Warum Ihre Tochter Minecraft spielen sollte

Kinder dürfen ruhig mal länger vor dem Bildschirm sitzen – zumindest solange sie dabei gegen Geschlechterstereotypen kämpfen. Ein Beitrag über Gender und Programmieren und warum Mädchen Minecraft spielen sollten. Es ist schon lange eine bekannte Tatsache, dass Frauen in den Bereichen Naturwissenschaften, Technologie, Mathematik und Ingenieurwesen unterrepräsentiert sind. Die Statistiken sind geradezu deprimierend. Nur 28 Prozent der Arbeitskräfte in naturwissenschaftlichen und Ingenieursberufen sind weiblich, obwohl die Hälfte der Absolventen an Colleges in den USA junge Frauen sind.

Die Gender-Ungleichheit beginnt schon früh, in der Grundschule. Schon im ersten Schuljahr, mit fünf bis sechs Jahren, schneiden Jungen in Mathematik und Naturwissenschaften besser ab als Mädchen. Ebenso in der vierten und achten Klasse, also im Alter zwischen neun und zehn beziehungsweise zwischen 13 und 14 Jahren. Auf der Highschool nehmen Jungen viermal so häufig wie Mädchen an dem Advanced-Placement-Examen in Informatik teil. Der Anteil der Frauen, die ein College mit einem Bachelor-Abschluss in Ingenieurwissenschaften verlassen, beträgt nur 19 Prozent, bei Informatik sind es 18 – und das, obwohl unter den Absolventen aller Fächer 57 Prozent weiblichen Geschlechts sind.

Wie kommt das?

Es ist nicht so, dass Mädchen in Mathe und Naturwissenschaften schlechter wären als Jungen. Auch wenn ihnen das schon von klein an suggeriert wird. Mal ganz direkt, indem Mädchen für ihre soziale Interaktion gelobt werden und Jungen für ihre Leistungen in Mathe. Mal subtiler, indem ein Mädchen, das in der Mathestunde den Finger hebt, einfach nicht drangenommen wird.

Dass unser Bildungssystem Mädchen mit Vorurteilen begegnet, ist kein Wunder. Unsere ganze Gesellschaft ist durchgegendert. Haben Sie schon mal versucht, für ein kleines Mädchen Anziehsachen zu bekommen, die nicht pink oder pastellfarben waren? Und so ist das nicht nur bei Kleidung. Auch Spielzeug wird spezifisch für Mädchen oder für Jungen verkauft. Mädchen bekommen meist Puppen mit dazugehörigem Outfit sowie Haushaltsspielzeug in Pink und Pastell, während Jungen Laster, Bauklötze und Konstruktionsspielzeug bekommen, in blauen und dunklen, erdfarbenen Tönen.

Kinder lernen, wenn sie spielen. Welche Fähigkeiten sie aber erlernen, hängt davon ab, was für eine Art Spiel sie spielen. Konstruktionsspielzeug befördert in erster Linie das räumliche Vorstellungsvermögen. Man könnte meinen, dass man eine solches Vermögen nur zum Konstruieren und Bauen von Objekten benötigt. Tatsächlich ist es aber nicht isoliert zu betrachten.

Das räumliche Vorstellungsvermögen macht einen großen Teil der nichtsprachlichen Intelligenz aus und stellt eine Grundlage für die Entwicklung weiterer, komplexerer Fähigkeiten dar. Neben den verbalen und mathematischen Kompetenzen ist das der dritte wichtige Faktor für Erfolg in Schule, Ausbildung und Beruf. Kinder mit einem gut entwickelten räumlichen Vorstellungsvermögen haben gute Chancen auf erfolgreiche Abschlüsse und berufliche Werdegänge im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik).

Was können Eltern tun?

In einer Welt, in der Spielzeug und Games stark genderspezifisch geprägt sind, hat Minecraft in bemerkenswerter Weise Augenhöhe hergestellt. Es ist eigentlich ein Videospiel, aber man kann es treffender als virtuelles Konstruktionsspiel kategorisieren. Die Spieler bauen für ihre Figuren ein Umfeld, in dem diese dann agieren. Wer Kinder hat, wird bestätigen können, dass Minecraft derzeit in den USA zu den populärsten Spielen überhaupt gehört. Mehr als 100 Millionen User haben sich registriert. Ich habe bei Mojang, der hinter dem Spiel stehenden Firma, nachgefragt, wie viele davon Mädchen sind. Das Unternehmen gibt solche Informationen leider nicht raus, aber klar ist zumindest, dass es bei Minecraft eine etwas ausgeglichenere Geschlechter-Verteilung unter den Spielern gibt als in der sonstigen Gaming-Welt. Nicht zufällig ist ein junges Mädchen eines der populärsten Minecraft-Youtube-Idole. Unter ihrem Nickname iHasCupquake lässt sie ihre 159 Millionen Abonnenten an den großartigen Welten teilhaben, die sie im Rahmen des Spiels gebaut hat.

Das Spiel kennt keine Geschlechterstereotypen. Es müssen keinen Prinzessinnen gerettet und keine Rennwagen gebaut werden. Es gibt auch keine bösen Bosse, die man besiegen müsste. Stattdessen geht es um nicht-stereotypisierte Prozesse wie etwa das Anlegen von Farmen, um die eigene Spielfigur mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

Eltern werden ständig davor gewarnt, wie schädlich es sein kann, wenn Kinder zu viel Zeit vor dem Computerbildschirm verbringen. Und natürlich ist die Gesamtdauer ein nicht zu unterschätzender Faktor, aber es kommt auch auf die Qualität der Spiele an. Manche Dinge, die Kinder am Computer machen, sind eben pädagogisch wertvoller als andere. Bei meiner Forschung im Bereich der Pädagogik und der Mensch-Computer-Interaktion komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass die Nutzung von Technologie an und für sich in keinerlei Verhältnis zu irgendwelchen Lernerfolgen steht. Es kommt viel mehr auf das Wie an.

Manche Technologien bieten von ihrer Struktur her mehr Möglichkeiten als andere. Der Spielvorgang in Minecraft dreht sich um das Konstruieren von Objekten aus würfelförmigen Blöcken und ist daher für die Beförderung des räumlichen Vorstellungsvermögens weit besser geeignet als zum Beispiel ein Ego-Shooter. (Tut mir leid, liebe Fans von Titanfall.)

Schickt die Mädels ins Netz!

Grundsätzlich kann man jeden beliebigen Aspekt eines Spiels modifizieren. Das wird modding genannt. Dafür muss man coden können, also programmieren, sprich Quellcode in einer Programmiersprache wie zum Beispiel Java schreiben können. Programmieren zu lernen, bedeutet nicht nur, eine Schlüsselqualifikation für das Arbeitsleben des 21. Jahrhunderts zu erlernen. Es werden dabei auch andere Fähigkeiten und Talente geschult, die im MINT-Bereich von Bedeutung sind, etwa kritisches Denken, Logik oder Problemlösungskompetenz.

Coding kann man durchaus als Basiskompetenz betrachten, ähnlich wie andere Grundkenntnisse, auf die Lernende weiter aufbauen. Schüler, die gut lesen können, haben zum Beispiel viel mehr Möglichkeiten, da sie sich zahlreiche Informationen erschließen können, die ihren Altersgenossen unzugänglich bleiben.

Wahrscheinlich ist Ihnen inzwischen schon aufgefallen, dass Programmieren im Lehrplan meist nicht vorgesehen ist. Die Kinder müssen es auf eigene Faust lernen. Und wenn es doch mal in einer Schule angeboten wird, melden sich fast nur Jungen dafür an, genau wie bei anderen naturwissenschaftlichen Fächern oder bei der Ingenieurslehre. Untersuchungen des Center for Reading Research zeigen, dass Mädchen immer noch suggeriert wird, Programmieren sei etwas für Jungs, genau wie Mathematik und Naturwissenschaften.

Minecraft-Modding aber gibt Mädchen die Gelegenheit, sich Programmier-Grundkenntnisse anzueignen, und zwar in einer Umgebung, die sie selbst als angenehm empfinden und die ihnen Spaß macht. Ein Mädchen, das aus eigener Motivation heraus lernt, wie man Minecraft-Mods erstellt, wird vielleicht auch Schulfächer wählen, bei denen ihre räumliche Vorstellungskraft, ihr Sinn für Logik und ihr kritisches Denkvermögen gefördert werden. Und natürlich spielt es eine große Rolle, dass Mädchen, wenn sie programmieren lernen und Feedback auf ihre Mods bekommen, eine Menge Selbstvertrauen entwickeln. Umso eher werden sie sich auch zutrauen, sich in Richtung Natur- und Ingenieurwissenschaften zu orientieren.

Es gibt einen einfachen Grund dafür, dass Mädchen in den Bereichen Naturwissenschaft und Technologie unterrepräsentiert sind: weil sie von der Schule nicht dabei unterstützt werden, ihre MINT-Fähigkeiten zu entwickeln und auszubauen. Vielleicht kann Minecraft dazu einen Beitrag leisten.

Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik

Dieser Beitrag ist Teil der Publikation “Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik” und erscheint auf Netzpiloten.de mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Sämtliche Artikel der diesjährigen Ausgabe sind hier auch online zu finden. Dieser Artikel erschien erstmals bei mom.me. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Aus dem Englischen von Ilja Braun.


Image “Hersman Girls” by Erik Hersman (CC BY 2.0)


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Reynol Junco

Reynol Junco

ist Associate Professor für Pädagogik und Mensch-Computer-Interaktion an der Iowa State University sowie Fellow am Berkman Center for Internet and Society der Harvard University. Demnächst erscheint von ihm ein Buch über Lerneffekte durch den Einsatz von Social Media in der Schule („Engaging Students through Social Media: Evidence-Based Practices for Use in Student Affairs“).

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