Warum wir Hologramme noch nicht abgeschrieben haben

Sie konnten dreidimensionale Bilder erzeugen und waren der Renner in jedem Haushalt: die sogenannten Stereoskope waren zur viktorianischen Zeit ein echter Hit. Dann kamen Schreibmaschinen und Faxgeräte, die für alle Handgriffe im Büro essentiell wichtig waren, ihnen folgten Fotodrucker und der Videoverleih. Mittlerweile sind sie alle von der Bildfläche verschwunden.

Wenn innovative Techniken wie diese ihrem Ende zu gehen, haben wir verschiedene Möglichkeiten, uns an sie zu erinnern. Einmal durch die Wiederentdeckung – die Hipster-Subkultur hat die Retro-Techniken wie Radioröhren oder Vinyl-Platten wieder populär gemacht. Wir können die veraltete Technologie in eine Geschichte des Fortschritts integrieren, so wie wir zum Beispiel über die ziegelartigen Mobiltelefone von vor 30 Jahren lachen, wenn wir sie mit den schnittigen Smartphones von heute.

Diese Geschichten vereinfachen die Entwicklung vielleicht etwas zu sehr, aber sie haben auch ihre berechtigte Funktion: durch sie können sich die Firmen selbst mithilfe kontinuierlicher Verbesserungen anpassen und die geplante Obsoleszenz rechtfertigen. Selbst technische und naturwissenschaftliche Museen tendieren dazu, Fortschritte zu chronologisch darzustellen, statt Sackgassen oder unerreichte Hoffnungen zu dokumentieren.

Aber manche Technologien sind weitaus problematischer: die an sie gestellten Erwartungen wurden nicht erfüllt oder haben sich unendlich verzögert. Das elektrische Dreirad (Modell C5) von Sir Clive Sinclair war ein gutes Beispiel dafür. Unsichtbar im Verkehr, dem Wetter ausgesetzt und von Geh- und Fahrradwegen ausgeschlossen, stellte es niemanden wirklich zufrieden. Es wurde nicht als Retro-Technologie wiederbelebt und passt nur schlecht in die erfolgreiche Geschichte der Weiterentwicklung der Transportmittel. Die Gefahr, dass es irgendwann völlig in  Vergessenheit gerät, ist durchaus gegeben.

Wenn wir über ein einzelnes Produkt wie das C5 sprechen, ist das die eine Sache. Aber in manchen Fällen sprechen wir über ein ganzes Genre einer Innovation, wie eben das Hologramm.

Das Hologramm wurde vor 70 Jahren von dem ungarischen Ingenieur Dennis Gaborsome erschaffen. Die Medien der frühen 1960er Jahre berichteten beinahe pausenlos darüber. Im Jahr 1971 erhielt Gabor für seine Erfindung den Nobelpreis für Physik. Hologramm-Ausstellungen zogen in den 1980ern ein Publikum von zehntausenden Menschen an. Bis heute sind sie Millionen Menschen ein Begriff, aber meist eher durch Science-Fiction, Computerspiele oder durch die sozialen Medien. Keine dieser Darstellungen kommt den echten Holgrammen auch nur entfernt nahe.

Als ich meine Forschungen auf diesem Gebiet begann, war mein Rohmaterial eher typisches Futter für Historiker: unveröffentlichte Dokumente und Interviews. Ich musste diese aus alten Kisten in den Häusern, Garagen und Erinnerungen von Ingenieuren, Künstlern und Unternehmern, die schon lange im Ruhestand waren, aufstöbern. Die Firmen, Universitäten und Forschungslabore, die einst diese Aufnahmen aufbewahrt hatten, hatten oft jeden Überblick darüber verloren. Es war nicht besonders schwierig, den Gründen hierfür auf die Spur zu kommen.

Die Zukunft, die nie kam

Die Holografie wurde durch Gabor als eine Verbesserung für Elektronen-Mikroskope erschaffen, aber nach einem Jahrzehnt fanden ihre britischen Entwickler sie unpraktisch und lästig. Zur selben Zeit entwickelten amerikanische und sowjetische Forscher im Stillen eine Anwendung für den Kalten Krieg: der Plan war, die zu langsamen Computer damit zu füttern. Leider kam er in der Öffentlichkeit nicht gut an.

Stattdessen machten die Ingenieure der 1960er Jahre die Technologie als „linsenfreie 3D-Fotografie“ bekannt. Man sagte voraus, dass sie die traditionelle Fotografie ersetzen würde und dass holografische Fernsehgeräte und Heimfilme unmittelbar bevorstünden. Firmen und Labore, die von der Regierung finanziert wurden, packten mit an, erpicht darauf, das reiche Potential dieser Thematik zu entdecken, wodurch 1000 Promotionsschriften, 7000 Patente und 20.000 Forschungsaufsätze entstanden. Jedoch war gegen Ende des Jahrzehnts keine dieser Ideen fertig entwickelt.

Von den 1970ern an begannen Künstler und Handwerker damit, Hologramme als Kunstform und eine Art Attraktion aufzugreifen, wodurch es zu einer Welle von öffentlichen Ausstellungen und zu einer richtiggehenden Hologramm-Manufaktur kam. Unternehmer kamen in Scharen, angelockt durch die Erwartungen garantierten Fortschritts und Profits. Stephen Benton, Physiker der Polaroid Corporation und später am MIT, war überzeugt: „Ein zufriedenstellendes und effektives dreidimensionales Bild“, sagte er, „ist keine technologische Spekulation, es ist eine historische Unvermeidbarkeit“.

Ein Jahrzehnt später hatte sich noch nicht viel Neues entwickelt, obwohl unerwartete, neue Nischen mit Potential aufgekommen waren. Man versuchte, die Hologramme für die Illustrierung von Magazinen und Plakatwänden populär zu machen. Schließlich gab es doch noch einen kommerziellen Erfolg: mit holografischen Sicherheitsmarken auf Kreditkarten und Geldscheinen.

Dennoch ist dies letztendlich eine Geschichte der gescheiterten Bemühungen. Die Holografie hat nicht die Fotografie ersetzt. Hologramme dominieren weder die Werbung noch die Unterhaltungsbranche zuhause. Es gibt keine Möglichkeit, ein holografisches Bild zu erzeugen, das sich wie das Bild der Prinzessin Leia verhält, die bei Star Wars von R2-D2 in den Raum hinein projiziert wird oder wie den holografischen Doktor bei Star Trek. Unsere kulturellen Erwartungen sind heute allerdings derart hoch, dass man bei solchen Beispielen heutzutage immer ein „jedenfalls noch nicht“ anfügen muss.

Bewahrende Enttäuschung

Die Holografie steckt trotzdem voller Innovationen, bei der sich Kunst, Wissenschaft, Populärkultur und kultureller Optimismus vermischen. Sie wurde gleichermaßen von ihrem Publikum als auch von ihren Erfindern geformt. Dennoch passt sie nicht zu den Geschichten des Fortschritts, die wir tendenziell erzählen. Man könnte dasselbe vom 3D-Kino oder von den gesundheitlichen Nutzen der Radioaktivität sagen.

Wenn eine Technologie nicht den Erwartungen entspricht, sind sie für Museen nicht sonderlich interessant. Die Sammlungen in den Universitäten und anderen Institutionen haben für so etwas keinen Platz. Wenn die Leute, die die gescheiterte Technik in ihren Garagen aufbewahren, einmal sterben werden, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Technik auf der Müllhalde endet. Der aus Mali stammende Schriftsteller Amadou Hampâté Bâ meinte dazu: „Wenn ein alter Mensch  stirbt, brennt eine ganze Bibliothek“. Dennoch ist es wichtig, dass wir diese Bemühungen im Gedächtnis behalten.

Technologien wie das Hologramm wurden durch eine außergewöhnliche Bandbreite sozialer Gruppen erschaffen und konsumiert, von Wissenschaftlern bis zu Protestkulturforschern. Die meisten von ihnen glaubten an diese Technologie. Manche von ihnen konnten mit ihr frustrierende oder verborgene, aber innovative Erfahrungen teilen.

Es bleibt an uns Historikern, diese Geschichten der nicht sonderlich erfolgreichen Forschungsfelder zusammenzuhalten. Verständlicherweise reicht das nicht aus. Wenn wir unsere Bestrebungen mit Hologrammen oder 3D-Kinos oder der Strahlentherapie im Gedächtnis behalten, helfen wir zukünftigen Generationen vielleicht dabei, zu verstehen, wie Technik unsere Gesellschaft zusammenhält. Aus diesem essentiellen Grund müssen wir verinnerlichen, wie wichtig es ist, Dinge zu bewahren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “wallpaper” by DirtyOpi (CC0 Public Domain)


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Sean Johnston

Sean Johnston

hat Physik an der Simon Fraser-Universitt in Kanada und dann Geschichte und Philosophie an der Universitt von Leeds in Grobritannien studiert. Er arbeitete als Physiker und Manager in kanadischen und britischen Ingenieursunternehmen.

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