Gayromeo – ein Hidden Champion im deutschen Internet

Bei einem Hidden Champion steht die öffentliche Aufmerksamkeit in keinem Verhältnis zum Ausmaß der tatsächlichen Erfolgsgeschichte. Ein solcher unterschätzter Gigant ist das ursprünglich deutsche Gayromeo. Es steht auch international gut da, und ist weit über die Grenzen seiner Zielgruppe hinaus bekannt.


Quelle: „Ein Gayromeo für Heteros?“ (Ausschnitt)

In seiner Zielgruppe hat das Portal eine beispiellose Marktdurchdringung. Und Karteileichen sind eher die Ausnahme, das „schwule Einwohnermeldeamt“ wird von den meisten Mitgliedern rege genutzt. Laut einer Marktforschungsstudie aus dem Jahr 2010 liegt die durchschnittliche monatliche Nutzungsdauer bei zwölf Stunden pro Monat – und damit mehr als doppelt so hoch als bei Facebook oder StudiVZ…

Was ist Gayromeo?

Gayromeo ist eine Mischform, die verschiedene Nutzungsmotive vereint. Technisch ist es eine Singlebörse: Nutzer legen ein Profil an, laden Bilder hoch, verfassen einen Profiltext und beschreiben sich über verschiedene Kategorien: Alter, Wohnort, Vorlieben im Bett und Interessen. Nach eben diesen Kategorien kann man dann über eine Filter-Funktion so detailliert suchen, das das ganze teilweise dem Stöbern in einem Einkaufskatalog ähnelt.

Daneben erfüllt Gayromeo die Funktion eines sozialen Netzwerkes, in dem man Gruppen eröffnen, alte Bekannte wiederfinden und Freunde verlinken kann. Aus diesem Grund löschen die wenigsten ihr Profil, auch dann nicht, wenn sie vergeben sind. Eher wechseln sie ihren „Status“ von Single auf „Ich habe einen Partner“ und verlinken offiziell ihren Freund. Das wäre bei klassischen Dating-Portalen undenkbar.

Und natürlich geht es bei Gayromeo um Sex. Die detaillierte Suchfunktion erleichtert eine zielgenaue Ansprache. Wie leicht das geht, ist legendär. Spötter vergleichen es mit der Bestellung einer Pizza, die nur 20 Minuten später zu Hause ankommt. Viele Hetero-Männer und -Frauen beneiden Schwule um die unkomplizierten Anbahnungs-Möglichkeiten – wohl wissend dass ein solcher Ablauf zwischen Männern und Frauen undenkbar wäre.

Hintergrund

Gayromeo wurde 2002 in Berlin gegründet und vier Jahre lang dort betrieben. 2006 ging die Mutterfirma Planetromeo B.V. nach Amsterdam ins Exil, auf der Flucht vor deutschen Gesetzen für Internet-Anbieter. Die deutschen Jugendschutz-Regeln hätten verlangt, dass sich Nutzer über das aufwändige Post-Ident identifizieren müssten, da auf der Plattform auch nicht-jugendfreie Bilder hochgeladen werden.

In Deutschland sind 370 Tausend Nutzer registriert. Der Dienst ist in 19 Sprachversionen verfügbar und hat in mehr als einem Dutzend Ländern zumindest fünfstellige Nutzerzahlen. Der Schwerpunkt liegt ganz klar in Europa. Durch die Integration der Plattform Guys4men kamen aber auch Nutzer außerhalb Europas hinzu, vor allem auf den Philippinen und in Indien.

Geschäftsmodell: Thank-You-Economy und Crowdsoucing

Gayromeo ist ein seltenes Kunststück gelungen: es gibt fast keinen Grund, sich einen Bezahl-Account zuzulegen, und trotzdem hat sich das Portal lange Zeit fast ausschließlich über niedrige, monatliche Premium-Beiträge finanzieren können. So gut wie alle wichtigen Funktionen sind kostenlos: man kann Bilder sehen, Nachrichten schreiben und lesen. Auch die klassischen Premium-Funktionen fallen überwiegend in den Gratis-Bereich: sehen, wer auf dem eigenen Profil war, digitale Geschenke in Form von „Fußtapsen“ versenden und mehrere Bilder hochladen. Das Hauptmotiv, Geld zu zahlen, ist die Verbundenheit mit der Plattform … weil Nutzer es schön finden, dass Gayromeo unabhängig von Konzernen, kostenlos nutzbar und überhaupt so nett ist. Gayromeo ist eines der wenigen Beispiele, bei denen die 2009 ausgerufene „Thank-You-Economy“ tatsächlich funktioniert.

Um das Erfolgsgeheimnis zu verstehen, reicht es aber nicht zu fragen, wie Geld eingenommen wird. Vor allem auch auf der Kostenseite profitiert Gayromeo von seinen dankbaren Nutzern. Der Support und das Freischalten von Bildern wird von freiwilligen Nutzer-Administratoren übernommen. Das sind Aufgaben, die normalerweise einen großen Stab an bezahlten Mitarbeitern erfordern. Dass Diese Form des „Crowdsourcings“ funktioniert ansonsten nur bei Wikipedia.

Markt

Gayromeo bewegt sich auf einem der am stärksten umkämpften Märkte überhaupt: in der Branche der Online-Partnersuche werden Millionen für Fernseh-Werbung und Google-Anzeigen ausgegeben . Den im Mainstream-Segment tobenden Kämpfen um Marktanteile begegnet Gayromeo aber mit erstaunlicher Gelassenheit, es gibt quasi keine Marketing-Ausgaben: die Betreiber schalten keine Werbung und zahlen keine Affiliate-Provisionen für Vergleichsseiten, die auf dem Dating-Markt die Nutzer-Ströme steuern. Trotzdem hat sich Gayromeo seit Jahren gegen Wettbewerber behaupten können, die sich für die zahlungskräftige Zielgruppe schwuler Männer interessieren. Da sind zum einen die finanzstarken Ableger der großen Mainstream-Dating-Portale: Gay-Parship und GayDarling haben viel Markt-Kompetenz, hohe Werbe-Budgets und durchaus Zulauf. Und dann gibt es immer wieder Versuche „von unten“, im Moment präsentiert sich das Portal Nearox über ganzseitige Zeitschriften-Anzeigen als neues „Gay Social Network“.

Dass ein US-Wettbewerber in Deutschland wildern kann, ist teilweise selbst verschuldet. Gayromeo hat lange Zeit technologische Entwicklungen verschlafen, vor allem im mobilen Bereich. Die Orts-basierte Dating-App fürs Handy Grindr konnte deswegen virale Erfolge feiern und wird mittlerweile auch in Deutschland teilweise parallel genutzt.

Ausblick

Das Geschäftsmodell von Gayromeo lässt es nicht zu, die eigene Position mit hohen Werbeausgaben zu verteidigen, und technologische Versäumnisse lassen sich nicht immer wettmachen. Doch bis hat sich sich Gayromeo in Deutschland immer gegen Wettbewerber durchsetzen können. Die Verbindung aus Sozialem Netzwerk und Dating-Portal ist sehr erfolgreich, und die hohe Nutzer-Zufriedenheit tut ihr übriges. Die Geschichte des Netzes zeigt aber, dass auch zementiert wirkende Verhältnisse nicht auf Dauer bestehen müssen.

Statt eines Abstiegs ist auch ein anderes Szenario denkbar und nicht unwahrscheinlich: eine zunehmende globale Verbreitung. Die momentan vollzogene, eher unauffällige Umbenennung in „Planetromeo“ würde dazu passen. Wenn nur die Produktlogik zählen würde, wäre Gayromeo schon lange weltweiter Marktführer. Die großen angelsächsischen Wettbewerber schränken ihre kostenlosen Nutzer viel stärker ein. Das Gayromeo-Modell müsste deswegen auch dort schnell Sympathisanten finden. Der Netzeffekt, von dem Gayromeo in Deutschland profitiert, behindert aber gleichzeitig diese Entwicklung. In Deutschland wie überall gilt ein eisernes Gesetz: Nutzer von sozialen Netzwerken gehen dorthin, wo die meisten anderen Nutzer sind, allen Preismodellen und Produktmerkmalen zum Trotz.

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Stefan Mey

Stefan Mey

hat Publizistik und Soziologie studiert und lebt als freier Journalist in Berlin.

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