Gefühle, Hoffnungen und Rechte für Roboter und KI: Worauf müssen wir vorbereitet sein?

Wir sollten uns daran gewöhnen, demnächst deutlich mehr über Künstliche Intelligenz zu hören. Selbst, wenn man die utopische und dystopische Übertreibung weglässt, wird das 21. Jahrhundert in breitem Maße nicht nur durch die Fortschritte im Bereich Künstlicher Intelligenz, Robotik, Rechentechnik und kognitiver Neurowissenschaften bestimmt sein, sondern dadurch, wie man selbige bewältigt. Für viele stützt sich die Frage, ob die menschliche Rasse ein 22. Jahrhundert erleben wird, auf diese letzte Berücksichtigung. Während die Vorhersage der drohenden Gefahr einer auf KI zentrierten Zukunft Gegenstand einer intensiven Debatte bleibt, müssen wir uns mit dieser Tatsache arrangieren. Aktuell gibt es mehr Fragen als Antworten.

Grundlegend ist, dass das Europäische Parlament drastisch hin zu einer durch KI bestimmten Zukunft vorprescht. Vor wenigen Wochen beschloss das Komitee für Rechtsfragen innerhalb des Parlamentes in einer Abstimmung mit dem Ergebnis von 17:2 Stimmen, den Beginn eines Gesetzentwurfes für die Regulierung von Entwicklung und Nutzung Künstlicher Intelligenz und Robotik. In diesem Gesetzentwurf enthalten ist eine vorläufige Richtlinie darüber, was unter „elektronischem Menschsein“ zu verstehen ist – diese würde übereinstimmende Rechte und Verpflichtungen für die hochentwickeltsten Künstlichen Intelligenzen absichern. Das ist ein Anfang, aber nicht mehr.

Wer die Debatte über „elektronische“ oder „robotische“ Menschlichkeit verfolgt hat, versteht vermutlich, wie deprimierend diese Themen sind und wie instinktiv geleitet die Reaktionen darauf sein können. Für alle, die sich damit bisher nicht beschäftigt haben, ist genau jetzt ein guter Zeitpunkt, damit anzufangen.

Die Idee einer Roboter-Persönlichkeit ist ähnlich zum Konzept einer Person mit körperschaftlichen Eigenschaften, die es Unternehmen erlaubt, in Rechtsfällen sowohl als Kläger oder Beklagter auftreten zu können – also zu klagen und auch verklagt zu werden. Der Bericht identifiziert etliche Bereiche mit potentieller Aufsicht, wie beispielsweise die Formierung eines europäischen Büros für Künstliche Intelligenz und Robotik, einer bindenden Definition von „intelligent-autonomen Robotern“ , ein Registrierungssystem für die Höchstentwickelten unter ihnen, sowie ein Konzept zur Pflichtversicherung für Unternehmen, um durch Roboter verursachte Schäden und Verletzungen abzudecken.

Der Bericht adressiert zudem die Möglichkeit, dass Künstliche Intelligenz und Robotik eine zentrale Verursacherrolle hinsichtlich massiver Jobverluste sein können und verlangt nach einer „ernsten“ Auseinandersetzung mit der Umsetzbarkeit, ein umfassendes Grundeinkommen als Strategie zur Minimierung der ökonomischen Auswirkungen von Massenautomatisierung gesamter Wirtschaftsbereiche einzusetzen.

Wir sind die Roboter

Diese Herausforderungen mögen entmutigend sein – und sie werden definitiv nicht schmackhafter in Anbetracht der zunehmend beklagenswerten geopolitischen Situation: Gesetzgeber, Politiker und Gerichte kratzen aktuell gerade erst an der Oberfläche dessen, welche Probleme und tatsächlich auch Möglichkeiten Künstliche Intelligenz und Robotik bieten. Ja, fahrerlose Autos sind problematisch, aber nur in einer Welt, in der herkömmliche Autos existieren. Verzichtet man auf diese, wird jede Straße und Stadt, jeder Staat, jede Nation und jeder Kontinent, die ausschließlich von fahrerlosen Autos befahren werden, im Grunde zu einem sehr ausgeprägten Netzwerk aus Eisenbahn-Signalen.

Ich kann hier die Umsetzbarkeit von Dingen wie genereller Künstlicher Intelligenz oder sogar der Büchse der Pandora – die Simulation des kompletten Gehirns, bei der eine künstliche, Software-basierte Kopie eines menschlichen Gehirns abgebildet wird, die identisch zu ihrem Vorbild funktioniert, nicht bewerten. Nehmen wir also einfach die grundlegende technische Umsetzbarkeit an und stellen uns eine Welt vor, in der maßgeschneiderte, fühlende Roboter und robotische Versionen von uns selbst, ausgestattet mit perfekten Kopien unserer Gehirne, zur Arbeit gehen und mit uns „Netflix and chill“ treiben.

Dass die bloße Idee, separate, austausch- und bearbeitbare und in Robotern eingebettete Kopien von Menschen zu erschaffen, sowohl konzeptionelle als auch praktische und juristische Herausforderungen eröffnet, muss hier nicht erwähnt werden. Zum Beispiel müssten grundlegende Prinzipien im Vertragsrecht neu aufgesetzt werden für Verträge, in denen eine der Parteien eine digitale Kopie eines biologischen Menschen ist.

Würde also ein Vertrag im Namen von Jane Smith sowohl für die biologische Jane Smith als auch ihre Kopie gelten? Dieselbe Frage muss auch hinsichtlich Ehe, Elternschaft, im Bereich Wirtschafts- und Besitzrecht und so weiter gelten. Wenn eine elektronische Kopie im Wesentlichen eine verkörperte Version eines biologischen Bewusstseins ihres Vorbildes ist, mit denselben Erfahrungen, Gefühlen, Hoffnungen, Träumen, Schwächen – auf welcher Grundlage sollten wir da für Menschen gültige Rechte verweigern? Das klingt absurd, aber ist dennoch eine Absurdität, die bald Realität werden könnte. Somit können wir uns es nicht leisten, sie wegzulachen oder übersehen zu wollen.

Weiterhin stellt sich die Frage, welche fundamentalen Rechte eine Kopie des biologischen Originals haben sollte. Wie sollten demokratische Wahlen also beispielsweise betrachtet werden, wenn das Kopieren von menschlichen Identitäten in künstliche Körper und Maschinen so günstig wird, dass Wahlbetrug durch die Schaffung von Kopien ein und desselben Wählers zu einer ernstzunehmenden Möglichkeit wird?

Sollte jede Kopie eine solitäre Stimme bekommen, oder nur einen rechnerischen Anteil in Abhängigkeit von der Anzahl der Kopien, die von einer Person bereits existieren? Wenn ein Roboter das Eigentum seines „Besitzers“ ist, sollten sie dann einen größeren moralischen Anspruch an die Wahl haben als, sagen wir, eure Katze? Wären Rechte übertragbar auf Back-up-Kopien für den Fall, dass das biologische Vorbild stirbt? Was, wenn das Kopieren so günstig, schnell und effizient wird, dass eine komplette Wählerbasis nach Gutdünken eines gut betuchten Kandidaten geschaffen werden kann und jeder mit einem eigenen, moralischen Anspruch an eine demokratische Wahl ausgestattet wird?

Wie fühlt ihr euch bei dem Gedanken an eine Wählerbasis, die aus einer Million Roboterkopien von Milo Yiannopolous besteht? Erinnert sich noch jemand an die Diskussion in den Vereinigten Staaten über den Betrug mit sogenannten Phantomwählern? Man stelle sich das Ganze nun einmal auf Steroiden vor. Welchen demokratischen Interessen obliegen nicht-biologische Personen, die keine Anfälligkeit für Alter, Gebrechen oder Tod besitzen. Wer jetzt noch beruhigt einschlafen kann, hat Glück gehabt.

In die Gedankenwelt hineingetaucht

Das alles sind faszinierende Spekulationen. Sie werden sicherlich zu großflächigen sozialen, politischen, wirtschaftlichen und philosophischen Veränderungen führen, sofern sie Bestandteil des Alltagslebens werden. Aber gerade weil sie in steigendem Maße zu Lebensinhalten werden, sollten wir damit beginnen, tiefgreifend über Künstliche Intelligenz und Robotik nachzudenken, statt nur über selbstfahrende Autos und die daraus folgenden Jobproblematiken. Wenn man ein beliebiges liberales und auf Menschenrechte aufgebautes System als Nennwert nimmt, führt dies fast immer zu der Schlussfolgerung, dass fortgeschrittenen Künstlichen Intelligenzen Menschenrechte gewährt werden sollten, sofern wir strikt die konzeptionellen und philosophischen Fundamente interpretieren, auf denen diese beruhen.

Warum ist es also so schwer, diese Schlussfolgerung zu akzeptieren? Was daran lässt uns so unbehaglich, unbequem oder bedroht empfinden? Menschen haben einen exklusiven Anspruch an biologische Intelligenz genossen und wir benutzen uns selbst als Maßstab für die Bewertung jeglicher anderer Intelligenz. Auf einer Ebene fühlen sich Menschen unbehaglich in Bezug auf die Idee des robotischen Menschseins, weil das Einräumen von Rechten für nicht biologische Personen bedeutet, dass wir Menschen bedeutend weniger besonders werden.

Tatsächlich beruhen unsere am tiefsten verwurzelten religiösen und philosophischen Traditionen auf der Vorstellung, dass wir im Grunde wunderschöne und einzigartige Wesen sind, die mit dem Funken des Lebens und Fähigkeiten durchdrungen sind, die uns andere Spezies übersteigen lassen. Das ist verständlich, auch wenn man zahlreiche Wege finden würde, dem zu widersprechen.

Auf einer anderen Ebene erzeugt die Vorstellung des robotischen Menschseins – im Besonderen in Bezug auf das Wahlrecht – bei uns Unbehagen, weil es uns die Belastbarkeit und Anwendbarkeit unserer heiligsten Werte hinterfragen lässt. Das trifft vor allem in Zeiten von Fake News, „alternativen Fakten“ und die fortschreitende Erosion am einst stolzen Bauwerk des liberalen, demokratischen Staates zu. Mit jedem neuen Fortschritt im Sektor der Künstlichen Intelligenz und Robotik gelangen wir stetig näher an den Moment der Abrechnung – nicht nur mit uns selbst, sondern darüber, ob unsere Gesetze, rechtlichen Konzepte und die historischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Fundamente, auf denen sie beruhen, wirklich dazu geeignet sind, die Welt zu adressieren, wie sie sein wird, und nicht, wie sie einst war.

Die Entscheidungen und Taten, die wir heute in Bezug auf Künstliche Intelligenz und Robotik tätigen, weisen pfadabhängige Implikationen für unsere Entscheidungen von morgen auf. Es obliegt allen von uns, sich damit zu beschäftigen, was passiert, um die Auswirkungen zu verstehen und zu reflektieren, ob Bestrebungen, wie die des Europäischen Parlamentes nicht mehr sind als neuer Wein in alten Schläuchen. Es gibt keine Zukunftsforschung, aber wir können besser in die Zukunft schauen und das Ende des Weges verstehen, wenn wir uns aufmerksam auf die Gegenwart und die Entscheidung, die wir als Gesellschaft hinsichtlich der Technologie getroffen haben, konzentrieren.

Wenn man das tut, erkennt man, dass wir als Gesellschaft keine wirklich demokratischen Entscheidungen über Technologie getroffen haben. Mehr oder weniger wurden wir gezwungen zu akzeptieren, dass gewisse Dinge in unsere Welt eindringen und wir entweder lernen, ihre Vorteile zu nutzen oder aber zurückzufallen und natürlich auch mit ihren Auswirkungen klarzukommen. Vermutlich ist der erste Schritt, Gesetze und politische Vorschläge nicht als Ausgangspunkt dafür zu betrachten, wie man mit Künstlicher Intelligenz „umgeht“, sondern dass man anfängt, die demokratischen Defizite zu korrigieren – sei es als Gesellschaft oder sogar als die ganze Welt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Menschenmenge“ by mwewering (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Christopher Markou

Christopher Markou

promoviert zur Zeit an der juristischen Fakultät der University of Cambridge. Er beschäftigt sich unter anderem mit Fragen des Rechts in den Bereichen Technologie, KI und VR.

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