Logo der Literatur-App Hooked

Storytelling für die Snapchat-Generation

Das Startup Telepathic aus San Francisco entwickelt die App Hooked – und will damit Literatur für Jugendliche auf dem Smartphone attraktiv machen. // von Laura Selz

Literatur-App Hooked für das iPhone

Die iOS-App Hooked ist eine Bibliothek an Kurzgeschichten, die exklusiv für das Smartphone geschrieben wurden. „5-minute-readings“ – aber nicht zum scrollen, sondern zum klicken. Damit will die Gründerin Prerna Gupta Jugendliche für Literatur begeistern. Und das spielerisch, „denn die sitzen in der U-Bahn oder auf dem Pausenhof, haben wenig Zeit und wahrscheinlich noch weniger Konzentration.” Keine sehr schmeichelhafte Zielgruppe, aber genau das findet Gupta auch so spannend.

Was kann in kurzer Zeit auf dem Smartphone literarisch stattfinden? Hier müssen die Logik einer Geschichte, ihre Dramaturgie und digitale Darstellung von Anfang an zusammengedacht werden. In der Geschichte „Shark Attack” zum Beispiel simsen sich die geschiedenen Eltern, warum ihr Sohn nicht nach Hause kommt. Natürlich endet alles in einer Katastrophe. Auf dem Smartphone erscheint die Geschichte als SMS-Dialog. Der Grusel entfaltet sich hier mit jedem Klick.

Printlogik gegen Nutzerlogik

Der derzeitige Markt des digitalen Storytellings konzentriert sich vor allem aufs Tablet. Solche Apps bieten feines Layout und interaktive Spielereien. Allerdings vertrauen die Verlage hier auf Literatur, die bereits offline erfolgreich war. Da wird etwa in „Dark London” Charles Dickens zum Leben erwacht, oder in „Mirror World” die Reise von Alice im Wunderland nacherzählt.

Literatur ist ein riskantes Geschäft, das von wenigen Menschen entschieden wird. Inwiefern es sich lohnt, einen Bestseller aufs Tablet zu bringen, oder auch einem jungen Autor eine Chance zu geben, darüber wachen wenige Lektoren. Mikro-Investments oder kleine Spielereien finden selten statt.

Prerna Gupta kommt nicht aus der Verlagsszene, sondern vom App Development. Und sie findet, dass das einen gewaltigen Unterschied macht: „Die meisten denken immer noch in Print.“ Einen Print-Bestseller aufs Tablet zu bringen bietet zwar kreativen Raum für Layouter und Entwickler, die Grenzen des Raums werden aber vom Originaltext abgesteckt. Text bleibt Text. Und der Leser scrollt und wischt und klickt sich durch hunderte Seiten. Noch schwieriger wird es beim Smartphone. „Hier brauche es Kurzgeschichten, die nach der Logik eines Smartphone Users funktionieren“, sagt Gupta.

Die Literatur-App Hooked wird auch auf einer Smartwatch funktionieren.
Die Literatur-App Hooked wird auch auf einer Smartwatch funktionieren.

Die Crowd als Editor?

Hooked setzt auf unbekannte Autoren, die ihre Geschichten exklusiv für die App schreiben. Vom Vertrauen in große Namen kann die Idee also nicht leben. Den Erfolg will Gupta aber dennoch garantieren, und zwar durch die Betaphase, in der jede Geschichte durch eine Feedbackschleife geht. In den vergangenen Monaten wurden über 400 Geschichten von 800 Lesern getestet. Wie lange bleibt der Leser an der Geschichte dran, wo klickt er weiter, wo steigt er aus? Ist er „hooked“, also „am Haken“?

Wir suchen nach Quoten von 65 Prozent oder höher“, sagt Gupta ganz technokratisch. Hier spricht das App-Development. Eine Sci-Fi-Geschichte zum Beispiel bekam nur eine Rate von 45 Prozent. „Ich sah, dass die Drop-Off-Rate im ersten Drittel der Geschichte am höchsten war. Also bin ich das mit dem Autor nochmal durchgegangen. Beim nächsten Test hatten wir dann 75 Prozent.

Eingefleischte Literaturfans könnten nun Bauchweh bekommen. Soll über Qualität etwa demokratisch entschieden werden? Wo bleibt die kreative Autorität des Autors? „Also wenn eine Geschichte gar nicht funktioniert, dann bringt es auch nichts, sie umzuschreiben“, gibt Gupta zu. Wenn, dann geht es um dramaturgische Kniffe und ein noch besseres Zusammenspiel von Inhalt und Layout. Und normalerweise sei es doch so, sagt Gupta, „da sitzt irgendwo ein einzelner Lektor und entscheidet über die Qualität einer Geschichte. Wir haben diesen Kreis einfach erweitert.

Besonders auf dem Niveau der Shortstories bekämen so viel mehr Autoren eine Chance. Amerikaner denken groß, so das Klischee, und natürlich will auch Gupta mir ihrer Idee das lineare Hollywood revolutionieren. „Das Testpublikum wird immer erst dann konsultiert, wenn bereits Millionen Dollar investiert wurden.“ Feedbackschleifen würden zu spät einsetzen. Immerhin gehe es hier ja nicht um Arthouse, sondern um Blockbuster, die die Massen begeistern sollen.

Die App Hooked ist seit dieser Woche zum Download für iOS erhältlich. Die Android-Version soll bald folgen. Zunächst wird es eine freie Geschichte pro Tag geben, in Zukunft will sich Hooked dann durch Abonnements finanzieren.



Teaser & Images by Telepathic


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Laura Selz

Laura Selz

hat Literaturwissenschaft und Politik studiert und an der Deutschen Journalistenschule das Handwerk gelernt. Als freie Autorin für Hörfunk und Print berichtet sie über Gesellschaft und Politik, u.a. für den BR, die SZ und den Münchner Merkur. Sie kommt aus Hamburg, lebte in Spanien und wohnt heute in München. Im Oktober geht sie als Herbert Quandt Stipendiatin nach Israel und Palästina.

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