Google Music: Ein Schmuddelkind schon im Bauch

Passt der Streaming-Dienst Google Music überhaupt zum vieltriebigen Internetunternehmen? // von Thomas Vorreyer

Google-Play-Music-for-Android

Eine Serie von Rückschlägen begleitet bislang die geplante Einführung von Googles neuem Streamingdienst Google Music. Nun schied auch noch der verantwortliche Product Manager unzufrieden aus dem Unternehmen. Derweil spielt Google mit dem Gedanken einer Übernahme von Marktführer Spotify. Doch so recht scheint das Konzept eines mit Abos bezahlten Musikstreamingdiensts nicht zum Internetriesen passen.


Warum ist das wichtig? Der Markt für Abo-Musikstreaming-Dienste ist, der derzeit wohl meist umkämpfte im digitalen Bereich – Google mischt mit, scheint aber keine feste Strategie zu haben.

  • Führungskräfte verlassen Google Music aufgrund fortwährender Verzögerungen und Uneinigkeit, über die Integration des Dienstes in das bislang kostenlose YouTube.
  • Die angestrebte Marktdominanz könnte sich der Konzern allerdings auch mit einer zusätzlichen milliardenschweren Übernahme des bisherigen Marktführers Spotify erkaufen – und so Facebook zuvorkommen.
  • Die Frage bleibt ungeklärt, ob das Bezahlabomodell überhaupt zu Googles bisherigem zugangsfreien werbefinanzierten Konzept passt.

Google und Musik-Streaming im Abo: Ein Kulturkonflikt

Es gibt ja noch einige Fragen rund um Googles sich derzeit in Arbeit befindenden neuen Streamingdienst. Da wäre der Streit um faire oder unfaire Lizenzen für zahlreiche Indielabels. Da wäre die ganz simple Frage, warum Google nicht seinen bereits bestehenden Streamingdienst Google Play weiter ausbaut bzw. bewirbt und integriert. Auch scheint bislang noch nicht geklärt, welche Features der an YouTube angeschlossene kommende Dienst enthalten soll und – vor allem – welche davon kostenpflichtig sein sollen – und welche nicht.

Gerade Uneinigkeiten über den letzten Punkt sollen bislang den Launch des bereits existierenden immer wieder verschoben, wie das Wall Street Journal berichtet. Sie sollen auch der Grund für den Abgang von Chris LaRosa sein, bis Freitag noch Product Manager bei Google für den Bereich Musik und somit zuständig für den Dienst. Schon im Herbst war Nikhil Chandhok, bei YouTube weltweit verantwortlich für Musik, Bezahlabos und Live Streaming innerhalb des Google Konzerns gewechselt.

Schwerer als solche Details könnte allerdings ein grundsätzlicher Kulturkampf sein: Googles Larry Page ist wahrlich kein Freund von Bezahlabos. Warum auch? Das Geschäftsmodell von Google – und von Facebook – war seit jeher das freie, aber werbefinanzierte Angebot von Inhalten (überwiegend user generated). Das gilt für die Suchmaschine ebenso wie für das 2006 erworbene Videoportal Youtube und fast alle anderen Dienste. Dem gegenüber stehen das kostenpflichtige Flatrate- bzw. Abosystem, auf das sich Amazon mittlerweile ausgerichtet hat, und Apples Store-Konzept.

Übernahme von Spotify möglich, aber kostspielig

Doch im Geschäft der bezahlten Musikstreamingabonnements mischen bis auf Facebook alle genannten Unternehmen mittlerweile mit oder arbeiten zumindest an einem solchen Angebot. Da ist es besonders interessant, dass der Marktführer auf diesem Gebiet, Spotify, derzeit allem Vernehmen nach seinen Börsengang vorbereitet. Das schwedische Unternehmen kann zählt derzeit 10 Millionen monatlich zahlende Kunden und damit doppelt so viele wie der zweitplatzierte Konkurrent Deezer. Und geht es nach einer alten, natürlich von ihren Ausnahmen bestätigten Regel, dann ist das Rennen damit fast schon entschieden: Denn in vielen Fällen hat sich bislang ein einziger Anbieter ein klares Monopol in seinem Gebiet erkämpfen können. Google bei den Suchmaschinen, Amazon beim Online-Versand, iTunes bei den MP3-Stores etc. pp. Nach dieser Logik könnten Spotify nur noch YouTube, der größte frei zugängliche Musikstreamingdienst (wenn auch in Videoform), oder Soundcloud, der zweitgrößte, mit ihren 1 Milliarde bzw. 250 Millionen Nutzern gefährlich werden, sofern sie ihr Geschäftsmodell ändern oder ergänzen.

Und obwohl Google genau das Potenzial von YouTube jetzt eben ausbauen will, fährt man doch eine zweigleisige Strategie: Die Kalifornier sollen versucht haben, Spotify noch vor dem Börsengang zu kaufen. Im Weg stand lediglich die Summe, die die Schweden als Kaufpreis aufriefen: satte 10 Milliarden US-Dollar. Auch für Google kein Schnäppchen. Zumal es die eben bereits erwähnten Alternativen gibt. Der Guardian-Journalist Stuart Dredge hat dennoch sieben Gründe zusammengefasst, warum Google das Geschäft doch noch tätigen könnte.  Die dabei Interessantesten – neben der erhöhten Schlagkraft: Google verhindert, dass ihnen Facebook zuvorkommt und somit auch der dritte große Konkurrent ein Bein in die (Abo-)Musikstreamingtür bekommt, und kann gleichzeitig seine angeschlagene Reputation bei den Indielabels aufpolieren. Aber wäre das wirklich solche Summen wert?


Das Technikfaultier hat Google Play Music All-Inclusive ausprobiert:


Aber auch mit Stille lässt sich Geld verdienen

Gedanken über die Nutzung von Streaming machen sich im Übrigen weiterhin auch die Musiker selbst. Michelle Shocked, eine alternative Singer-Songwriterin, die vor allem Ende der 80er, Anfang der 90er erfolgreich war, kam diese Woche dank einer eigentümlichen Idee wieder ins Gespräch. Ihr neues Album trägt den Titel „Inaudible Women“ – und die Musik darauf ist für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar. Die elf Stücke liegen nämlich in derart hohen Tonfrequenzen. Hunde können sie aber hören, weshalb Shocked Hundebesitzer rät, das Album via Spotify streamen zu lassen (sobald es dort verfügbar ist), während die Hunde tagsüber alleine zu Hause bleiben und die Menschen arbeiten gehen. Die so entstehenden Erlöse sollen es Shocked ermöglichen, im Gegenzug ihre Herbsttour in Großbritannien bei freiem Eintritt zu geben. Ein erfolgreiches Beispiel hatte zuvor die US-Funk-Band Vulfpeck gegeben: Fast 20.000$ strich sie seit März bereits mit ihrem „Sleepify“-Album ein, das fünf Minuten Stille enthält. Auch sie wollte dafür eine Gratistour spielen.

Beim Thema Musikstreaming wird es also so oder so nicht so schnell Ruhe einkehren, selbst ohne tatsächliche Musik.

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Thomas Vorreyer

Thomas Vorreyer

schreibt als freier Journalist vor allem über Kultur und Gesellschaft im Angesicht der Digitalisierung.

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