Geteilte Arbeit ist doppelter Gewinn: Jana Tepe und Anna Kaiser von Tandemploy im Interview

Vierzig Stunden und noch mehr – für unsere Eltern und Großeltern, die  mit den traditionellen Arbeitsstrukturen aufgewachsen sind, war das eine völlig normale Größe. Dass es auch anders geht, wissen wir heute: Die Digitalisierung hat uns neue Jobs und Verfügbarkeiten beschert, und auch die Arbeitnehmer sortieren ihren Arbeitsalltag immer öfter neu. Die Arbeit steht nicht mehr an erster Stelle, und das ist vielleicht auch ganz gut so.

Zwar hat das Magazin brand eins die Forderungen nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance längst als „diffusen Wellnessbegriff“ abgeschrieben, aber in Zeiten von Burn-Out und Überarbeitung wird immer deutlicher, wie sehr uns dieses Thema beschäftigt. Nach der Industrialisierung arbeiten wir oft aber immer noch nicht weniger – obwohl wir das technisch längst  könnten. Wir müssten uns allerdings von althergebrachten Strukturen verabschieden, und dazu gehört auch der unternehmensinterne Zwang, sich als Workaholic darzustellen. Heute ist klar: Wer zuerst kommt und als Letzter geht, ist kein harter Kerl, sondern hat schlicht und einfach kein Privatleben. Nicht gerade erstrebenswert – zum Glück sehen das immer mehr Menschen so.

Wie man solchen Entwicklungen vorbeugen kann, haben Jana Tepe und Anna Kaiser erarbeitet. Im Jahr 2013 haben sie die Jobsharing-Plattform Tandemploy gegründet. Die beiden sind überzeugt: Man kann auch in weniger Stunden effektiv arbeiten und sich einen Job teilen.

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Jana Tepe und Anna Kaiser von Tandemploy wollen mit ihrer Idee unser Denken über die Arbeit verändern. Da machen wir gerne mit. (Image by Christian Stumpp)

Dabei erzielt man sogar bessere Ergebnisse, als ein einzelner Arbeitnehmer schafft, denn die geteilte Arbeit bringt den doppelten Gewinn mit sich: Zwei motivierte Mitarbeiter, die mit ihrem Wissen und ihrer Kreativität und nicht zuletzt mit ihrer Lust am Job den Unternehmen zur Verfügung stehen, bringen mehr als einer. Die Netzpiloten haben das Jobmodell im Sommer schon einmal vorgestellt

Bei der hub conference,  die am vergangenen Dienstag in Berlin stattfand, hatten wir die Gelegenheit, die beiden Vorreiterinnen mal etwas genauer zu befragen.

Anne Jerratsch: Wie wichtig ist es, im Job glücklich zu sein?

Jana Tepe: Ich würde sagen, sehr, sehr wichtig, weil wir einen Großteil unseres Lebens mit Arbeit verbringen. Das ist total wertvolle Lebenszeit. Da sollten wir zumindest den Anspruch haben, auch darüber nachzudenken, ob das, was wir tun, uns generell, oder zumindest die meiste Zeit, auch Freude bereitet. Dass ein Job nicht immer Spaß machen kann, ist, denke ich, völlig klar. Aber dass wir so eine generelle Sinnhaftigkeit darin sehen und das auch als einen wichtigen Teil unseres Lebens begreifen, das ist wichtig.

Was ist wichtiger, Erfolg, Karriere und Geld oder Erfüllung und Freizeit?

Jana Tepe: Es ist kein Entweder-Oder, es kann beides sein. Warum sollte man in seinem Job nicht auch Zeit für bestimmte Dinge haben und gleichzeitig Karriere machen können? Karriere ist aber auch ein sehr subjektives Konstrukt. Ich finde, wir müssen Wege finden, dass einzelne Lebensbereiche besser vereinbar sind und dass es nicht immer ein Dilemma ist.

Anna Kaiser: Absolut, weil jeder Mensch ja eine andere Wahrnehmung hat, was für ihn Erfolg, Karriere und Glück bedeuten. Deshalb geht es einfach darum, dass wir jedem Menschen ermöglichen, seine Wünsche zu erfüllen – womit wir dann auch bei unserem Thema wären, dass wir flexiblere Strukturen in den Firmen brauchen. Sonst ist das nicht möglich..

Wie lange dauert bei euch ein produktiver Arbeitsag?

Jana Tepe: Die meisten unserer Kollegen arbeiten zwischen 25 und 32 Stunden die Woche, und es hat sich auch gezeigt, dass es eine extrem produktive Arbeitszeit ist. Wir haben den Vergleich von Kollegen, die früher 40 Stunden gearbeitet haben. Um ehrlich zu sein, schaffen die jetzt in 25 Stunden das, was andere in 40 Stunden schaffen. Das zeigen auch viele Statistiken und Forschungen. Eigentlich wissen wir das, theoretisch. Wir haben aber unglaubliche Schwierigkeiten damit, unsere Arbeitsmodelle und unsere Unternehmensrealität diesem Wissen anzupassen.

Ist jeder für Jobsharing geeignet und wo kann man das Modell einsetzen?

Anna Kaiser: Es kann natürlich theoretisch jeder machen. Wahrscheinlich werden es aber eher die Menschen machen, die sowieso Teamplayer sind. Wenn man der einsame Ellenbogenheld ist, dann wird man gar kein Interesse an Jobsharing haben. Jobsharing kann man überall da einsetzen, wo klassische Teilzeit an ihre Grenzen stößt. Es gibt so viele Jobs, wo das funktioniert. Wir denken aber meistens erst einmal daran, wie kompliziert es wäre, diese Jobs in Teilzeit auszuführen, weil da immer eine Hundert-Prozent-Besetzung gebraucht wird. Aber genau da kommt das Jobsharing ins Spiel. Es gibt immer mehr Menschen in verantwortungsvollen Positionen, die aber weniger arbeiten wollen. Was machen die dann?

Die müssten sich im klassischen System eben dann an die Regeln halten.

A: Exakt. Und genau die werden durch Regeln aufgehalten. Es entsteht eine Lücke. Denn wenn sie zwar in Teilzeit arbeiten, aber in einem Bereich, in dem immer jemand verfügbar sein muss, müssen wir überlegen, wie wir das in Teams und in bestimmten Konstellationen, wie zum Beispiel eben Jobsharing, anders verteilen können.

Gibt es irgendwelche Bereiche, in denen das nicht funktioniert?

Jana Tepe: Wir haben erst gedacht, dass es Bereiche oder auch Branchen gibt, in denen das schwieriger als in anderen ist, wie beispeilsweise in der Kreativbranche mit Werbeagenturen oder Unternehmensberatungen. Dann haben wir interessanterweise festgestellt, dass es genau in diesen Branchen total gut funktioniert und gerade da ein Bedarf besteht. Also wir haben jetzt die erste Unternehmensberatung als Kunde, die zeigen wollen, dass es anders geht. Genauso stellen immer mehr Kreativagenturen fest, dass sie sind nicht alle nur Workaholics sind. Man kann nicht mit so einem riesigen Stundenpensum kreativ sein. Und wir lernen wir auch immer mehr dazu und finden immer mehr Pioniere in ganz verschiedenen Branchen.

Ihr habt auch eure eigenen Mitarbeiter nach ihrer idealen Arbeitszeit befragt. Wie waren da die Reaktionen? Hat jemand Hemmungen gehabt, weniger als 32 Stunden zu fordern?

Jana Tepe: In unserem eigenen Team haben tatsächlich alle eine Wunschzeit zwischen 25 und 32 Stunden angegeben. Ich denke, es hängt aber maßgeblich davon ab, dass es auch zur Arbeitskultur passt. Anna und ich setzen es seit Jahr Eins um, dass wir am Stück längere Urlaube machen, wir gehen auch mal früher, wir versuchen das vorzuleben und eben nicht so die typischen Workaholic-Gründer zu sein, denn dann wäre es unglaubwürdig und dann würde es sich vielleicht wirklich nicht jeder trauen.

Wie lange dauert es ungefähr, bis sich das Jobsharing.Modell eingespielt hat?

Jana Tepe: Das hängt total von den Unternehmen ab. Es gibt welche, die sind super schnell dabei, rufen heute an, sind morgen Kunde und dann fangen sie an. Dann kriegen sie ein paar Wochen später die ersten Bewerbungen und stellen ein und legen einfach los, ohne viel nachzudenken und probieren das einfach. Das ist natürlich der Idealfall. Andere Unternehmen haben einen längeren Entscheidungsprozess.

Wenn die Tandems erst einmal in den Unternehmen anfangen, dann geht das eigentlich relativ fix, weil sie natürlich ein hohes Eigeninteresse daran haben, dass das auch funktioniert. Das Modell hat einen hohen Nutzen für den Einzelnen, das darf man einfach nicht unterschätzen.

Sind es eher die Mitarbeiter oder die Chefs, die dieses Konzept vorschlagen?

Anna Kaiser: Beides. Wir haben ganz am Anfang alle angesprochen. Chefs sind ja auch Mitarbeiter, die darauf stoßen. Für uns ist ganz schön, dass die Aufklärungsarbeit, die wir jetzt in den letzten drei Jahren betrieben haben, sich auch irgendwann auszahlt. Ich glaube, so ist es bei allen Trends und eben jetzt auch mit der Veränderung auf dem Arbeitsmarkt mit so konkreten Lösungen.

Wenn ich bei dem Modell mitmache, woher weiß ich, wer zu mir passt?

Jana Tepe: Die Grundvoraussetzungen müssen stimmen, man muss sich auf Teamwork freuen und man muss kommunikationsstark sein, auch mal Konflikte ansprechen können oder offen Feedback geben. Davon abgesehen können auch zwei ganz unterschiedliche Charaktere zusammenarbeiten, zum Beispiel eine extrovertierte und eine introvertierte Person – solange die beiden in eine gleiche Richtung schauen und eine ähnliche Vorstellung davon haben, wie eng sie zusammen arbeiten wollen. Wir treffen da aber auch schon eine gewisse Vorauswahl beim Matching-Algorithmus.

Gibt es auch Beispiele, wo die Leute feststellen, dass es nichts für sie ist?

Anna Kaiser: Es kann passieren, dass Tandems sich trennen, so wie es immer und in jedem Job passieren kann. Es kann jemand kündigen, es kann sich bei jemandem eine Lebensphase ändern. Wir haben es in der Tat sehr, sehr selten, dass Menschen, die sich vorher Gedanken gemacht haben, dass sie einfach anders arbeiten wollen, nach ein paar Wochen sagen: „Jetzt will ich zurück zur 40-Stunden-Woche.“

Jana Tepe: Das kann höchstens passieren, wenn sich dann wieder eine Lebensphase ändert. Jobsharing-Modelle sind oft nur etwas für ein bis zwei Jahre, wenn die Kinder klein sind, wenn man gerade eine Weiterbildung macht, wenn man sich um Angehörige kümmert und diese pflegt. Und dann hat man danach vielleicht auch wieder Lust auf 40 Stunden, das ist ja auch gar nicht schlimm. Es geht ja nur darum, dass man jedem die Stundenzahl ermöglicht, die er gerade möchte.

Was kann ich tun, wenn ich meinen unwilligen Chef davon nicht überzeugen kann?

Anna Kaiser: Kündigen! (lacht)

Jana Tepe: Also wenn der Chef gar nicht mit sich reden lässt, muss man tatsächlich Klartext sprechen. Ich glaube, da sind auch die Arbeitnehmer gefragt, da Stellung zu beziehen und zu zeigen, was sie sich wünschen und was sie sich vorstellen. Denn sonst wird das auch einfach oft nicht gesehen. Also ja, manchmal herrscht natürlich auch die Kultur, dass man sich nicht traut, deswegen ermutigen wir die Leute, das auch einfach zu sagen und sich dann gut vorzubereiten auf die Argumentation. Und wir helfen auch dabei, Argumente zu sammeln. Wir schreiben beispielsweise auch auf unserem Blog ganz viel darüber, wie man so etwas verargumentiert, was die Vorteile sind, wie man auch vorrechnen kann und warum sich das finanziell lohnt. Je besser man da vorbereitet ist, desto eher überzeugt man dann auch den härtesten Kritiker.

Wie viel Mut braucht man für so einen Schritt?

Anna Kaiser: Mut ist ja immer etwas ganz individuelles. Das kann man so nicht beantworten. Das Schöne am Jobsharing ist, dass man einfach loslegen kann, dass man sonst nichts braucht. Das merken wir auch gerade auch bei den Firmen, mit denen wir zusammenarbeiten, die unsere Software intern nutzen, dass die Leute sich zusammen finden können. Und zwar nicht nur zu Jobsharing, sondern auch Jobrotation, Mentoring, spezielle Projekte. Das ist spannend, wenn Unternehmen erkennen, dass ihre Mitarbeiter fähig sind, sich sebst zu organisieren und flexibel sein wollen.

Die Unternehmen lernen gerade, dass sie ihren Mitarbeitern vertrauen können, man kann sie „empowern“, wie es so schön heißt. Und das ist genau der Punkt: Was heißt Mut? Mutig müssen wir alle sein, wenn es darum geht, neue Ideen für die Arbeitswelt der Zukunft zu spinnen. Aber wenn wir das zusammen machen und vor allem mit den Menschen in den Unternehmen, dann verteilt sich der Mut ja auch ein Stück weit wieder und es fühlt sich gar nicht nach so einem großen Schritt an.


Image „adventure“ by sasint (CC0 Public Domain)


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Anne Jerratsch

Anne Jerratsch

ist freischaffende Autorin und Redakteurin bei den Netzpiloten. Sie ist Historikerin, Anglistin, Kinonerd, Podcasterin und Hörspielsprecherin. Seit das erste Modem ins Elternhaus einzog, treibt sie sich in allen möglichen Ecken des Internets herum. Sie twittert als @keksmadamund bloggt beiDie Gretchenfrage. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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