Gefangen im Digital

Markus Angermeier, auch bekannt unter dem Namen kosmar, über Last und Freuden des digitalen Lebens im Mitmachnetz. Kosmar lebt und arbeitet als freiberuflicher Designer in Berlin.

So schwierig ist das angeblich so hektische Leben in der Generation Always-On gar nicht.

Man muss sich nur Grenzen setzen und Regeln aufstellen. Time Management heißt das. So habe ich zum Beispiel feste Zeiten am Tag, an denen ich Twitter lese und schreibe: Zu jeder ungeraden Minute. Emails lese und bearbeite auch ich nur dann, wenn gerade eine neue ankommt.

Facebook, ipernity, StumbleUpon und Xing nutze ich nur, wenn auch wirklich etwas viel Wichtigeres zu tun wäre. Vor wichtigen Terminen schaue ich zum Beispiel gerne eine Stunde auf den Screensaver von ffffound. Dann bin ich optimal vorbereitet.

Zur Erledigung von Aufgaben wie Spam löschen, Updates installieren, Bacn verwalten und Passworte ausdenken, habe ich mir in einer schmerzfreien Behandlung das vegetative Nervensystem erweitern lassen. So geht das von der Hand, ohne dass der Kopf etwas davon weiß. Meine Augen und der Daumen auf dem Trackpad des Macbooks sprechen direkt miteinander über eine spezielle Nervenbahn.

Ernsthaft: Es gibt kein Geheimnis. Nur die richtigen Tools.

Die habe ich auch noch nicht gefunden. So hilft mir die Facebook Boostbar, mich in der Datenkrake Facebook besser zurechtzufinden. (Nur das Passwort will sie sich nicht merken.) Twitter lese ich per Snitter, das stürzt aber auf meinem Macbook alle 20 Minuten ab. Skype kann noch nicht richtig mit dem neuen Max OS Leopard und auch Google Talk ist nicht wirklich optimal. Der RSS-Ticker für Firefox ist toll, nur komme ich mit den Einstellungen nicht klar. iGTD verwaltet die wirklich wichtigen Aufgaben. Nur müsste ich auch jeden Tag mal reinschauen. Das Feedlesen hab´ ich übrigens wirklich komplett aufgegeben, obwohl Vienna echt fast perfekt ist. Vielleicht morgen wieder.

Meine konsequente Verweigerung eines Mailprogramms hindert mich daran, Emails zu lesen, während ich offline bin. Nur bin ich ja nie offline. Denn auch mein Telefon kann ja inzwischen mit dem Internet sprechen.

Aber warum das alles?

Warum der ganze Stress, immer auf der Suche nach einem Wlan und billigeren Telefontarifen? Es gibt ja auch noch ein Leben abseits des Bildschirms, verdammt noch mal.

Ich dachte immer, es sei mein Job, das Internet und alles darin zu beobachten. Das ging auch gut, bis jemand das Web 2.0 erfunden hat. Beobachten reicht da ja nicht mehr. Man muss sich preisgeben, Datenschutz und Privatsphäre beim Schaffner abgeben. Man muss mitmachen, Freunde zu Freunden erklären, immer eine Meinung haben und eine Antwort wissen. Dann sollte man etwas in den Blog schreiben und dabei möglichst witzig bleiben: Wer lacht, gewinnt.

Heute bin ich verstrickt in soziale Geflechte der digitalen Art.

Genau diese sind das wirklich Faszinierende. Früher war ich ein unausgeglichener, nicht austherapierter Schlaf- und TV-Abhängiger. Dann kamen StumbleUpon, Orkut und Flickr aus dem Bildschirm und haben mich angesprungen. So habe ich in den letzten fünf Jahren mehr Menschen kennengelernt als in den 15 Jahren davor zusammen. Und der Mensch will immer mehr und mehr: Sucht ist das eine Wort dafür. Erfüllte Realität ist das andere.

Denn real sind die Dinge auf dem Bildschirm allemal. Da kann man das Wort virtuell noch so strapazieren: Ratschläge, Witze und Beleidungen im Meatspace – auch Realität genannt – existieren zwar noch, nachdem sie ausgesprochen wurden. Zu hören sind sie indes nicht mehr. Google hingegen vergisst nie, was du in ein Textfeld geschrieben hast.

Natürlich sind diese Onlinebeziehungen mit Leuten, die ich zum Teil nur als Pixelhaufen von 48 Pixeln Seitenlänge kenne, nicht so tiefgehend wie die, die ich mit der Nase riechen kann. Dennoch sind mir einige sehr wichtig. Den Kern von Freundschaft, nämlich Hilfe, Trost und Antrieb, kann ich zumindest zum Teil aus meinem digitalen sozialen Netz beziehen. (Immerhin halten sich dort ja auch meine Freunde aus der Offlinewelt auf.)

Nicht zuletzt macht das alles irre Spaß. Wenn man dann die Onlinefreunde in Person trifft, kennt man sich zumindest schon so gut, dass gemeinsame Arbeit oder eine Unterhaltung selten ein Problem darstellen.

Deshalb setze ich mich gerne der Last des Digitalen aus. Aber auch Urlaub ist etwas Schönes. Und Familie, Musik, Schlaf, Anfassen und Essen sind überhaupt das Beste auf der Welt. Wie sich das alles anfühlt kann ich ja immer noch zwischendurch twittern.

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Peter Bihr

Peter Bihr

war Netzpiloten-Projektleiter von 2007-2010. Heute hilft er als freier Berater Unternehmen, ihre Strategien erfolgreich ins Netz zu übertragen. Über Social Media und digitale Kultur schreibt und twittert Peter auch privat unter TheWavingCat.com.

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