Google Plus (Bild: Fabrizio Van Marciano [CC BY 2.0], via Flickr)

Google+: Zwangsbeglückung auf YouTube, Android und Maps

Google zwängt sein Social Network in all seine anderen Dienste hinein, was es nicht unbedingt sympathischer macht – doch bald wird man nicht mehr darum herumkommen. // von Jakob Steinschaden

YouTube (Bild: Mario Anima [CC BY 2.0], via Flickr)

Why the fuck do i need a google+ account to comment on a video?” Ja, das hat auch YouTube-Gründer Karim Jawed überrascht, dass Google mit seinem neuen Kommentar-System bei YouTube ernst macht und von den Nutzern, die weiterhin kommentieren wollen, verlangt, dass sie ihren Account mit einem Google+-Profil verknüpfen. Der Internetkonzern will so die Qualität der oft rüden Postings verbessern – doch hinter dem Schritt steckt ach wirtschaftliches Kalkül.


  • Bei YouTube lässt sich ohne Google+-Profil nicht mehr kommentieren.
  • Auch das Betriebssystem Android und Maps werden immer stärker mit Google+ verdrahtet.
  • Der Internetkonzern will Google+ zu einem maximal auswertbaren Mega-Profil machen.

In den bisherigen acht Jahren YouTube-Betrieb ist eine der größten Online-Communities der Welt gewachsen – mehr als eine Milliarde User soll das Video-Portal haben, und die hinterlassen natürlich ihre Spuren. Und zwar nicht nur in Form von hochgeladenen Videos, sondern auch in den Kommentaren unter diesen. Weil bei YouTube bis vor kurzem jeder mit Nickname posten konnte, waren und sich auch viele Trolle unterwegs, die beleidigende, dumme, ja manchmal sogar verhetzende und rechtlich belangbare Postings veröffentlichen. Dem will YouTube-Eigentümer Google jetzt Herr werden: Wer künftig Videos kommentieren will der muss seinen YouTube-Account mit Google+ verknüpfen. Kommentare werden dann personalisiert (jene von Google+-Kontakten oben), und Channel-Betreiber sollen ihre Foren einfacher administrieren können. Zwar darf man seinen Nicknamen behalten, doch im Hintergrund laufen sämtliche Nutzeraktivitäten auf Google-Diensten (von Gmail über Maps bis hin zu Android) in einem Profil zusammen – und in diesem Profil wird der User, ob er will, ziemlich eindeutig identifiziert. In Deutschland etwa stellen Behörden tausende Auskunftsersuchen zu Nutzerdaten an Google – fortan lässt sich so etwa eruieren, welche Gmail-Adresse oder welches Google+-Profil hinter welchem YouTube-Posting steckt.

Zwar kann man natürlich weiterhin einen Google-Account betreiben, ohne eindeutig erkannt zu werden – nur wird das künftig immer schwerer werden. Denn Google zwängt seinen vermeintlichen Facebook-Rivalen Google+ in immer mehr seiner anderen Dienste hinein und will so eine ultimatives Identitätssystem schaffen, das der Nutzer überall verwenden soll. Beim mobilen Betriebssystem Android etwa: Wer hier seine Fotos automatisch in der Google-Cloud (a.k.a. Drive mit 15 GB Gratisspeicher) ablegen will, der braucht natürlich einen Google+-Account. Oder beim Smartphone-Assistenten Google Now, das unter anderem automatisch die Fahrzeit zum Arbeitsplatz oder nach Hause berechnet – da will Google plötzlich, dass man seine Pendlerroute automatisch auf Google+ teilt. Oder bei Google Maps: Wer einen Erfahrungsbericht zu einem Restaurant abgeben will, muss das auf der entsprechenden Google+-Seite tun. Oder eine App im Play Store bewerten – auch hier braucht es – erraten – einen Google-Account. Bald will der Internetkonzern auch die Kontaktlisten auf Android-Smartphones mit Google+ abgleichen – Einträgen werden dann die Google+-Profilbilder automatisch zugeordnet.

Wie die Geschichte weiter geht, ist leicht zu erahnen: Irgendwann wird man jedes Google-Produkt (und davon gibt es viele bestehende und künftig einige neue, man denke nur an Google Glass oder die selbstfahrenden Autos) ausschließlich mit seinem Google+-Account bedienen, und sämtliche Aktivitäten werden schön geordnet zentral erfasst und verarbeitet. Der Internet-Konzern kann so Unschärfen in den Nutzerdaten beseitigen (wer ist bloß dieser thomas6145, der da dauernd auf YouTube kommentiert??) und Nutzungsverhalten aus nahezu allen Lebensbereichen in einem Mega-Profil zusammenführen: Arbeit (Kalender, Gmail, Docs, Suche), Freizeit (YouTube, Blogger, Picasa), mobil (Android, Maps). Google+ ist da natürlich kein Facebook-Rivale im engeren Sinne, weil es weniger dazu dient, lustige Katzenfotos zu posten, sondern ist vielmehr der zentrale Datenhort zu einer bestimmten Person.

Ziel der Übung: Profitmaximierung. Im Quartalsrhythmus muss sich Google (Q3: 12,54 Mrd. US-Dollar Werbeumsatz) ansehen, wie die Werbeumsätze von Facebook wachsen (Q3: 1,80 Mrd. US-Dollar Werbeumsatz) – und sie wachsen vor allem deshalb, weil Facebook derzeit viel genauere Daten über seine Nutzer hat (Demografie, Interessen, Likes, Freunde, Location etc.). Google+ ist zudem unbeliebt, wie jüngst der Fall des RSS-Dienstes Feedly zeigte: Die Umstellung auf ein verpflichtendes Login per Google+-Account löste einen Sturm der Entrüstung bei den Nutzern aus. Für die meisten Nutzer ist Google+ ein reichlich leere Seite im Netz, auf der es kaum einmal etwas Spannendes (abgesehen von starken Nischen) zu sehen gibt – Facebook den Rang abzulaufen, hat Google nicht geschafft.

Doch mit der Vernetzung all seiner Dienste mit Google+ als Rückgrat kommt man dennoch an saftige Daten (Kontakte, Lieblings-Apps, Aufenthaltsort, Musik, Videos usw.) heran – und wer weiß, welche anderen Produkte sich Google zusätzlich zu YouTube und Android dazukauft, die dann auch nur mehr mit Google+-Login funktionieren. Bei WhatsApp, Groupon, Twitter, Flipboard oder Path hat der Suchgigant in der Vergangenheit bereits angeklopft.


Teaser by Fabrizio Van Marciano (CC BY 2.0)

Image by Mario Anima (CC BY 2.0)


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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