Goethe und die Reaktivierung des transnationalen Dialogs in Europa

Wie froh wäre Johann Wolfgang von Goethe gewesen, das grenzenlose und echtzeitige Netz für den transnationalen Dialog einzusetzen. Der Dichterfürst nutzte den Postweg – allerdings mit einem privilegierten Status. Das Postmonopol war in privater Hand und galt als Grundpfeiler der vorindustriellen Modernisierung. Ihr “Erfinder” Franz von Taxis wurde auf eine Stufe mit Christoph Kolumbus gestellt. Der damalige Provider “Thurn und Taxis” gewährte Goethe ein Freibriefrecht. “Für Briefe von und an Goethe musste kein Porto bezahlt werden”, erwähnt der Literaturwissenschaftler Peter Goßens im Interview mit Sabria David, die in einem internationalen Projekt des Goethe-Instituts die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts wiederbelebt.

Der europäische Netzwerker

Goethe konnte so viele Briefe schreiben, wie er wollte. Mit dieser freien Kommunikationsform entwickelte er sich zum Netzwerker für den europäischen Diskurs. Es war die Triebfeder seines kosmopolitischen Humanismus, von dem sich die besorgten Bürger eine Scheibe abschneiden sollten. Heute würde Goethe dafür Facebook, Twitter, Periscope, Hangout on Air und einen Blog einsetzen. Damals setzte er vor allem seine eigene Zeitschrift “Ueber Kunst und Alterthum” ein, um mit den “Literatoren” Europas in Kontakt zu treten.

Neben seiner umfangreichen Korrespondenz, den Besuchern und Gesprächen, die zum Weimarer Alltag gehörten, war es vor allem das Projekt der Zeitschrift, die es dem alternden Goethe ermöglichte, ein virtuelles, aber durch seine gedruckte Form manifestes Kommunikationsnetz zu spannen und seine Wahrnehmung des weltliterarisch Bedeutsamen bekannt zu machen,

schreibt Goßens in seiner Habilitationsschrift “Weltliteratur”, erschienen im J.B. Metzler-Verlag.

Transnationales Kommunikationssystem im 19. Jahrhundert

Goethe schuf damit eine kleine, aber sehr einflussreiche europäische Öffentlichkeit. Er suchte und fand Verbündete für sein weltliterarisches Unterfangen zur Schaffung eines transnationalen Kommunikationssystems. Weltliteratur wird von Goethe nicht als Kanon definiert, sondern als Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung. Nicht die Lektüre literarischer Werke steht im Vordergrund, sondern die grundlegende Kenntnis der Kulturen anderer Länder. Der Dichterfürst verstand sich als Katalysator zur Herausbildung einer europäischen Leserschaft. Zu seiner Lieblingslektüre zählte dabei “Le Globe“, die sich nationalen Vorurteilen und kulturellen Hegemonie-Bestrebungen entgegenstellte. Sein Anliegen wurde von nationalistischen Bedenkenträgern als undeutsche Gesinnung ausgelegt. Mit seiner internationalen Netzwerkstärke konnte Goethe dieses Stammtisch-Gebrüll deutlich übertönen.

Neue Ideen für Europa

Ähnliches erhofft sich Günther Rüther von den Intellektuellen unserer Zeit.

Im 19. und 20. Jahrhundert waren es vor allem Kriege, die der europäischen Idee neue Kraft verliehen. Den Intellektuellen ging es dabei um die Überwindung nationalistischer Vorurteile, den Abbau von Hass oder Intoleranz und vor allem darum, verloren gegangene Freundschaften zwischen den Völkern erneut zu stiften,

schreibt Rüther in seinem neuen Buch “Die Unmächtigen – Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945”, erschienen im Wallstein Verlag. Europa brauche jetzt die Stimme der Intellektuellen. Sie müssen die Sprache der Macht und der Expertokratie dechiffrieren, um der europäischen Idee wieder Auftrieb zu geben.

Popkultur statt rückwärtsgewandter Abendländerei

Das Notiz-Amt verweist auf eine Rede von Rüdiger Altmann: Von rückwärtsgewandten “Ersatzideologien” wie der “Abendländerei”, jener in den fünfziger Jahren vor allem in weiten Teilen des deutschen Katholizismus verbreitete “Abendland”-Idee, hielt der frühere Berater von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard gar nichts. Das formulierte er bereits in den 1990er Jahren:

Im Grunde ist es die Aufgabe Europas, den Kulturkonflikt dieser sich wandelnden Welt auszuleben und mit neuen Ideen zu überwinden… Welches sind die europäischen Ideen, die Europas Existenz heute ausmachen? Das kann nicht die Idee eines sich gegen die übrige Welt abgrenzenden Europas sein, das um seine Identität, auch um seine geschichtliche Identität, ringt. Die entscheidende Frage ist: Findet Europa den Mut, neue Ideen zu formulieren und auszuleben, die die ganze Welt angehen, also in diesem Sinne nicht spezifisch europäische sind? Auf diese Weise könnte Europa wieder jene Weltgeltung erlangen, die es früher gehabt hat.

Altmann betont dabei die Kraft der Popkultur. Die mediale Kultur habe einen großen Bedarf und Verbrauch an Ideen.

“Darin unterscheidet sie sich deutlich von der Kultur der Klassengesellschaft alten Stils. In gewissem Sinne ist sie unideologisch. Zugleich entfaltet sie in der Massengesellschaft ein Kommunikationsfeld von großer Kraft…” Genau das sollte von der europäischen Zivilgesellschaft ausgehen. Vielleicht ist die Popkultur ein veritables Mittel, den Nationalisten und Rassisten in den europäischen Staaten das Wasser abzugraben – in transnationalen Dialogformaten nach dem Vorbild des Dichterfürsten Goethe.


Image (adapted) “Goethe” by motograf (CC BY 2.0)


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Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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