Hollywoods Piraterie-Problem

Im Dezember letzten Jahres konnte das FBI den Leak des Quentin-Tarantino-Films “The Hateful Eight” erfolgreich auf einen Führungsposten in Hollywood zurückführen. Nach Aussage des “Hollywood Reporter” weist das Wasserzeichen des geleakten Exemplars auf Andrew Kosove hin, den Geschäftsführer von Alcon Entertainment.

Das war kein Einzelfall.

Alle für die diesjährigen Oscars nominierten Filme lassen sich online als Raubkopie finden, viele davon sogar in recht guter Auflösung. Diese werden oftmals von den sogenannten “Screeners” bezogen, also Filmkopien, die Rezensenten und Preisrichtern zur Verfügung gestellt werden. Ermittler machten einen weltweiten Anstieg der  Filmpiraterie um 385 Prozent aus, nachdem Filme für die Oscars nominiert wurden. In den letzten 14 Jahren wurde in sieben Jahren bis zu 95% der Oscar-Nominierungen (oder mehr) im Internet geleakt.

Angesichts des zügellosen Raubkopierens in der Zeit rund um die Oscars lohnt es sich, einen Blick auf die Frage zu werfen, wie Filmpiraterie eigentlich geschieht und ob illegal heruntergeladene Filme Studios und Filmverleihern als kostenlose Werbung dienen können.

Die Firma Irdeto, die geschäftsmäßig Piraterie verfolgt, schätzt, dass die Screener aus Hollywood 31 Prozent der nachvollziehbaren, illegalen Downloads aus dem Jahr 2015 ausmachen. Sechs Filme, die 2015 für die Oscars nominiert waren, zirkulierten bereits im Netz, bevor sie im freien Verkauf erhältlich waren: “American Sniper”, “The Imitation Game”, “Wild”, “Selma”, “Whiplash” und “Still Alice”.

Sogenannte “Release Groups” veröffentlichen die populären Filme im Internet. Beispielsweise machte die Gruppe Hive-CM8 im vergangenen Jahr Schlagzeilen als sie “James Bond 007: Spectre”, “Legend”, “Im Herzen der See”, “Steve Jobs”, “Spotlight”, “Creed”, “Concussion”, “The Danish Girl” und “Bridge of Spies” ins Internet stellten. In der Weihnachtszeit leakten andere Gruppen zusätzlich noch “The Revenant”, “Straight Outta Compton”, “Brooklyn”, “Raum” und “Die Peanuts”.

Diese Gruppen bieten die Filme als peer-to-peer-Downloads oder Streams an und finanzieren sich durch Werbung oder Abonnement-Modelle. Geleakte Filme erscheinen oftmals zunächst auf Websites, auf welche man nur mit persönlicher Einladung Zugriff hat, bevor sie dann auf öffentliche Seiten wie The Pirate Bay oder Kickass Torrents  auftauchen.

Die Jury-Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences erhielten für die Oscarverleihung 2015 insgesamt 68 Screener (davon 59 auf DVDs und 9 auf Blu-Ray), davon wurden zwölf Filme geleakt. Die weiteren zehn nominierten Filme wurden als “Camcorder-Mitschnitte” online gestellt, und nur zwei Filme leakten nicht (“Song of The Sea” und “Glen Cambell: I’ll be Me”). Vier Filme waren sogar vor ihrer Veröffentlichung in den Kinos online verfügbar: “Still Alice”, “Mr. Turner”, “Zwei Tage, eine Nacht” und “The Return of the First Avenger” (Captain America: Winter Soldier).

Im Jahr 2016 war die Entwicklung ähnlich. Die Hälfte aller Oscar-nominierten Filme leakten durch Screener noch deutlich vor der Oscarverleihung, neun wurden vor dem Start in die Kinos online gestellt. “Star Wars: The Force Awakens” ist die einzige Oscarnominierung 2016, die als Camcorder-Mitschnitt geleakt wurde.

Um Piraterie zu verhindern, tragen die Screener-Filme normalerweise forensische Wasserzeichen, eine Art unsichtbarer Stempel in jedem Einzelbild. Zusätzlich schicken Anwälte der Filmindustrie Warnungen heraus, mit der Aufforderung, dass illegal veröffentlichte Filme von den Websites genommen und aus den Suchergebnissen entfernt werden sollen.

Dennoch scheint es, als mache sich Hollywood beim Thema Piraterie mitschuldig.

Vor zwölf Jahren leakte eine Videokassette des Films “Was das Herz begehrt (Something’s Gotta Give)”, der für die Jury der Oscars bestimmt war. Sie war dem Academy Mitglied Carmine Caridi zugeschickt worden, einem Schauspieler, der in “Der Pate: Teil II” und als Vince Gotelli in “NYPD Blue” mitspielte.

Der Vorfall veranlasste die großen Filmstudios dazu, anzukündigen, die Filme nicht mehr länger an Jurys und Rezensenten zu versenden. Das Experiment hielt nicht lange an. Im Bestreben, gute Beziehungen zu den Kritikern und Preisrichtern aufrecht zu erhalten, kehrte die Filmindustrie wieder zu der Veröffentlichung der Screener zurück.

Die Industrie will den Vertrieb ihrer Filme kontrollieren, doch oftmals ermöglicht ihr Hang zur Promotion überhaupt erst die Piraterie. Während Raubkopien durch Produktionsbetriebe, Teile der Vertriebskette oder Camcordern, die in Kinos geschmuggelt werden, entstehen können (obwohl die schlechte Qualität bei letzteren die Kopien weniger attraktiv machen), ist die verlässlichste Quelle immer noch die PR-Maschinerie von Hollywood selbst. Sieht man zudem von Rezensionsexemplaren ab, führt auch der Wandel zur Onlinedistribution von Filmen zu einer steigenden Versorgung möglicher Entstehungsorte für Piraterie.

Darüber hinaus muss die illegale Veröffentlichung eines Films die eingespielten Gewinne nicht unbedingt negativ beeinflussen.

Im Jahr 2011 war J.J. Abrams in der Show von Howard Stern zu Gast, um seinen Film “Super 8” zu promoten. Kurz danach wurde der Film ins Internet gestellt, er trug das Wasserzeichen “H.Stern”. Das Online Magazin “Deadline Hollywood” merkte an, dass die 50-Millionen-Dollar-Produktion trotzdem weltweit 185 Millionen US-Dollar einspielte. “Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere” wurde in den ersten 24 Stunden nach seinem Leak über 500.000 mal runtergeladen (wobei die Wasserzeichen vorher akribisch genau entfernt wurden); dennoch spielte der Film über 956 Millionen US-Dollar ein und wurde somit zum zweiterfolgreichsten Film 2014 und landete auf Platz 30 der erfolgreichsten Filme weltweit.

Trotz all der illegalen Veröffentlichungen machte Hollywood im letzten Jahr einen weltweiten Umsatz von 38 Milliarden US-Dollar sowie einen Umsatz von 11 Milliarden Dollar in den USA. Fünf Veröffentlichungen machten im Jahr 2015 einen Umsatz von über einer Milliarde US-Dollar. Drei Produktionen setzten über 1,5 Milliarden im Jahr 2015 um, vier Filme ergatterten einen Platz unter den zehn kommerziell erfolgreichsten Filmen aller Zeiten.

Insofern können Leaks tatsächlich als Werbung fungieren. Nachdem Hive-CM8 “The Hateful Eight” geleakt hatte, behauptete die Gruppe, dass eine illegale Online-Veröffentlichung vor dem eigentlichen Start in den Kinos kostenlose PR böte und im Endeffekt mehr Kinobesucher anlocke. Und dass Fans, die den Film heruntergeladen haben, diesen auch in der von Tarantino vorgesehenen Qualität sehen möchten, nämlich in Ultra Panavision 70.

Ohne Frage sind kostspieliges Marketing und aufwendige Werbefeldzüge für Filmproduktionen mit großem Budget weitaus anspruchsvoller und komplizierter als schlichte Filmleaks, die für Aufmerksamkeit sorgen. Nichtsdestotrotz sollte die Filmindustrie die wichtige Rolle der PR-Screener als Werbeinstrument zur Kenntnis nehmend, die Piraterie als Preis des Geschäfts betrachten. Vorausgesetzt, weder die Anzahl der produzierten Filme noch die Gewinne werden durch Leaks negativ beeinflusst.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Teaser & Image “Piracy” (adapted) by ClkerFreeVectorImages (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Peter Krapp

Peter Krapp

ist Professor und Vorsitzender der Film & Media Studies an der Universität von Kalifornien in Irvine. Seine Spezialgebiete sind neue Medien, Computerspielgeschichte, soziales Gedächtnis, und geheime Kommunikation.

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