Hashtag-Debatte: Wie viel eigene Meinung lässt der Journalismus zu?

Die eigene Meinung mit einbringen oder eine neutrale Berichterstattung erbringen? Das ist die Frage, die sich viele Journalisten stellen. Die jüngste Entscheidung des Obersten Gerichtshofes, welche Auswahlverfahren für Asylsuchende außerhalb der Landesgrenzen legalisiert, hat nicht nur eine Debatte entfacht, sondern auch die journalistische Objektivität ins Rampenlicht gerückt.

Die Debatte ist zweifellos emotional geladen, denn die Art, wie Australien mit Asylsuchenden umgeht, wird schon seit längerem überprüft. Für Journalisten, die an der Story arbeiten, ergibt sich ein kniffliges Problem – insbesondere wenn sie eine starke eigene Meinung zu dem Thema haben.

Halten sie an traditionellen journalistischen Grundsätzen wie Objektivität fest und berichten bloß über die Fakten? Wie können sie das in einer Welt der sozialen Netzwerke tun, in der von Journalisten erwartet wird, dass sie persönliche Markenzeichen und eine eigene Position entwickeln? Sollten sie überhaupt nach Objektivität streben? Oder müssen sie schlicht akzeptieren, dass sie ein unrealistisches Ideal und der gesamte Journalismus ohnehin Verfechtung ist?

Verfechtung gegen Objektivität

Das Auftauchen des Twitter-Hashtags #letthemstay und sein Gebrauch durch Journalisten, die über das Thema der Asylsuchenden berichten, wirft beispielsweise die Frage auf, ob die Themen Berichterstattung und Verfechtung zunehmend verschwimmen.

Zu einer Überprüfung verfechtenden Journalismus kam es auch im Rahmen der Enthüllung, dass der ABC-Artikel über einen fünfjährigen Jungen, der auf Nauru vergewaltigt wurde, nicht korrekt war.

Die Berichterstattung führte dazu, dass Michael Pezzullo, Sekretär des Ministeriums für Immigration und Grenzschutz, die zunehmende Voreingenommenheit im Journalismus beklagte. Er argumentierte: „Es kommt zu dem Punkt, an dem Verfechtung als Journalismus herumstolziert, der einer vernünftigen Diskussion über diese Angelegenheiten schadet.“

Das ganze knüpft zudem an eine größere Debatte der vergangenen Jahre an. Dabei meinen die einen, es sei ein Trend zum Verfechtungsjournalismus erkennbar. Andere sind davon überzeugt, dass es schlichtweg eine simplere Herangehensweise á la „Er hat gesagt, sie hat gesagt“ uns eigentlich einen schlechten Dienst erweist, so wie das Phänomen des falschen Gleichgewichts in wissenschaftlicher Berichterstattung.

Objektivität ist heute eines der teuersten Prinzipien des Journalismus, da diese viele nutzen, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Dem war nicht immer so. Objektivität war hauptsächlich eine Erfindung des 19. und 20. Jahrhunderts, mit Hilfe derer Journalismus an eine größere Vielfalt von Menschen statt an ein Nischenpublikum appellieren sollte. Davor war jedoch parteipolitischer Journalismus die gängige Norm.

In einer Zeit, in der sich der Journalismus spaltet, scheint es, als wäre ein Nischenpublikum wieder wichtiger, weshalb sich einige Publikationen auf bestimmte Zielgruppen spezialisieren. Der Wind könnte sich somit wieder drehen.

Es ist beispielsweise bekannt, dass die Zeitung The Australian politisch nach rechts tendiert, während The Guardian eher links orientiert ist. Daraus wird kein großes Geheimnis gemacht, was Journalisten, mit denen ich gesprochen habe, auch ohne weiteres bestätigten.

Es scheint außerdem unter vielen Journalisten zunehmend die Annahme zu geben, dass Objektivität in jedem Fall ein unerreichbares Ideal ist, weil niemand jemals seine persönlichen Ansichten und subjektiven Annahmen komplett ignorieren kann.

Objektivität und der Aufstieg der sozialen Netzwerke

Dennoch scheint es, als wäre die Idee der Objektivität in den Gedanken australischer Journalisten weitgehend verwurzelt. Eine Umfrage, die ich 2013 durchgeführt habe, brachte hervor, dass drei von vier Journalisten dachten, es sei durchaus oder gar extrem wichtig, unparteiischer Beobachter zu sein. Dagegen fand es nur etwas mehr als ein Drittel sehr oder extrem wichtig, für soziale Veränderungen einzutreten.

Leider haben wir noch keine zuverlässigen langfristigen Daten zur Verfügung, um zu testen, ob diese Zahlen zunehmen. Aber sehen wir uns das Verhalten von Journalisten in sozialen Netzwerken an, welche zunehmend wichtige berufliche Instrumente sind, können wir einen anhaltenden Kampf beobachten: Den Kampf, zwischen beruflichen und persönlichen Blickwinkeln zu differenzieren.

Um auf Plattformen wie Twitter erfolgreich zu sein, reicht es nicht mehr einfach aus, Links zu den eigenen Stories zu posten. Man muss ebenso sehr eine persönliche wie auch eine berufliche Rolle präsentieren. Dies ist eine Angelegenheit, mit der sowohl viele Journalisten wie auch ihre Arbeitgeber zu kämpfen haben.

In welchem Maße können auf Twitter ausgedrückte persönliche Ansichten die eigene Berichterstattung beeinträchtigen? Die erfolgreichsten Journalisten haben durchaus ausgeklügelte Markenzeichen entwickelt und viele Arbeitgeber haben gerade dadurch entsprechende Erwartungen an ihre Reporter.

Meinung ist wichtig in diesem Mix, wie Journalisten sehr gut wissen, da Meinungsseiten in Zeitungen schon immer zu den beliebtesten Rubriken gehörten.

Zugleich sind Arbeitgeber misstrauisch, dass das persönliche Verhalten der Journalisten auf Twitter nicht mit dem Markenzeichen des Unternehmens in einen Konflikt gerät. Es hat einige öffentliche Fälle gegeben, in denen Journalisten aus diesem Grund ihren Job verloren haben. Die Richtlinien von sozialen Netzwerken sind immer noch undeutlich und wechselhaft.

Einige Journalisten führen jetzt einen Haftungsausschluss auf ihren Twitter-Profilen, dass ihre Ansichten bloß ihre eigenen sind. Eine neue Studie, die ich mit meinem Kollegen Axel Bruns durchgeführt habe, zeigt, dass 30% der australischen Journalisten Gebrauch von dieser Option machen. Das verhindert jedoch nicht unbedingt Konflikte und bedeutet nicht, dass sie so einer Bestrafung entfliehen.

Was nun?

Was heißt das also für die Journalisten, die über die Asylsuchenden berichten, aber beim Twittern auch den Hashtag #letthemstay benutzen? Es ist eine unglaublich verzwickte Angelegenheit. Journalisten müssen ihre eigene wohlüberlegte Entscheidung treffen, wie sie mit dem Hashtag umgehen wollen, da eine bloße Benutzung in einem Tweet nicht unbedingt auch Befürwortung signalisiert.

In solch einer emotionalen Angelegenheit ist es unrealistisch zu erwarten, dass sie keine Meinung haben und es könnte sogar gut für sie sein, offen damit umzugehen.

Journalisten, die ihre Meinung äußern und ihre Voreingenommenheit aussprechen, könnten als ehrlicher angesehen werden und zu einer zunehmenden Transparenz journalistischer Arbeit beitragen – sogar zu einer Entwirrung des Handwerks. Dies würde es dem Publikum wiederum erlauben, die konsumierten Nachrichten mehr zu schätzen und besser zu verstehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

The Conversation

Teaser & Image „Yellow sign – Sanctuary rally #LetThemStay Melbourne“ by Takver (CC BY-SA 2.0)


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Folker Hanusch

Folker Hanusch

ist stellvertretender Professor und wissenschaftlicher Assistent an der Technischen Universität von Queensland. Seine Arbeiten konzentrieren sich auf den Bereich des Journalismus und deren Rolle in der Gesellschaft.

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