Hilfe, wir werden inkompatibel

Nun also ist es mal wieder soweit. Revolution. Disruption. Oder wenigstens Evolution. Unter dem Begriff Zeitenwende macht es heute kein Experte mehr, der sich das Netz, die Software oder gar Mechatronik/Robotik vorgenommen hat. Da plätschern die Innovationen in der Automobilbranche, der Pharmaindustrie oder der Bankenwelt so vor sich hin. Aber die Welt der digitalen Technik hält wacker das Fähnchen der Innovation hoch. Nur wir dumme Gesellschaft kommen nicht mit – durch unser soziales Gewese…

Das Einzige was hilft, ist die Stadt. Selbstverstümmelung in der Masse ist die Folge. Hurra, Hurra, der Kobold mit der Entfremdung ist da. Und hinter ihm rufen die Kommentatoren aus, was gerade geschieht. Wie bei Occupy. Offenbar sind im wirklichen Leben auch die Megafone verboten worden. Deswegen müssen jetzt alle alles wiederholen. Erst kamen 781 Artikel zur Schere zwischen Arm und Reich in der Gesellschaft. Dann 286 Artikel zum Urheberrecht, nachdem wir noch 765 Artikel zum Umbau der Arbeitswelt durch Kollege Computer erleiden mussten. Und was kommt nun?

Ein lustiger Geselle nach dem anderen dilettiert in Volkswirtschaftslehre. Manche in Büchern, andere in Qualitätsmedien. Wenn es noch einen moralischen Impetus gäbe wie bei Tolstoi oder Puschkin oder einen kreisenden Zeigefinger wie in Gogols „Toten Seelen“. Nein, gibt es nicht. Man glaubt sich besser, weil man bessere Absichten hegt, diese aber lieber nicht umsetzt sondern Gegenwärtiges aus Gründen anprangert.

Ich würde gern sehen, wie Ex-Bundespräsident Wulff mit Marina Weisband darüber streitet, was schlimmer ist, der Shitstorm, den BILD entfacht oder derjenige Shitstorm der Neider und Piratensympatisanten, dem sie ausgesetzt war. Aber im Stillen glaube ich, dass Shitstorm nur eine Finte eines findigen Beraters war, um inflationäre archaische Triebe und vor allem den Idiosynkrasiekredit auszuloten. Einfach mal das Zuhandene nutzen, um den vorausgehenden Zusammenhang zu verschleiern. All dieses Geblase von Historie und Kontexten erscheint bei genauer Betrachtung eher als ein In-Würfel-Schneiden von Apfelmus. Das sieht gekonnt aus. Aber es bleibt zerschnittenes Apfelmus. Es wird nicht fest durch das ungewöhnliche Werkzeug. Genauso wenig wird der Mensch spannender durch neue Technik. Er wird hin und her gebufft wie Don Quixote zwischen dem weisen Sancho Panza und seiner Angebeteten.

Aber warum ausgerechnet die Medien gemeinsam mit den Rittern der traurigen Gestalt gegen die Windmühlen reiten?

Offenbar ist schon Sommerloch.

Was wäre, wenn wir eines Tages nicht mehr mit der grassierenden Innovation kompatibel wären? Keine Angst, die Jugend wird es immer sein, hofft man im fernen Marketingstan. Und wenn der Jugendwahn ein Ende hat? Dann sind wir inkompatibel zu unserem Lebensstil. Rübe ab. Haben wir doch schon in der Französischen Evolution gelernt:

Survival of the hippest.


 


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Jörg Wittkewitz

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)

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