Ich bin Paul Bowles. Und Sie?

1993 reist ein Literaturstudent auf den Spuren des amerikanischen Schriftstellers durch Marokko. Plötzlich steht er seinem Idol gegenüber.

Als ich im Herbst vor 17 Jahren mit dem Auto nach Spanien aufbrach, wollte ich zunächst vor allem eines: Fahren, unterwegs sein. Ich war ein junger Literaturstudent und meine Helden hießen Jack Kerouac, William S. Burroughs, Tennessee Williams und Paul Bowles; ihre Geschichten waren die junger, unabhängiger Männer, die sich reisend selbst verwirklichten. Auch sie waren irgendwann durch Europa, dann durch Nordafrika gefahren. Ich wollte sehen, was sie gesehen hatten.

In den Kinos lief gerade Bertoluccis Verfilmung von Bowles‘ „Himmel über der Wüste“ und genau da wollte ich hin, in die Wüste, nach Marokko. Im Kofferraum hatte ich Zelt und Schlafsack, Spaten und große Wasserflaschen…

Spanien war leer, die Autobahnen Richtung Cádiz waren gerade erst gebaut worden, Touristen flogen allenfalls auf die Balearen. Hin und wieder traf ich ein paar Surfer in VW-Bussen. Auf den letzten Kilometern Landstraße in Andalusien war ich der Einzige.

Als ich in Cádiz ankam, hielt ich in einem Park voller Magnolien und Orangenbäume vor dem Café Colonial, um nach dem Weg zu fragen; es war schon spät, drinnen war es voll, jemand feierte Geburtstag. Am Tresen bestellte ich Bier, neben mir saß ein spanischer Journalist. Wir sprachen über Literatur. Der Journalist erzählte, dass er gerade in Marokko gewesen sei und Paul Bowles interviewt hätte. Bowles lebte immer noch in der Hafenstadt Tanger, das wusste ich, wie man damals wusste, dass David Bowie in London lebte. „Fahr hin“, sagte der Journalist zum Abschied, „mach Halt im Hotel Intercontinental, dort wird man dir helfen.“ Ich nickte, doch die Idee erschien mir absurd. Bowles zu suchen war eine Nummer zu groß für mich. Der Mann war eine Koryphäe, ich nur ein kleiner Student.

Ich fand schnell Freunde, einer von ihnen war Laurence, ein Schotte aus Edinburgh. Er war mit einem einzigen Koffer nach Spanien gekommen, darin zwei Pullover, zwei Jeans. Stiefel und Lederjacke trug er am Körper. Der Rest des Koffers war gefüllt mit sämtlichen Büchern von Paul Bowles. Laurence war wortkarg, ein paar Jahre älter, aber als er hörte, dass ich nach Marokko wollte, war er sofort dabei.

In Decken gehüllt saß ich mit Laurence schließlich auf der Fähre, ein uralter Klapperkahn, der von Tarifa aus eineinhalb Stunden bis nach Tanger brauchte. Es war gerade Ramadan, die Marokkaner waren hungrig und schlecht gelaunt, es nieselte, es war dunkel, kalt und neblig, als würden wir uns nach England einschiffen.

Tanger war Anfang der Neunziger noch eine verschlafene Hafenstadt. Laurence und ich fuhren durch die Altstadtgassen, den Berg hinauf, zum Intercontinental, das mir der Journalist empfohlen hatte. Tanger war lange Zeit internationale Zone gewesen, wurde von 1923 an von Engländern, Franzosen, Spaniern und Italienern, später auch von den Amerikanern verwaltet. Es war eine steuerfreie Handelsoase. Junge amerikanische Schriftsteller wie Bowles konnten hier in den Vierzigerjahren für wenig Geld ein ganzes Haus mieten, mit Garten und Bediensteten. Und Tanger lag zwar in einem muslimischen Land, aber als internationale Zone war es relativ liberal, Prostitution war nicht erlaubt, aber auch nicht richtig verboten, genauso wie Alkohol. Tanger war eine Stadt, in der sich Aussteiger, dubiose Millionäre und Schmuggler aus aller Welt trafen.

Unser Auto stellten wir auf den Hotelparkplatz. Am nächsten Morgen kam der Parkwächter zu uns und fragte: „Soll ich euch die Altstadt zeigen?“ Er führte uns zum amerikanischen Konsulat, zum italienischen Kindergarten, während Laurence und ich auf der Rückbank über Bowles redeten und versuchten, die Orte aus seinen Büchern wiederzuerkennen. Der Parkwächter hatte uns mittlerweile auf einen Berg gefahren, von dem aus man die Stadt überblickte. Vor einem unscheinbaren Mietshaus hielt er plötzlich an. „Komm mit“, sagte er zu mir. Laurence wartete im Wagen. Dann klopfte er an die Tür, ein Mann mit Brille und weißem Kittel öffnete, sie wechselten ein paar Sätze auf Arabisch, der Mann bedeutete mir, die Schuhe auszuziehen, dann führte er mich zu einer Tür. In dem Zimmer dahinter war es fast komplett dunkel. Erst als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich den hageren, alten Mann, der auf dem Bett saß. Er trug einen Kamelhaarmantel, in seinem Mundwinkel hing eine Zigarette, auf dem Schoß hatte er eine Schreibmaschine. Der Mann schaute auf und sagte: „Hello, I am Paul Bowles. And you are?“

„Ähm, I’m Daniel.“

Eine Bedienstete brachte Tee, warf noch ein paar Scheite in das Kaminfeuer, das in einer Ecke des Raumes prasselte, und dann war ich mit Bowles allein. „Wo kommen Sie her?“ fragte Bowles. „Hannover“, sagte ich. Bowles Gesicht leuchtete auf: „Hannover! So eine sehr saubere, ordentliche Stadt, mit ruhigen Cafés und grüner Landschaft.“

Unser Fahrer musste mitgehört haben, als Laurence und ich uns auf der Rückbank unterhalten hatten. Anders kann ich mir heute nicht erklären, dass ich mit einem Mal im Wohnzimmer von Paul Bowles stand. 1932, erzählte Bowles, sei er durch Deutschland gereist, auch nach Berlin, „die Ausgeburt des Molochs“. Es war die Armut dort, die Bowles so sehr erschreckte, ihn, der durch Asien und Südamerika gereist war, in Marokko und Kolumbien gelebt hatte. Doch eine so verzweifelte Armut wie im Berlin der Dreißigerjahre sei ihm nie wieder begegnet. Er blieb, entgegen seinen Plänen, nicht lange. Er erinnerte sich, dass er auf der Hinfahrt durchs Weserbergland gefahren war, das hatte ihm gefallen. Und so kam er nach Hannover, saß dort eines Nachmittags im Operncafé und lernte Helma, die Frau von Kurt Schwitters kennen. „Mein Mann spricht gerne Englisch, vielleicht können Sie beide sich über Kunst unterhalten, er ist nämlich auch Künstler“, sagte sie. Bowles blieb, gab zum Dank für die Gastfreundschaft dem Sohn Klavierstunden, schrieb kleine Lieder für Schwitters.

Ich konnte es nicht glauben. Vor mir saß der Weltliterat und schwärmte von Hannover. Bowles kannte Deutschland nur unzerbombt. Als ich ihm vom Mauerfall erzählte, schlug er sich gegen die Stirn und sagte: „Ach stimmt, da wurde ja eine Mauer gebaut! Und die ist wieder weg?“

Das Gespräch dauerte knapp zwei Stunden. Mir aber kam es vor wie ein ganzer Tag. Der arme Laurence saß währenddessen draußen im Auto, rauchte mit dem Fahrer eine Zigarette nach der anderen, bis es ihm schließlich reichte, er in das Haus stürmte und auf einmal im Zimmer stand. „Was ist hier los? Warum sitzt du hier herum? Ich mache mir schon Sorgen!“ schimpfte er, verstummte erst, als er Bowles im Bett entdeckte. „Und wer sind Sie?“

Wir blieben nicht mehr lange, zum Abschied bat Bowles uns, über Telegramm mit ihm in Kontakt zu bleiben. Wir sollten ihm berichten, wie die Städte im Süden Marokkos aussahen, die er, damals schon über 80, nie wieder würde bereisen können.

Im Auto schwiegen Laurence und ich uns an. Laurence konnte sich nicht entscheiden, ob er nun wütend sein sollte, weil ich ihn hatte warten lassen, oder einfach nur fasziniert von der Begegnung. Den Abend verbrachten wir in einem Tanzlokal, tranken Bier, das wir irgendwo auftrieben. Am nächsten Tag fuhren wir Richtung Atlas. Zwei Wochen lang reisten wir durch den Norden Afrikas, durch die Wüste. Hin und wieder schrieben wir Bowles Telegramme, die er Tage später beantwortete.

Die Begegnung war der Beginn einer Freundschaft über fast drei Generationen hinweg. Ich besuchte Bowles noch sechs weitere Male, ehe er 1999 in Tanger starb. Ich erzählte ihm, er mir. Wir schrieben uns Briefe und Telegramme, ich versendete Fotos, Karten und Zeichnungen aus Andalusien, Hannover und Berlin. Es war eine langsame Zeit, unelektronisch. Nichts wurde per E-Mail verschickt, alles wurde im Kopf oder in Briefen festgehalten, dadurch brannte sich alles in mein Gedächtnis ein. Paul wollte mir noch eine Geschichte über die Zeit mit Schwitters schreiben und zeigte mir altes Tonmaterial, doch er schaffte es nicht mehr.

(Diese Geschichte hat Daniel Kahfif erlebt und Anne Lena Mösken hat sie aufgeschrieben.) Erschienen ist sie bereits in der Berliner Zeitung.)

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Anne Lena Mösken

Anne Lena Mösken

arbeitet seit 2006 als freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt meistens für die Berliner Zeitung, die Stadtmagazine Tip und Exberliner und manchmal für die Neon.

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