie ihre neue Berufung fand. Seitdem berät und informiert sie als Medienlotse.com (http://www.medienlotse.com) Eltern, die sich fragen: Was machen unsere Kinder mit digitalen Medien? Und wie sollen wir damit umgehen?

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