Online organisieren: Gewerkschaften in der Gig-Economy

Von Politik und Gewerkschaften wird verstärkt die Diskussion um die Digitalisierung der Arbeit geführt. Aber gibt es auch eine digitale Arbeiterbewegung? Während in Deutschland gut organisierte Beschäftigtengruppen gerade ihre Streikfähigkeit demonstrieren, suchen die Gewerkschaften noch ihre Rolle in den diversen Beschäftigungsverhältnissen zwischen dereguliertem Crowdworking und disruptiver Startup-Szene. In den USA werden derweil auch im Netz neue Ansätze zur Organisierung der Interessen insbesondere von prekär beschäftigen Solo-Selbständigen erprobt. Erleben wir also bald Barcamps statt Betriebsversammlungen und Arbeitskämpfe per App?

Konventionelle Akteure bestimmen die Agenda

Ein wenig abseits der mit großem Getöse angekündigten Digitalen Agenda der Bundesregierung bearbeitet das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) auf einer eigenen Plattform das Thema “Arbeiten 4.0”. Dazu wurde ein gleichnamiges Grünbuch publiziert, das als Grundlage für den fachlichen und öffentlichen Dialog fungieren soll, der schließlich Ende 2016 mit einem Weißbuch zum selben Thema seinen Abschluss finden soll. In diesem Zusammenhang hat das BMAS kürzlich mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di eine gemeinsame Erklärung unter dem Titel “Nächste Schritte für Gute Arbeit in der digitalen Gesellschaft” veröffentlicht. Allerdings scheinen im Mittelpunkt dieser Bemühungen eher die bereits (gewerkschaftlich organisierten) Beschäftigten zu stehen, die vor negativen Auswirkungen der Digitalisierung geschützt werden sollen.

Immerhin hat sich bei der zum gleichen Zeitpunkt veranstalteten ver.di-Digitalisierungskonferenz ein Panel mit dem Thema “Zwischen Autonomie und Prekarität: Digitale Arbeit jenseits der Festanstellung” beschäftigt. Mit dabei: Der Ge­schäfts­füh­rer des ver-di-Beratungsnetzes für Solo-Selbständige sowie Holm Friebe, der einst mit Sascha Lobo unter dem Titel “Wir nennen es Arbeit” ein Leitmotiv für digitale Freiberufler formulierte. Insofern sind zwar neue Zielgruppen auf dem gewerkschaftlichen Radar präsent, doch die Gig Economy dürfte noch weiter im Abseits der konventionellen Arbeitswelt agierende Akteure auf die Agenda setzen.

Von Online-Kampagnen zu virtuellen Gewerkschaften

Auf die generellen Schwierigkeiten gewerkschaftlicher Interessenvertretung in den USA reagiert die Non-Profit-Organisation Coworker.org in dem sie als Plattform für an Unternehmen gerichtete Online-Petitionen fungiert: Durch das Engagement von Beschäftigten beziehungsweise Freiberuflern sollen so konkrete Verbesserungen in bestimmten Betrieben sowie Branchen erzielt werden. In einer Studie eruieren nun Mark Zuckerman, Richard D. Kahlenberg und Moshe Z. Marvit die Möglichkeiten von “Virtual Labor Organizing”. Der Ausgangpunkt ihrer Analyse ist die Suche nach zeitgemäßen Formen der Artikulation von Interessen: “The problem today is that joining a union at work is decidedly last century – clunky, contentious, confusing – and companies such as Walmart and McDonald’s want to keep it that way.

Ihr Ansatzpunkt, deshalb ein entsprechendes Online-Angebot vorzuschlagen, ist die umfassende Verbreitung digitaler Informationstechnologie auch am Arbeitsplatz:

Given how much today’s workers rely on information technology to do their jobs, there might be significant receptivity to this new online tool. (…) Such a tool would be available to the vast majority of workers and could be of particular interest to younger workers, who are currently the driving force on social media and digital platforms.

Eine nutzerfreundliche Plattform sei deshalb der Schlüssel zur Senkung bürokratischer Hürden bei der (Selbst-)Organisation. Längerfristig impliziert dieser Vorschlag so einen Wandel des Organisationsmodells von Gewerkschaften: “they could become wholesalers of union formation, investing in large-scale promotion of an online resource, backed by call-centers and a significant network architecture standing behind this powerful new tool.

Das erste “Gewerkschafts-Startup” könnte bald starten

Verschärft werden die Herausforderungen in den USA durch eine prosperierende Gig Economy, in der Dienstleistungen von Freelancern via Online-Börse gehandelt werden. Vorreiter für diese Entwicklung ist der umstrittene Fahrten-Vermittlungs-Service Uber, dessen Geschäftsmodell auf immer neue Sparten angewendet wird. Während in Deutschland noch eher versucht wird, solche Anbieter durch gesetzliche Regulierung im Sinne der sozialen Marktwirtschaft (oder konkurrierender Geschäftsinteressen) zu domestizieren, müssen sich die Betroffenen in den USA häufig mit den Unternehmen selbst über ihre Belange auseinandersetzen. So können kleinste Veränderungen im Interface-Design von Apps etwa große Auswirkungen auf die Neigung der Kunden haben, selbständigen Lieferanten Trinkgelder zu geben, wie eine ausführliche Reportage aus San Francisco zeigt.

Unterstützung erhalten die Solo-Selbständigen dabei inzwischen von gewerkschaftlicher Seite. So hat die Transportarbeiter-Gewerkschaft “Teamsters” bereits mehrere lokale “App-Based Drivers Associations” gegründet. Es bleibt also spannend, ob der Diskussion über “Arbeiten 4.0” auch eine Debatte über die digitale Gewerkschaft folgt. Das von Nico Lumma geforderte ”Gewerkschafts-Startup” könnte es in den USA jedenfalls bald geben. Dort proklamiert ein Förderprogramm zur Zukunft der Arbeit: “Borrowing a page from Silicon Valley, the Workers Lab is the nation’s first union backed innovation accelarator.


Teaser & Image “Keyboard” by edar (CC0 Public Domain)


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Erik Meyer

Erik Meyer

ist Politikwissenschaftler und arbeitet freiberuflich als Online-Redakteur sowie Dozent in der politischen und beruflichen Weiterbildung. Zu seinen Schwerpunkten zählt Erinnerungskultur 2.0, Netzpolitik und politische Online-Kommunikation.

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