Hartmut Rosa (Bild: Heinrich-Böll-Stiftung [CC BY 2.0], via Flickr)

Hartmut Rosa über die digitale Beschleunigung der Gesellschaft

Unsere Gesellschaft setzt in der Digitalisierung auf Beschleunigung – warum und wo die Grenzen des Menschen liegen, erklärte Hartmut Rosa Ende Januar in Berlin. // von Christina zur Nedden

Hartmut Rosa (Bild: Heinrich-Böll-Stiftung [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Die Veranstaltungsreihe Hertie Forum Berlin beschäftigt sich mit dem Einfluss des digitalen Wandels auf Gesellschaft und Politik. Am 30. Januar diskutierte der Zeitforscher Hartmut Rosa gemeinsam mit dem Leiter der Hertie Stiftung Berlin, Michael Knoll, und anderen Gästen die soziale Beschleunigung als Grundprinzip der modernen Gesellschaft. Für Rosa kennt der Drang nach Beschleunigung nur eine Grenze: den menschlichen Körper. Bleibt die Frage offen, ob der Mensch vernünftig genug ist, diese Grenze zu akzeptieren.


Warum ist das wichtig? Die Digitalisierung steckt erst in ihren Anfängen, doch unsere Gesellschaft tut sich jetzt schon schwer, mit neuen Entwicklungen Schritt zu halten, aber noch fehlt eine breite Debatte über den Umgang mit der Digitalisierung.

  • Der gesenkte Blick und der Bildschirm charakterisieren inzwischen die moderne Gesellschaft,
  • Zwar spart die Digitalisierung zunächst Zeit, endet aber laut Hartmut Rosa im Beschleunigungs-Totalitarismus.
  • Hartmut Rosa meint, ein Zustand der Muße wird heute kaum noch erreicht werden.

Sieben Uhr früh: Der erste Blick aufs Handy. Schnell die ersten Emails lesen; wie wird das Wetter; was sagen die Nachrichten? Alle Infos auf einem kleinen Bildschirm – schnell und kompakt. In der Bahn rund um mich stumme Menschen mit gesenktem Kopf. Ich gucke mich kurz um und ernte irritierte Blicke: „Wieso schaut die denn nicht auf ihr Handy?„. Im Büro wartet auf mich ein größerer Bildschirm, den ich für die nächsten neun Stunden angucken werde. Er hilft mir all meine Arbeit zu tun und ist mein allmächtiges Fenster zu Welt. Abends gucke ich mir einen Film an, auf meinem Laptop. Dabei telefoniere ich noch ein bisschen.

Der Mensch mit dem gesenkten Blick und der Bildschirm als Monokanal der Welt“ charakterisiert laut dem dem Soziologen, Politikwissenschaftler, Autoren Hartmut Rosa die moderne Gesellschaft. Der Mensch ist „fixiert auf den Bildschirm„. Es bleiben wenige Orte der wirklichen Begegnung und oftmals sind auch diese von Bildschirmen begleitet.

Schuld daran ist unter Anderem die Digitalisierung. Oder muss man dankbar sein, dass nun alles schneller und einfacher ist als früher? Anstatt Briefe zu schreiben und sie mühselig zur Post zu bringen, kann man nun dank moderner Kommunikationstechnik bequem in 2 Minuten eine Email verschicken. Und doch hat jeder das Gefühl, dass die Zeit ständig knapp ist. Wenn Abläufe durch Digitalisierung beschleunigt werden, wie kann es dann sein, dass der Mensch trotzdem dauergehetzt und am Ende ausgebrannt ist?

Man könnte diesen Zustand vielleicht kurz als „More emails, more problems“ beschreiben. Die zunächst befreiende und befähigende Wirkung von schnellerer Kommunikation schlägt am Ende in einen Beschleunigungs-Totalitarismus um, mit dem der Mensch nicht mehr mithalten kann. Anders gesagt: zunächst spart man Zeit, indem man Emails unterwegs schreibt, später bearbeitet man aber so viele, dass man die gewonnene Zeit wieder verliert. Der Mensch wird gezwungen sich der neuen Geschwindigkeit seiner Technik anzupassen und versklavt sich somit selbst.

Hartmut Rosa ist bekannt als Zeitforscher. Er ist im Moment überall im Fernsehen und Zeitungen zu sehen. Zwischen den Jahren gab es mehrere Artikel zum Thema Stress und Entschleunigung,der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie oder dem beliebten Thema Burnout. Rosa wurde interviewt und zitiert, denn er spricht ein Thema an, was jeden betrifft und wo alle mitreden können. Schliesslich kennen wir alle das Gefühl gestresst zu sein und für nichts mehr Zeit zu haben.

Hartmut Rosa sieht die Beschleunigung von Prozessen und Ereignissen als Grundprinzip der modernen Gesellschaft. „Digitalisierung kam durch das Versprechen der Optionserweiterung in unseren Alltag„, sagt er in einer Veranstaltung des Hertie Forums Berlin am 30. Januar. „Digitalisierung war die Verheissung der Beschleunigung, des Zeitsparens und der erweiterten Möglichkeiten. Doch am Ende entwickeln technische Gegenstände ihre Eigendynamik und kontrollieren uns. Die erweiterten Optionen geben einem auch das Gefühl, dass man mehr zu erledigen hat und ständig vor dem Abgrund flieht„. Laut Rosa entstehen Krankheiten wie Burnout und Boreout nicht durch zu viel Arbeit (er nennt hier die Trümmerfrauen als sein Lieblingsbeispiel), sondern durch eine Art Sysyphos-Dauerzustand, der am Ende im „rasenden Stillstand“ endet.

Digitalisierung als Killer der Muße

Digitalisierung stresst uns nicht nur, sie ist auch ein Mörder. „Die Muße ist die Schwester der Freiheit„, sagte Aristoteles. Laut Hartmut Rosa kennt der moderne Mensch den Zustand der Muße nicht mehr und ist daher auch nicht frei. „Muße ist nicht mit Faulenzen zu verwechseln, sondern kann mit dem Gefühl des Feierabends verglichen werden. Das bedeutet dass das Tagwerk getan ist und man einen Zustand der Ruhe geniesst. Digitalisierung verhindert diesen Zustand, indem es Beruf und Privatleben vermischt. Man hat ständig das Gefühl noch etwas tun zu müssen/em>“, so Rosa.
Doch wie soll man den Schritt raus aus der Mühle machen und Raum für Muße und Kreativität schaffen? Schalte ich am Wochenende mein Telefon ab, werde ich abgehängt, verliere vielleicht sogar meinen Job und meine Lebensgrundlage. Die Konkurrenz schläft nunmal nicht. „
Es gibt kein richtiges Leben in einem falschen System„, entmutigt Hartmut Rosa. Es bringe nichts sein Leben zu entschleunigen, denn das moderne Wirtschaftssystem beruht nun einmal auf Wachstum durch Beschleunigung. Entschleunigung schadet der Marktwirtschaft und somit auch der Einzelperson, die im Wettbewerb zurückfällt. So traurig das auch klingt. Da kann man noch so viele Zeitmanagement-Ratgeber lesen und auch der kurze Yoga-Urlaub, die Slow Food Bewegung und der Kloster-Aufenthalt ohne Internet bleiben „kleine Oasen der Scheinmuße„.

Wenn die Muße tot ist und wir uns nur noch im Hamsterrad drehen, wird es dann noch Raum für Innovation und weltbewegende Ideen à la Aristoteles geben?

Wie viel Geschwindigkeit verträgt unsere Gesellschaft?

Der Trend der Gegenwart ist harder, better, faster, stronger. Das sieht man nicht nur im digitalen Bereich sondern auch daran wie Transport und Produktion oder auch Drogenkonsum (i.e. Koffein, Energydrinks, Ecstasy) alle auf ein schnelleres Tempo setzen. Doch wie weit kann man sich noch steigern?

Rosa erinnert an die Theorie der drei Geschwindigkeitsrevolutionen des französischen Philosophen, Paul Virilo: Nach der Transportrevolution, die Güter schneller über die Erde verteilte, kam die Transmissionsrevolution in der wir uns heute noch befinden. Sie holt die Welt durch das Internet zu uns heran und wir müssen uns kaum noch bewegen. Die dritte Revolution ist die der Transplantation, wenn Technik und Körper miteinander verschmelzen. Auch wenn sich niemand vorstellen mag, seiner Tochtern einen Chip in den Kopf zu pflanzen, wird es irgendwann passieren, meint Rosa. Denn wer will schon dass sie im Vergleich zu den anderen Kindern auf der Strecke bleibt?

Wir werden also nie schnell genug sein. Und da gibt es ein massives Problem: der Körper ist immer noch der alte und somit ein Hindernis der Technisierung unserer Gesellschaft. Zwar versucht der Mensch durch mehr Fokus aus Fitness und bessere Ernährung mitzuhalten aber am Ende sind wir immer noch aus Fleisch und Blut. Wäre der Mensch eine Maschine, wären wir vielleicht jetzt schon viel schneller.


Teaser & Image by Heinrich-Böll-Stiftung (CC BY-SA 2.0)


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Christina zur Nedden

Christina zur Nedden

ist freie Journalistin und Volontärin an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin. Ihre veröffentlichten Texte gibt es auf ihrer Website christinazurnedden.com. Auf Twitter ist sie unter @czurnedden zu finden.

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