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„Ich habe die TV-Zukunft gesehen, und sie heißt Netflix“

Der Streaming-Dienst Netflix wird Kabelsendern künftig das Leben schwer machen. Wie schwer, erklärt unser Autor Jakob Steinschaden. // von Jakob Steinschaden

LifestylePopcorn

Auf einer Reise nach Amsterdam habe ich eine der spannendstens Bekanntschaften der letzten Jahre gemacht. Nein, keine weichen Drogen und leichten Mädchen, sondern den TV-Streaming-Dienst Netflix. Denn der US-Service ist seit kurzem in den Niederlanden verfügbar, was mir erlaubte, unkompliziert ein Konto anzulegen und mich gleich mal in die von Netflix produzierte Serie “Orange Is The New Black” zu verschauen. Aber mal ganz von vorne: Nach etwa drei Wochen Nutzung bin ich der festen Überzeugung, die Zukunft des TVs gesehen zu haben.

“All you can watch” lautet das Motto von Netflix und verspricht dem Nutzer ein reichhaltiges Online-Buffet an Filmen uns Serien, die man sich zum Pauschalpreis zu Hause auf seine Bildschirme streamen kann. 7,99 Euro kostet die Mitgliedschaft pro Monat, dann darf man Netflix-Inhalte gleichzeitig auf zwei Bildschirme seiner Wahl streamen (für 11,99 Euro pro Monat sind 4 Geräte parallel nutzbar, quasi das Familienpaket). Netflix funktioniert auf der Webseite und ist als App für Smartphones und Tablets erhältlich. Besonderen Spaß macht das Ganze, wenn man sich Netflix auf den Flat-TV holt (ich mache das mit MacBook, Apple TV und Bildschirm-Synchronisation) – und schon hat man das Gefühl, dass man Kabelfernsehen nicht mehr braucht.

Denn: Netflix ist “on demand” in Reinkultur. In dem reichhaltigen Katalog (zu den Lücken etwas später) findet sich eigentlich immer etwas, das man sich gerne anschauen möchte. Besonders zeitfressend sind die Serien (z.B. “Breaking Bad”, “Futurama”, “Battlestar Galactica”, “Mad Men”), die es in dem Portal gibt und deren Folgen fast nahtlos ineinander übergehen und zum Weiterschauen einladen. Da Netflix ausschließlich durch Nutzergebühren finanziert wird, gibt es auch keine störende Unterbrecherwerbung, und pausieren und zurückspulen kann man natürlich auf jederzeit, wenn man mal aufs Klo muss oder abgelenkt wurde. Damit die Nutzer möglichst viel Zeit mit Netflix verbringen, schlägt eine mitlernende Software ständig neue Filme oder Serien vor, die zum bisher gesehenen bzw. zu den eigenen Präferenzen passen – das hilft dabei, die Bibliothek nach Neuem zu durchforsten. Der Algorithmus wurde übrigens von der österreichischen Firma Commendo verfeinert, die 2009 den Netflix Prize (Preisgeld: eine Million US-Dollar) gewonnen hat, weil sie die Genauigkeit der Empfehlungsformel um 10,06 Prozent verbessern konnte.

Perfekt ist die Netflix-Welt natürlich noch nicht: Die Streams sind manchmal ziemlich pixelig und weit von HD entfernt, der Algorithmus schlägt manchmal abstruse Filme vor (nein, “Captain America” gehört nicht zu meinen Lieblingsstreifen), und der Katalog weist ziemlich große Lücken auf. “Herr der Ringe”? “James Bond”? “Fight Club”? “Star Wars”? “Casablanca”? “Der englische Patient”? “Der dritte Mann”? Fehlanzeige. Auch bei “Breaking Bad” fehlen die aktuellsten Folgen, und an Serien-Hits wie “Game Of Thrones” oder “True Blood” gelangt man bei Netflix ebenfalls nicht. Zum Ausgleich gibt es aber von Netfix selbst produzierte, hervorragende Serien exklusiv – und zwar “House Of Cards” (mit Kevin Spacey, Emmy-Gewinner), “Orange Is The New Black”, “Arrested Development” oder “Hemlock Grove”, die man sonst nirgends zu sehen bekommt.

In Deutschland und Österreich ist Netflix noch nicht offiziell verfügbar, kann aber mit Tricks (eine Anleitung gibt es hier) trotzdem relativ einfach aufs eigene Display geholt werden (Nachteil: Sämtliche Inhalte sind auf Englisch). Als Alternative hat der Medienkonzern Pro7Sat.1 Media Das Video-On-Demand-Portal Maxdome in Deutschland (7,99 Euro/Monat) und Österreich (14,99 Euro/Monat) an den Start gebracht, das aber vor allem deswegen negativ auffällt, weil man für viele neue Inhalte extra zahlen muss (Miete bzw. Download). Mit aktuellen Inhalten hat aber auch Netflix, trotz angenehmer Flatrate, ein Problem. Zwar ist man in den USA laut Studie von PricewaterhouseCooper bereits größter Konkurrent zum Kabel-TV – andere On-Demand-Angebote wie Hulu oder HBO Go rangieren weit hinter Netflix – doch im Kabelfernsehen gibt es die Neuheiten (allen voran das “Breaking Bad”-Finale) immer noch zuerst zu sehen.

Für Netflix gibt es einmal abgesehen von der Expansion in den deutschsprachigen Raum (hier gestalten sich die Lizenzverhandlungen zu den deutschen Inhalten offenbar kompliziert) noch viel zu tun, was aktuellen Content angeht. Der Zukunftsausblick des Unternehmens für Investoren liest sich deswegen spannend: Internet-TV werde lineares TV ersetzen, Apps würden TV-Kanäle ablösen (z.B. BBC iPlayer, HBO Go), und die Nutzerschaft würde von den heute 37 Millionen Abonnenten auf Milliarden anwachsen. Pro Jahr gibt Netflix 450 Mio. Dollar für Marketingmaßnahmen aus, die mehr User zu dem Service bringen sollen, 350 Mio. Dollar/Jahr werden in die Verbesserung der eigenen Apps gesteckt, und ganze 2 Mrd. Dollar/Jahr werden in die Lizensierung von neuem Content gesteckt. Worum die Firma allerdings (noch) einen weiten Bogen macht, sind herkömmliche TV-Inhalte wie News, Wetterberichte, Musikvideos oder Sportübertragungen – das überlässt man den TV-Stationen. Und eines stellt man auch gleich klar: “We don’t and can’t compete on breadth with Comcast, Sky, Amazon, Apple, Microsoft, Sony, or Google. For us to be hugely successful we have to be a focused passion brand. Starbucks, not 7-Eleven.

Mit dem Weglassen von Nachrichtensendungen, Wetter-News oder Sport-Übertragungen fühlt sich Netflix zuerst nicht an wie ein TV-Ersatz. Doch wer einmal Kunde wird, wird sehen, dass er nur mehr wenig Zeit mit dem Zappen durch lineare TV-Kanäle verschwendet, sondern sich dauernd seinen bevorzugten Content auf das gerade passende Display streamt. Herkömmliches Fernsehen macht nur mehr Sinn, wenn man Live-Übertragungen etwa zu Wahlergebnissen, Fußballspielen oder Großereignissen sehen will – doch auch diese Inhalte wandern zunehmend ins Netz, und es spricht nichts dagegen, dass Netflix (oder ähnliche Plattformen) zusätzlich zu ihren Filmbibliotheken auch Live-Streams anbieten. Wenn sie auch das ins Programm aufnehmen, dann ist das klassische Kabel-TV-Abo mit dutzenden Sendern, die man eh nie anschaut, obsolet geworden.


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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