Google Wave – was ist das und wie geht das?

Seit einiger Zeit geistern Begriffe wie Realtime Web oder Pushbutton Web durch das Netz. Es geht dabei um Inhalte, die beispielsweise über Twitter ins Netz kommen und zur Konversation anregen können. Waren früher die Blogkommentare meist eine zeitversetzte Kommunikation zwischen Autor und Leser, sind Werkzeuge wie tumblr.com, posterous.com, friendfeed.com oder eben Twitter eher Wege, um schnell ein Thema oder Problem zu diskutieren. Die Suchmaschinen tun sich noch schwer damit, dieses Web in Echtzeit abzubilden. Google denkt aber schon einen Schritt weiter – mit Google Wave.

Denn es wäre reichlich einfältig zu denken, dass die alte dokumentenbasierte Art, Inhalte im Web zu publizieren nun dem Untergang geweiht ist. Im Gegenteil. Das Echtzeitweb stellt eine Art Metaebene dar, die über diese „statische“ Inhalte eine Diskussion ermöglicht oder einfach den Zusammenhalt und die Bindung zwischen Menschen online fördert.

Woraus besteht Google Wave?

Zunächst ist es eine sogenannte Client-Server-Plattform, die zwischen verschiedenen Nutzern eine nachvollziehbare und jederzeit wiederauffindbare Schicht an Daten ermöglicht, die sowohl die Gespräche als auch eingebundenen Binärdaten wie Video, Bilder, Audio oder eben z.B. Word-Dokumente verlinkt oder mitransportiert und darstellt.

wave2Wave kann in jeden bestehenden Webauftritt eingebaut werden. Entwickler könne ihre eigenen Anwendungen oder Spiele erstellen und in Google Wave einbinden. Der Code von Wave ist Open Source. Alle Inhalte können wie bei einem Wiki editiert und verändert oder mit Kommentaren versehen werden. Jeder kann direkt jeden einzelnen Buchstaben erkennen, den ein anderer an einem Text gerade eingibt – in Echtzeit. Auch die Rechtschreibhilfe wird in Echtzeit stattfinden wie wir das schon von Textverarbeitungen und E-Mailprogrammen kennen. Aber anders als bei E-Mail wird es keine Anhänge geben denn alles wird sofort in Echtzeit angezeigt – eben auch fremde oder eigene Inhalte, die man per drag&drop auf die Oberfläche legt.

Was ist nun eine Welle (Wave)?

Eine Welle ist ein neues Thema bzw. ein neuer Thread, den jemand anlegt und zu dem alle etwas beitragen können – wie eben Kommentare, Bilder oder Videos. Man kann beispielsweise gemeinsam ein Dokument bearbeiten. Entweder tut man dies synchron, also wenn beide zur gleichen Zeit online sind, oder asynchron, wie bei E-Mails. Google Wave speichert alle Schritte und ruft sie demjenigen auf, der das Dokument weiterbearbeiten will. Es ist also eine Art Versionierung enthalten inklusive einer Benachrichtigung über alle Änderungen. Man kann es also als eine Mischung aus E-Mail, Chatprogramm, Wiki, Blog und Fotoportal bezeichnen, das als Kollaborationsportal daherkommt.

Unterhalb der Wave-Ebene gibt es dann so genannte Wavelets, die Unterthemen zu einer Wave bilden und ein spezielles Thema vertiefen oder Nebenthemen eröffnen. Die kleinste Einheit ist dann ein Blip, also ein einfacher Kommentar oder eine Antwort, die man senden kann. In dem Blip könnte man also einfach ein Youtube-Video zu einem Aspekt einbinden und „Schau Dir mal an, wie die das machen“ dazu schreiben.

wave3Es gibt aber auch Applikationen innerhalb einer Wave, die man aufrufen kann – entweder Robots oder Gadgets. Ähnlich wie die Facebook-Applikationen können hier auf der Basis von OpenSocial allerlei zusätzliche Quellen eingebunden werden oder ganz Funktionen implementiert werden. Robots sind automatisierte Dienste, die Twitter-Inhalte mit einem bestimmten Hashtag einbinden oder aktuelle Aktienkurse zu einer Firma einbleden etc. pp. Man kann aber mit der Google-Wave-API auch einfach ein Schachspiel darstellen und den Nutzern verfügbar machen. Es gibt bereits tausende von iGoogle- und OpenSocial-Gadgets, die durch Wave an Wert gewinnen, weil nun Mehrspielerversionen sinnvoll umsetzbar sind – sowohl für den Spaß als eben auch für gemeinsame Abstimmung über Inhalte oder Dokumente ist das ein Schritt nach vorne. Und die Robots verhalten sich so wie IM-Robots aus früherer Zeit, nur eben smarter, denn sie können mit den Nutzern interagieren, da sie wie Chat-Teilnehmer auftreten.

Und dann gibt es noch die Wave Embends. Bisher gibt es zwei, eines für die Diskussionen von YouTube-Videos auf einer beliebigen Website und das andere ist eher ein Darstellen mehrerer Waves auf einer Homepage.

Wer tiefer einsteigen will, findet beim Wave Protocol mehr Information oder steigt in die Entwicklung ein und schaut sich die API an bzw. den Wave Embed Developer Guide.

Fazit: Was ist Wave denn nun und wird es gut?

Zunächst ist es ein Novum bei Google. Denn das erste Mal bietet Google von vornherein eine Plattform an wie Twitter oder FriendFeed, die die Konversation im Web in den Mittelpunkt rückt und nicht Suchfunktionen oder das Abbilden bestehender Office-/ E-Mail-Software im Netz. Insofern verlässt Google jetzt den Ansatz, einfach lokale Funktionen ins Netz zu bringen und gestaltet einfach eine Plattform, die beide Welten sinnvoll vereint. Klappt das Vorhaben, dann werden viel Nutzer des Realtime-Webs diese Plattform bevorzugen, weil sie gutes Potenzial hat, Facebook, MySpace und Xing genauso zu beerben wie auch die entstehenden Social-Web-Anwendungen in den Firmen (Enterprise 2.0). Durch das Öffnen der Plattform für allerlei soziale Netzwerke bleibt viel Potenzial, denn letztlich kann man in so einem Netz  nicht mehr betreiben als Kontaktmanagement. Das Pflegen dieser soziale Bindungen über Statusmeldungen war und ist etwas mühsam. Bei Twitter haben wir schon das Potential bei den 30-50Jährigen gesehen. Wenn die Jüngeren nun Wave als neue und extrem erweiterte Chatplattform annehmen, könnte es das erste Mal sein, dass man hier mit allen Altersgruppen themenbasiert virtuell diskutieren kann. Genau daran wird aber der Erfolg zu messen sein. Noch funktionieren die Gespräche über die persönlichen Seiten Einzelner in den Netzwerken oder den per Followerliste begrenzten Timelines bei Twitter. Eine Öffnung auf themenbasierter Ebene kann eine falsche Entscheidung sein. Lassen wir uns überraschen. Ab dem 30.September wissen wir mehr …

Bildnachweis: Google

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Jörg Wittkewitz

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)

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