Handwerk 4.0: Die digitalen Klempner kommen

Die beste Autowerkstatt online finden? Den Fahrradreparaturdienst per Twitter anheuern? Klimaanlage im Netz planen? Die Digitalisierung der Handwerksbranche, auch Handwerk 4.0 genannt, läuft in Deutschland auf Hochtouren.

Handwerk 4.0 – was ist das eigentlich?

Angelehnt an das Prinzip der Industrie 4.0, heißt dies, dass Abläufe und Arbeitsprozesse im Handwerk zunehmend digitalisiert werden. Sprich: Was vorher Menschen erledigt haben, übernimmt nun ein Computer, beziehungsweise eine Software und irgendwann wahrscheinlich ein Roboter. Die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz definiert den Begriff folgendermaßen:

„Handwerk 4.0 beschreibt Betriebsstrukturen, Arbeitsprozessabläufe, Produkte und Dienstleistungen von Handwerksbetrieben, die in einem bisher noch nicht dagewesenen Maß digital vernetzt, adaptiv wissensbasiert und aus Kundensicht höchst intelligent in Erscheinung treten.“

Ganz klar, die Handwerksbranche ist im Wandel. Das hat auch die Politik erkannt, und sieht offensichtlich Handelsbedarf. So hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie als Teil der Förderinitiative „Mittelstand 4.0 – Digitale Produktions- und Arbeitsprozesse“ das Kompetenzzentrum „Digitales Handwerk” ins Leben gerufen. Von Infoveranstaltungen über Webinare bis hin zu Lehrvideos. Hier können traditionelle Handwerksbetriebe wie Dachdecker oder Bäckereien Informationen rund um die Digitalisierung ihres Fachfelds bekommen.

Auch ein Blick auf die Branchenpublikation handwerksblatt.de bestätigt, dass Handwerksbetriebe sich zunehmend digitalisieren. Viele Veröffentlichungen widmen sich explizit dem digitalen Wandel der Branche. Neben einer ganzen Serie „Handwerk 4.0” werden zum Beispiel regelmäßig Artikel mit Titeln wie „Cyberangriffe auf Handwerksbetriebe” oder „Online-Shops lohnen sich auch für Handwerker” veröffentlicht.

Der starke Fokus auf die Digitalisierung des Handwerks ist jedoch keine Einbahnstraße. Sie ist auch eine Antwort auf verändertes – digitales – Kundenverhalten. Nach einer Umfrage der Gelbe Seiten Marketinggesellschaft läuft beispielsweise das Suchen und Finden von Diensten, auch von Handwerkern, zunehmend im Internet ab. Demnach:

  • recherchieren 80 Prozent der 18 bis 39-Jährigen im Web
  • suchen 42 Prozent der Deutschen nach Handwerkern zuerst online statt Bekannte zu fragen
  • werden 25 Prozent aller Anfragen ab 2020 online gestellt

Startups stürmen die Handwerksbranche

Gerade junge Gründer sind sich darüber im Klaren, dass die nächste Welle von Kunden die Digital Natives sind. Und die suchen, wie diese Zahlen belegen, nicht mehr im Telefonbuch nach einem Klempner. Das Handwerk 4.0 ist für diese Kunden keine Entwicklung. Es ist bereits die grundsätzliche Erwartungshaltung an die Branche.

Bastian Scherbeck, Andreas Schmidt und Peter Pawlitzek gründeten zum Beispiel ihr Startup Livecycle, weil ihnen der Service bei Fahrradreparaturen gelinde gesagt, „unterirdisch” erschien, wie sie im Interview verrieten. Der Kunde sei bisher kaum ernst genommen worden. „Wenn dein Fahrrad kaputt ist, musst du es selbst in die Werkstatt bringen und dann auch noch lange auf die Reparatur warten. Wenn das dein Haupttransportmittel ist, ist das eigentlich nicht akzeptabel“, sagt Bastian Scherbeck.

Bei Livecycle drehen die Gründer daher das Prinzip um: Die Handwerker kommen zum Kunden und reparieren das Fahrrad vor Ort. Alles von der Terminvereinbarung über die Preisfrage wird vorab online geregelt. Schneller, zeitsparender, billiger ist auch das Motto von Caroobi. Das Berliner Startup bringt auf einer Online-Plattform Autowerkstätten mit Autobesitzern zusammen. User geben hier ein, welche Reparaturen sie benötigen und können anschließend verschiedene Angebote online vergleichen – und direkt über die Webseite buchen. Damit wollten sie Autoreparaturen übersichtlicher, transparenter, flexibler und einfacher gestalten, sagen die Gründer.

Ein Wandel der klassischen Handwerksdienste

So machen gerade viele klassische Handwerksdienste wie das Bodenhandwerk, Malerbetriebe oder Dachdecker eine digitale Wandlung durch, oft angetrieben durch junge Gründer.

Robin Lanzer ist einer dieser Gründer. Der gelernte Farben- und Lackentwickler mit BWL-Studium arbeitet seit 17 Jahren im Handwerk. Mit seinem Startup Jeez will er den lästigen Baumarkt-Besuch überflüssig machen. Seine Idee ist dabei ähnlich wie der Ansatz von Livecycle. Wenn es für Kunden zu umständlich ist zum Baumarkt zu gehen, kommt eben der Baumarkt zum Kunden. Statt also selbst stundenlang von einer Abteilung zur anderen zu rennen, Farben, Bodenbeläge, Regale und Nägel zu suchen, kommen die Experten von Jeez zu den Kunden in die Wohnung. Die Beratung findet in den eigenen vier Wänden statt. Auch hier wird der Service im Netz gebucht, sodass Kunden so wenig Zeit und Nerven wie möglich verlieren.

Das ist ebenfalls der Ansatz von Stegimondo. Das Startup mit Sitz in Berlin positioniert sich selbst wiederum als „Der Online Dachdecker“ und wirbt mit Attributen wie Schnelligkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit um seine Dienste.

All diese Beispiele zeigen: Das Handwerk 4.0 ist keine Zukunftsvision, es ist bereits Realität. Einige Brancheninsider sind daher der Meinung, dass traditionelle Handwerksbetriebe nur zwei Optionen haben: Voll in die Digitalisierung einsteigen – oder untergehen.


Image (adapted) „Workbench and Tools“ by Jeff Sheldon (CC0 Public Domain)

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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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