NZZ-iPad (Bild visualpun.ch [CC BY-SA-2.0], via Flickr)

Gutjahr: „Apple hat mehr für Journalismus getan als die Verlage“

Der bekannte Blogger Richard Gutjahr redet im Interview mit Jakob Steinschaden über die Zukunft der Medienwelt.

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Richard Gutjahr ist für mich einer der lesenswertesten Online-Publizisten überhaupt. Er ist zwar auch Nachrichtenmoderator beim Bayrischen Rundfunk, doch als erster iPad-Besitzer der Welt und seinen Berichten darüber ist er 2010 erst so wirklich bekannt geworden. Mit seiner Live-Berichterstattung vom Tahrir-Platz während der Ägyptischen Revolution hat er noch einen draufgelegt, und derzeit wandelt sich der einstige Apple-Fanboy zu einem der lautstärksten Überwachungs-Kritiker im deutschsprachigen Raum. Zusätzlich kann man mit Gutjahr auch hervorragend die Zukunft der Medienwelt diskutieren, was ich kürzlich mit ihm in Wien getan habe.


  • Richard Gutjahr bezeichnet sich als Hybrid aus der alten Welt des Journalismus und der neuen Welt des Bloggens.
  • Ein Blog sollte laut Gutjahr für einen Blogger Teil seiner Identität werden und zwar ein repräsentativer Teil.
  • Apple hat laut Gutjahr mehr für den Journalismus getan als Verlage, denn es ermöglichte Kreativität und Innovation und für digitale Inhalte auch zu zahlen.

Jakob Steinschaden: Du moderierst die Nachtausgabe der Rundschau des Bayrischen Rundfunks und bloggst sehr erfolgreich unter gutjahr.biz. Als was siehst Du Dich selbst – Journalist oder Blogger?

Richard Gutjahr: In einem Wort: Journalist. In mehreren Worten wird´s schon schwerer. Ich bin noch auf der Reise und weiß noch nicht, wo die hinführt. Ich merke, dass das alte Modell nicht mehr funktioniert, und das neue noch nicht. Deswegen bin ich ein Hybridmodell. Ich weiß nicht, ob ich morgen meinen klassischen Job nur mehr als Hobby betreibe. Eines weiß ich aber: Ich kann das eine nicht mehr ohne das andere ausüben. Nur aufs Bloggen konzentrieren, geht nicht, mich nur mehr in die öffentlich-rechtliche Hängematte zu legen, das geht auch nicht mehr. Diese Zeiten sind vorbei.

Nur vom Bloggen könntest Du derzeit also nicht leben.

Direkt definitiv noch nicht, indirekt aber ja. Zu “indirekt” zähle ich Dinge, die sich aus meinem Blog heraus ergeben. Mein Blog ist eine Visitenkarte, die mir Aufträge verschafft. Ich gebe Kurse, halte Vorträge, mache Workshops, schreibe für andere und produziere Filme. Diese Aufträge würde ich aber nicht bekommen, wenn ich nicht gebloggt hätte, weil mich sonst niemand gefunden hätte. Der Bayrische Rundfunk ist zwar ein Schutzwall, der mich vor der Arbeitslosigkeit bewahrt, aber auch eine Mauer, hinter der man mich als Individuum nicht findet. Ich sitze jetzt oben auf der Mauer und spiele einmal auf der einen und einmal auf der anderen Seite des Spielfelds.

Fast 30.000 Twitter-Follower, 3400 Facebook-Fans, 13.400 Google+-Follower – du bist eine der stärksten deutschsprachigen Social-Media-Marken. Wäre es für Dich vorstellbar, ein eigenes, selbstständiges Online-Medium zu gründen?

Dazu fehlt mir das Geschäfts-Gen. Ich weiß zwar vielleicht, wie man Geschichten schreibt und unter die Leute bringt – meine Buchhaltung gleicht allerdings der Kammer des Schreckens. Nein, wirklich! Excel-Tabellen sind mir ein Graus, und der Gedanke, mich um Werbeerlöse, TKPs, ROIs und solche Dinge kümmern zu müssen, das wäre für mich der reinste Alptraum!

In Österreich ist Armin Wolf mit 87.000 Twitter-Follower und 114.000 Facebook-Fans der Social-Media-Star schlechthin. Könnte er sein eigenes Medium gründen?

Ja, Armin Wolf sollte definitiv sein eigenes Medium gründen. Es gibt nicht viele, die das können, aber dem Armin Wolf traue ich das auf jeden Fall zu. Er ist eine starke Personenmarke, die auch deutschlandweit bekannt ist, und zwar nicht nur in der Medienszene. Ihn kennt man auch, wenn man nicht in der Medienbranche tätig ist, und das hat er geschafft, weil er diesen Rückkanal aktiv bespielt und dort als Person und nicht nur in der Funktion ORF-Moderator erfahrbar wird. Man spürt, dass er Twitter und Facebook nicht nur als Link-Schleuder benutzt, sondern auch zuhört und antwortet. Das meinen immer noch viele Journalisten, nicht nötig zu haben.

Glaubst Du, dass künftig neue Medien, die groß werden, von solchen Leuten gegründet werden und ihren Namen tragen werden – so, wie die „Huffington Post“ den Namen ihrer Gründerin trägt?

Wir brauchen keine „Huffington Post“, um zu sehen, dass jemand wie der Armin Wolf schon sein eigenes Medium ist. Er hat keine eigene Online-Gazette, aber er ist schon ein kleines Medienunternehmen. Er ist für mich auch immer ein Vorbild, weil er schon einen Schritt weiter ist als die meisten von uns. Er kombiniert die alten Tugenden aus dem klassischen Journalismus mit den technologischen Tools der Gegenwart, und ich glaube, dass das die Antwort ist. Er vereint das Beste aus beiden Welten, und ob man das unter dem Dach der „Huffington Post“ macht oder als Person für sich selbst lebt, macht für mich keinen Unterschied.

Sollten junge Blogger ihre Seite nach sich selbst benennen?

Definitiv. Das ist das Cleverste, was sie machen können. Ich kenne viele Verlage, die ihre Praktikanten dazu ermuntern oder sogar dazu verdonnern, einen Blog zu machen. Das Blog, das in der Dienstzeit entsteht, gehört dem Verlag, aber nicht der eigene Name. Benutzt euren eigenen Namen, den kann euch niemand wegklagen oder verbieten.

Der eigene Name hat wohl auch den Vorteil, dass man nicht an ein bestimmtes Thema gebunden ist.

Genau. Ich habe den Wiener Blogger Fabian Pimminger etwa als Apple-Blogger kennengelernt, aber er bloggt seit einem Jahr nicht mehr über Apple. Der hätte jetzt ein Problem, wenn sein Blog einen Apple-Namen hätte, aber kein Apple mehr drin ist.

Du kennst klassische Medien wie den BR, Süddeutsche Zeitung oder CNN von innen. Warum fällt denen die mediale Zukunft so schwer, die mit dem Internet kommt?

Das Problem ist, dass die Generation, die in den großen Medien am Ruder sitzt, keine Krise kannte. Da hatten Konjunkturkrisen, aber keine Strukturkrise. Bei denen hat die Sonne immer geschienen, und denken: Das mit dem Internet geht schon wieder vorbei. Jetzt haben sie tatsächlich ein Problem, weil sie dachten, sie können sich da irgendwie durchwurschteln. Diejenigen, die neu im Geschäft sind, sind in eine andere Welt hineingeboren. Die haben gelernt zu kämpfen und sehen, dass etwas grundsätzlich nicht mehr stimmt. Die tun sich natürlich leichte, auf diese neue Medienrealität flexibel einzustellen.

Der Axel-Springer-Verlag hat kürzlich BildPlus gestartet, wo einige Artikel von Bild.de nur mehr gegen Gebühr zu bekommen sind. Ist das aus Deiner Sicht ein interessantes Modell?

Ich glaube, die werden scheitern. Ich wünsche ihnen zwar, dass ich danebenliege, aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass das der falsche Ansatz ist. Das Problem ist nicht, dass es eine so genannte Gratis-Kultur im Netz gibt, das stimmt nicht. Die Leute wollen zahlen, sonst gebe es eBay, Amazon oder Apple mit seinem iTunes Store nicht. Es gibt zwei Fehler: Man hat es den Menschen unheimlich schwer gemacht, überhaupt mal zahlen zu dürfen. Bis vor wenigen Jahren hat man einfach nicht die Möglichkeit gehabt, eine einzelne Zeitung digital zu kaufen. Kein Mensch kauft sich ein ganzes Monatsabo, wenn er nur eine Story lesen will. Das andere Problem ist die Entbündelung. Früher kaufte man den Sportteil mit dem Wirtschaftsteil mit, aber heute will man vielleicht nur einen Teil. Verlage sagen aber, dass das nicht möglich ist, weil sich Minibeträge nicht rechnen.

Wieso sollten Micropayments funktionieren?

Schauen wir in andere Branchen: Wenn ich hier in Österreich mit dem Handy telefoniere, kriege ich bis zur vierten Stelle nach dem Komma genau aufgeschlüsselt, was mich Gespräche hier gekostet haben. Außerdem verdienen sich die Telekom-Konzerne mit der Abrechnung von Einzel-SMS dumm und dämlich. Zu denken, dass das nicht mit einem gut recherchierten Artikel funktioniert, ist falsch. Wenn man diesen einen Artikel genau jetzt an der Bushaltestelle am Smartphone lesen wollen, natürlich drücken die auf den einen Knopf, mit dem sie bezahlen können. Verlage bieten das nur deswegen nicht an, weil sie sich nicht mit anderen Verlagen zusammentun wollen und ein gemeinsames Abrechnungsmodell einführen. Man meldet sich ja auch nicht bei 20 verschiedenen iTunes an, um alle Lieblingssongs zu bekommen. Es müssen alle Artikel unter ein Dach, aber dafür geht es den Verlagen noch nicht schlecht genug, um mit der Konkurrenz zusammenzuarbeiten. Es ist ja nicht so, als wäre die deutsche oder österreichische Medienlandschaft extrem fragmentiert. Man muss nicht 50 verschiedene Verleger an einen Tisch holen, in Deutschland würden drei Verlagseigentümer reichen, und man hätte 90 Prozent der Presse an einem Tisch. Es kann mir keiner erzählen, dass das nicht machbar wäre.

Du hast mit der Rundshow 2012 im BR ein Social-TV-Experiment gemacht, bei dem die Interaktion mit dem Publikum zentral war. Nach vier Wochen war es aber wieder vorbei – warum?

Die Rundshow war ein Kinderspielplatz, der zufällig auch noch ausgestrahlt wurde. Es war von Anfang an nie als eigenständige TV-Show, sondern als Labor gedacht. Das eigentlich Zukunftsweisende war, so etwas mal in einem öffentlich-rechtlichen Haus ausprobieren zu können. Wir konnten mit diesem Rückkanal experimentieren, über den Kommunikationswissenschaftler seit Jahrzehnten orakeln. Jetzt ist er da, und wir haben keine echte Antwort darauf, was man mit diesem Rückkanal anfangen kann. Wir wollten austesten, wie “lean forward” die Menschen wirklich sind, wie der “Second Screen” wirklich ankommt.

Was habt ihr gelernt?

Social-TV-Formate sind prädestiniert für Aktualität und Emotionalität, also für Live-Shows und Unterhaltung. Das können Casting-Shows sein, aber auch Sport. In Deutschland haben wir erfahrungsgemäß 80 Millionen Bundestrainer, und die wollen natürlich alle mitquaken und wissen´s besser. Dafür sind Second-Screen-Angebote sehr gut. Wir haben auch gelernt, dass Twitter gegenüber Facebook das Killer-Feature ist. Twitter hat den Vorteil, dass man durch einen Hashtag nur mit den Leuten reden kann, die die Sendung auch sehen, und man will zwischendruch eben keine Katzenbilder wie bei Facebook bekommen. Dass Facebook jetzt auch Hashtags nachgemacht hat, ist nicht überraschend, weil Facebook Fernsehen braucht. Twitter funktioniert mit Fernsehen fantastisch, Facebook überhaupt nicht. Un außerdem wollen die Leute keinen großen Computer auf der Couch, sondern eben ein Smartphone oder ein Tablet.

Du hast früher viel über Apple gebloggt und das erste iPad ever bekommen. Heute schreibst Du viel über PRISM und Überwachung. Hat dich das Alter ernster gemacht?

Ich habe tatsächlich eine Wandlung vollzogen. Ich habe gelernt, dass anders als im TV, wo es eine Deadline gibt, in der Online-Welt alles im Fluß ist. Das Spannendste für einen Blogger ist nicht das Schreiben sondern das, was nach der Veröffentlichung mit einem Text passiert, wenn die Leute kommentieren, auf Fehler hinweisen, neue Themen vorschlagen und einen auf Ideen bringen. Apple-Fan war ich nur deswegen, weil sie in den vergangenen 20 Jahren mehr für den Journalismus getan haben als die meisten Verleger und Senderchefs zusammen. Sie haben es mir ermöglicht, für bezahlbares Geld eine Schülerzeitung zu machen. Podcasts gäbe es ohne Apple nicht, Zeitungen online abzurufen, würde ohne Apple einfach keinen Spaß machen.

Spätestens seit Prism kannst Du kein großer Apple-Fan mehr sein.

Das hat damit nichts zu tun, weil ja alle, sei es Apple, Google, Facebook oder Microsoft, mitgemacht haben. Aber ich werde halt auch älter, und Apple wird auch nicht unbedingt besser.


Teaser by visualpun.ch (CC BY-SA 2.0)


Image by Jakob Steinschaden


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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