Glowing Plant: Coole Leuchtpflanzen und ihr Gentechnik-Problem

Wahrscheinlich würde jeder gerne eine Zimmerpflanze als Lichtquelle zu Hause aufstellen. Doch zuerst müssen Anbieter wie Glowing Plants die Politik und Gesellschaft von der Verträglichkeit von Biotech überzeugen. // von Jakob Steinschaden

Glowing Plant

Das US-Startup Glowing Plant hat es sich zum erklärten Ziel gesetzt, leuchtende Pflanzen in jedes Eigenheim zu bringen. Ende 2014 will man den US-Markt beliefern, doch in der EU werden die leuchtenden Gänserauken und Rosen nicht zu haben sein. Grund sind die strengen Gentechnikgesetze Europas, die die Einfuhr von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) erheblich erschweren bzw. verbieten. Auch der Saatgutkonzern Monsanto ist ein gewichtiger Faktor in der Diskussion.


Warum ist das wichtig? Immer günstigere Technologien erlauben es bereits kleinen Startups, gentechnisch veränderte Organismen herzustellen. Das bringt umstrittene Biotechnologie immer näher an den Konsumenten heran.

  • Das Startup Glowing Plant aus San Francisco will Ende 2014 leuchtende Pflanzen und Samen um relativ wenig Geld via Online-Shop verkaufen.
  • In der EU sind die leuchtenden Pflanzen aufgrund strenger Gentechnikgesetze nicht zu haben.
  • Glowing Plant muss künftig große rechtliche Hürden nehmen und versuchen, die negativ geprägte Debatte über Gentechnik zu eigenen Gunsten zu beeinflussen.

Ein kleines Plänzchen am Nachtkästchen, das Licht beim Buchlesen spendet? Ein Wohnzimmer, das am Abend von Indoor-Gewächsen gemütlich beleuchtet wird? Oder gar Bäume, die in der Nacht unsere Straßen stromsparend mit Licht versorgen? Diese Utopie, die die Masse maximal aus dem Film „Avatar“ kennt, ist vielleicht näher, als man denken mag. Denn das Startup Glowing Plant aus San Francisco, das Anthony Evans von der Singularity University und Kyle Taylor von der Standford University gegründet haben, will genau diese Vision verwirklichen. 2013 konnten die beiden via Kickstarter fast 500.000 Dollar von Unterstützern sammeln, vergangene Woche wurde die Jungfirma schließlich in das renommierte Programm des Startup-Inkubators Y Combinator aufgenommen, aus dem auch Airbnb, Dropbox oder reddit hervorgingen.


Antony Evans stellt auf der TEDxBrussels 2013 sein Startup Glowing Plant vor:


150 Dollar für leuchtende Rosen

Ende 2014 will die kleine Biotech-Firma erste Samen bzw. bereits leuchtende Gänserauke (40 bzw. 100 Dollar) an die Kundschaft ausliefern, um 150 Dollar bekommen sie außerdem eine glühende Rose geliefert. Noch leuchten die „glowing plants“ Beobachtern zufolge noch sehr schwach (Vergleiche zu Glühwürmchen werden gezogen), doch mit jeder Generation sollen sie mehr und mehr Licht spenden können. Bei der pflanzlichen Beleuchtung soll es nicht bleiben – Evans schweben auch bereits Pflanzen vor, die bestimmte Insekten verscheuchen oder als Luftreiniger dienen können. „Wir würden gerne in jedem Eigenheim genetisch modifizierte Pflanzen sehen„, sagte er gegenüber Techcrunch.

Und hier liegt auch schon der Hund begraben: Denn damit das Startup Pflanzen zum Leuchten bringen kann, müssen sie natürlich gentechnisch verändert werden. Mit einer „Genome Compiler“-Software erstellt das Team um Evans DNA-Sequenzen, die auf jenen von biofluminiszierenden Meeresbakterien basiert. Diese digitalen DNA-Sequenzen werden an die Firma Cambrian Genomics geschickt, die daraus mit einem Laser-Printer synthetische DNA-Stränge produziert – für das menschliche Auge ein weißes Pulver. Zurück bei Glowing Plant, wird diese DNA mit Hilfe von Bakterien in die Pflanze eingebracht – einfach, indem die Samen in das Pulver getunkt werden. Konsumenten sollen sich künftig gar ein “Maker Kit” kaufen können, um die gentechnisch veränderten Pflänzchen selbst zu produzieren – so einfahc und günstig ist Biotech offenbar geworden.

EU-Gesetze und negative Grundstimmung

Dass das Startup bis auf Weiteres nur in den USA liefert, hat klare Gründe: In der EU verbieten scharfe Gentechnikgesetze die Einfuhr gentechnisch veränderter Organismen (GVO), es sei denn, sie sind explizit zugelassen worden (geregelt in der Europäischen Richtlinie 2001/18/EG bzw. nationalen Gesetzen). Zugelassen sind aktuell nur eine Handvoll GVO, im wesentlichen Mais-, Soja-, Raps- oder Baumwollsorten. Viele weitere GVO wurden zur Zulassung eingereicht (die “Glowing Plants” sind nicht darunter), und bei den Firmen, die diese Einreichungen machen, taucht immer wieder ein Name auf: Monsanto. Der auf Biotechnologie spezialisierte Saatgut-Konzern aus den USA ist wegen seiner Geschäftspraktiken zur bevorzugten Zielscheibe von Gentechnikgegnern avanciert und hat den negativ geprägten Diskurs in der EU über Gentechnik mitzuverantworten.

Mit der negativen Einstellung in Gesellschaft und Politik muss so auch ein kleines Startup, das eigentlich „nur“ neuartige Leuchtpflanzen produzieren will, fertig werden. „Dass Konsumenten so ablehnend sind, ist darauf zurückzuführen, wie große Industriekonzerne die Diskussion prägen„, sagt Glowing-Plant-Gründer Evans. „Wir sehen unsere Pflanzen als Werkzeug, um die Debatte zu ändern. Bei Lebensmittel ist die Gefahr nicht absehbarer Konsequenzen viel größer. Wir selber wollen nur witzige, coole Produkte machen.


Der öffentliche Radiosender KALW stellt Biohacking-Projekte aus San Francisco vor:


Überzeugungsarbeit leisten

Die Herausforderung für Evans: Er muss jetzt beweisen, dass seine gentechnisch veränderten Organismen keine schädlichen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt haben. Eine schwere Aufgabe – jedoch sind US-Startups dafür bekannt, sich schweren Aufgaben zu stellen, auch wenn der Ausgang ungewiss ist.


Teaser & Image by Glowing Plant


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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